Nr. 24/2018 vom 14.06.2018

Oslo ist überall

Fernsehen ohne Grenzen: Bei der norwegischen Webserie «Skam» ging die Geschichte auf Facebook und Instagram weiter. Andere Länder sind längst aufgesprungen, das Schweizer Fernsehen zieht lieber mit einer eigenen Serie nach.

Von Timo Posselt

Die Mädchengang vom Höllengymnasium: Durch alle Altersgruppen und Schichten hing Norwegen an den Lippen von Vilde, Noora und Eva. Foto: NRK

Mit Fernsehen im herkömmlichen Sinn hat das nichts mehr zu tun: Die Webserie «Skam» erzählte aus dem Leben einer Mädchengang in Norwegen, doch statt in abgeschlossenen Folgen tat sie das in einzelnen Clips. Am Anfang jeder Szene standen Uhrzeit und Tag der fiktiven Handlung. Genau zu diesem Zeitpunkt erschienen die Szenen dann auf einem Blog. Dazwischen konnte man die Facebook- und SMS-Chats der Figuren lesen, die auf Instagram das «Duckface» machten und in ihren Snapchats posierten. Als die ganze Episode jeweils am Freitagabend im norwegischen Fernsehen ausgestrahlt wurde, hatten sich die Fans jeden Clip längst einzeln gestreamt.

Sana, Noora, Eva, Chris und Vilde sind fünf Freundinnen in Oslo, und in «Skam» gehen sie gerade durch die Hölle. Die heisst Hartvig Nissen, es ist der Name ihrer Mittelschule. Prüfungen tragen ihnen nicht nur die LehrerInnen auf, sondern auch das Leben: Eva hat ihrer besten Freundin den Typen ausgespannt, für die ist sie jetzt eine «Schlampe». Noora verliebt sich in William, der eigentlich ein Arschloch ist, aber eben auch zum Verlieben. Leider steht Vilde auch auf ihn. Die junge Muslima Sana schliesslich will nur ihren Glauben leben und eine junge Frau werden, aber alle wollen ihr sagen, wie das geht. Die Kamera heftet sich an die Gesichter der Figuren, gleichzeitig schwebt sie oft unruhig auf und ab, die Musik katalysiert die Stimmungen: Trash, Hits und Indie wechseln sich ab – genau wie auf den Playlists der Kids.

Deutsche machen «Druck»

In Norwegen gab es bald kein Halten mehr: Durch alle Altersgruppen und Schichten schaute man «Skam». Erwachsene begannen, wie die Jugendlichen in der Serie zu reden, die Kids nervten sich krank und suchten neue Abgrenzungsmerkmale. Als eine Folge einen Vergewaltigungsversuch zum Thema machte, stiegen die Vergewaltigungsanzeigen bei der norwegischen Polizei frappant an. Als die letzte Episode 2017 erschien, streamte sie ein Viertel der norwegischen Bevölkerung. Das Phänomen blieb nicht auf Norwegen beschränkt. Von Korea bis in die USA bildeten sich Fangemeinden, die Hartvig Nissen stand plötzlich auch in Seoul und Seattle.

In Frankreich, Spanien, Italien, den Niederlanden, Deutschland und den USA wird «Skam» nun adaptiert. Bei ARD und ZDF und ihrem Jugendsender Funk heisst die Serie «Druck», was etwas sozialtherapeutisch klingt. Und so wirkt sie auch: Während der Eingangsmonolog im norwegischen Original und auch bei «Skam France» eine vernichtende Tirade auf die mittelständische Selbstgerechtigkeit ist, redet der altkluge Jonas in «Druck» wie ein Feuilletontext: «Meine Generation, was auch immer das ist, soll angeblich wieder politischer sein. Vielleicht wirkt es so, als wären wir politischer, weil es wieder klare Fronten gibt.» Statt auf jugendliche Dringlichkeit scheint «Druck» auf Selbstvergewisserung für Erwachsene zu zielen: Keine Bange, liebe Eltern, das öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigt euch, wie eure Kids ticken. Entsprechend desinteressiert reagiert die Jugend: Auf Facebook hat die hölzerne Adaption nicht einmal 600 Likes.

Stress von allen Seiten

Der Erfolg des norwegischen Originals war nicht vorhersehbar. Dennoch ging ihm eine gründliche Marktforschung bei den Kids voraus, und fürs Casting besuchte die Erfinderin Julie Andem unzählige Mittelschulen in und um Oslo, bevor sie schliesslich 1200 Jugendliche zum Vorsprechen lud. Titel und Dialoge wurden mit den Jugendlichen ausgehandelt, auf allen Kanälen wurde über jede Wendung des Plots diskutiert, die Macherinnen verloren nie den Kontakt mit ihrer Zielgruppe. Beim deutschen «Druck» zeigt sich jetzt, dass eine solche Dynamik durch Nachahmung allein nicht entsteht.

Beim Schweizer Fernsehen (SRF) plant man keine «Skam»-Adaption. Man will auf eigene Projekte setzen: Seit 2016 zielt die eigene Abteilung für Webprojekte auf die Zielgruppe der unter 35-Jährigen. Also eigentlich alle, die noch nicht für den «Samschtig-Jass» infrage kommen. So unscharf das Publikum definiert sein mag, so neu wirkt die SRF-Webserie «Nr. 47»: Eveline ist Anfang zwanzig und zieht gerade in ihre erste Wohnung. Doch statt Autonomie kriegt sie Stress von allen Seiten: Mutter, Job, Nachbarn, Boyfriend. Von den etwas gestellt wirkenden Dialogen der ersten Szenen sollte man sich nicht abschrecken lassen: «Nr. 47» funktioniert immer dann am besten, wenn die Zwanzigjährigen unter sich bleiben. Wie bei Evelines Einweihungsparty: Blaues Licht, Synthies wie aus dem «Drive»-Soundtrack, und Boyfriend Yannick hat allen ausser Eveline erzählt, dass er bei ihr einzieht. Dann zoomt die Kamera in Zeitlupe auf Eveline, die ein Gesicht zieht wie tausend Jahre Hass.

Die Clips sind jeweils nur wenige Minuten lang, zugeschnitten für Tramfahrten oder Rauchpausen. Der Sound kommt von MusikerInnen aus der Schweiz, nachhören kann man das, genau wie bei «Skam», als Playlist auf Spotify. Zudem wurden alle Jobs bei «Nr. 47» an Nachwuchstalente vergeben: Von Regisseur bis Produzentin durfte bei Projektstart niemand älter als dreissig sein. Schade nur, dass die Serie – ausser auf Twitter – nicht auch in sozialen Netzwerken stattfindet.

«Skam» und seine internationalen Adaptionen findet man auf Streamingplattformen. «Nr. 47» gibts auf www.srf.ch.

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