Nr. 15/2021 vom 15.04.2021

Sag das Zauberwort

«Futur Drei» von Faraz Shariat ist der Überraschungsfilm des Jahres: queeres Popcornkino, für das Spass und Politik keine Gegensätze sind.

Von Timo Posselt

Mit den Fingern in der Keksdose erwischt: Parvis (Benjamin Radjaipour) muss Sozialdienst leisten und wird mit der Realität konfrontiert – auch seiner eigenen. Still: Jünglinge Film

Schon in den ersten drei Szenen steckt ein ganzes Leben: Auf verwackelten VHS-Aufnahmen tanzt ein Bub in einem «Sailor Moon»-Kostüm. Schnitt. Vor einem Club hört ein junger Erwachsener Geburtstagsglückwünsche auf Farsi, drinnen hat er Sex mit einem Fremden, bis der ihn fragt: «Woher kommst du eigentlich?» Schnitt. Ein Einfamilienhaus im Grünen, der Tisch ist gedeckt fürs Grillfest, eingeladen sind iranische und deutsche Verwandte. Schnitt. Noch vor der Einblendung des Filmtitels montiert «Futur Drei» in drei losen Szenen die volle Komplexität dieser postmigrantischen Identität: Aufwachsen in einer deutschen Kleinstadt, als schwuler Jugendlicher mit iranischen Eltern.

Parvis (Benjamin Radjaipour), der blondierte Held von «Futur Drei», muss wegen eines Ladendiebstahls Sozialstunden in einer Unterkunft für Geflüchtete leisten. Lieber hätte er sich weiter seinem Alltag gewidmet, bestehend aus Selfies mit Sushi, Analmasturbation im Kinderzimmer oder anonymem Sex mit jung gebliebenen deutschen «Kartoffeln» in durchkuratierten Hochhauswohnungen. Stattdessen sitzt er nun in Ausschaffungsgesprächen und soll abgelöschten PolizistInnen iranische Dialekte übersetzen, die er selbst nicht versteht.

Doch dieser Reality Check führt Parvis auch zu den Geschwistern Amon (Eidin Jalali) und Banafshe (Banafshe Hourmazdi). Aus dem Iran geflüchtet, warten die beiden auf den Asylentscheid – und finden in Parvis einen Komplizen für Partynächte. Während Banafshe spiessige Deutsch-Iraner datet, kommen sich Amon und Parvis näher: ein schwules Sommermärchen, so romantisch wie «Call Me by Your Name» des Regisseurs Luca Guadagnino aus dem Jahr 2017, nur ohne die Sorglosigkeit des Wohlstands.

Twerken im Tanzkreis

Der tanzende «Sailor Moon»-Bub auf VHS zu Beginn ist der Regisseur Faraz Shariat. Mit seinem Helden Parvis teilt er nicht nur die iranischen Eltern und das schwule Begehren, sondern auch die Erfahrung der Sozialstunden in der Asylunterkunft. Dennoch unterläuft «Futur Drei» immer wieder die Authentizitätserwartung. Zwischen die intimen Dialogszenen schneidet der 26-Jährige Szenen wie aus Musikvideos von Beyoncé oder Solange Knowles: Dampfschwaden in der Shishabar, Twerken im Tanzkreis, Geburtstagsfeiern im Gewächshaus. In Zeitlupe schwebt die Kamera über die Gesichter, und der Soundtrack ist eine Zeitreise: Nena, Grimes und der «Sailor Moon»-Titelsong «Sag das Zauberwort».

Das TV-Bildformat des Films schliesslich schlägt den Bogen von den VHS-Kassetten der Kindheit zum Instagram-Feed der Gegenwart: Die körnigen Bilder von damals überblenden mit den Pastellfarben und dem digitalen Weichzeichner von heute. Der Titel dieses Films ist also auch ein ästhetisches Versprechen. Visuell ist «Futur Drei» ein Mosaik: Wie in einem hybriden Millennialarchiv reihen sich Szenen authentischer Rassismuserfahrung an Bilder bewusster Künstlichkeit wie aus der Popkultur. «Potenzialitäten» nannten sie beim Dreh diese Tanz- und Feierszenen, erzählt Nebendarstellerin Banafshe Hourmazdi bei der Schweizer Premiere im Stadtkino Basel: «Die Szenen sind kleine filmische Utopien, wo das gewaltvolle Aussen für die Figuren keine Rolle spielt.»

Aus dem Popseminar

Regisseur Faraz Shariat und Produzentin Paulina Lorenz lernten sich im Popkulturseminar an der Uni kennen, nach dem Studium gründeten sie ihre eigene Produktionsfirma und schrieben gemeinsam das Drehbuch für «Futur Drei». Zunächst waren noch öffentlich-rechtliche Fernsehsender beteiligt, doch die RedaktorInnen schlugen berühmte türkischstämmige SchauspielerInnen, die gar kein Farsi sprachen, für die Rollen vor. Zudem wollten sie, dass unter den ExiliranerInnen statt Farsi mehr Deutsch gesprochen würde. Weil sie sich nicht auf diese Weise «kreativ begleiten» lassen wollten, pfiffen Shariat und Lorenz auf die Finanzierung durch das Fernsehen. So hatten sie zwar viel weniger Mittel, aber die Freiheit, einen Film genau nach ihren Vorstellungen zu machen: «selbstbestimmtes, queer-feministisches Popcornkino» nennt es Produzentin Lorenz.

Den Farsi sprechenden Cast trommelten sie bei progressiven Theaterbühnen zusammen, wo sie auf die gleiche Haltung zählen konnten. So sagt Schauspielerin Banafshe Hourmazdi: «Dass politische Arbeit und Spass sich gegenseitig ausschliessen, ist eine Vorstellung aus einer anderen Generation.» Das klingt wie ein Echo auf den Helden Parvis, der im Film sagt: «Ich glaub, ich bin viele Dinge.»

Nach seiner Weltpremiere am Filmfestival Berlin tourte «Futur Drei» über die Leinwände queerer Festivals weltweit, vom Luststreifen in Basel bis zum Outfest in Los Angeles. In den deutschen Kinos wurde der Film zum Überraschungserfolg: In der dritten Woche übertraf er gar die Eintritte des Hollywood-Blockbusters «Tenet». Mit «Futur Drei» schreibt sich Regisseur Faraz Shariat in die Nachfolge des queeren kanadischen Filmemachers Xavier Dolan ein: Die beiden eint ihre Liebe zur Popkultur und ihr Vertrauen in die utopische Suggestivkraft der Bilder.

Dieser politische Anspruch steckt schon im Titel des Films: «Futur Drei» ist eine Zeitform, die es in unserer Sprache zwar nicht gibt, die sich aber denken lässt. Weil wir nun die Bilder dazu haben.

Jetzt auf Blu-Ray und DVD, vom 15. bis 18. April 2021 auch im Streaming über www.futur3-festival.de.

Im Mai 2021 in diversen Schweizer Kinos: Basel, Stadtkino, www.stadtkinobasel.ch ; St. Gallen, Kinok, www.kinok.ch ; Winterthur, Cameo, www.kinocameo.ch ; Zürich, Xenix, www.xenix.ch.

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