Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Die Würde der Unsichtbaren

Von Anna Jikhareva

Jugendliche Gefängnisinsassen und Opfer politischer Schauprozesse, Sklavinnen aus Zentralasien und streikende Lkw-Fahrer, Sexarbeiterinnen und Querdenker: Es sind die Randständigen der russischen Gesellschaft, die Komplizierten und Widersprüchlichen, die Victoria Lomaskos Interesse zu wecken vermögen. Die Unsichtbaren und Zornigen. So heisst auch der neue Sammelband der russischen Künstlerin und Kuratorin. Das eben auf Deutsch erschienene Buch bietet einen guten Überblick über Lomaskos Schaffen der letzten Jahre – und dokumentiert ein Land im Wandel.

Für ihre grafischen Reportagen, die mit schnellem Strich immer an Ort und Stelle entstehen, orientiert sich Lomasko in erster Linie an Traditionen des vorrevolutionären Russland und der Sowjetunion: Zeichenmappen von Soldaten und Gulag-Häftlingen, Zeugnisse der Blockade von Leningrad, Werke aus dem sozialistischen Realismus. Für die 39-Jährige, die in der russischen Provinz aufwuchs und erst fürs Studium nach Moskau kam, sind sie «bedeutende Artefakte und oft die einzige visuelle Quelle mancher historischer Ereignisse», wie es im Vorwort zum Buch heisst. Mit ihren Schwarzweisszeichnungen übernimmt sie die Rolle der Chronistin, konserviert Schicksale, die meist im Verborgenen bleiben.

Düster und traurig sind die Erzählungen, die Lomasko auf ihren Reisen durchs Land sammelt. Und für jemanden, der das Geschehen in Russland nicht sehr eng verfolgt, manchmal auch schwer zugänglich. In sie einzutauchen, lohnt sich dennoch. Besonders eindrücklich ist die Reportage über zwölf zentralasiatische Sklavinnen, die mit falschen Versprechungen nach Moskau gelockt und von einem skrupellosen Unternehmerpaar jahrelang zur Arbeit in einem Lebensmittelgeschäft gezwungen wurden. Einer Gruppe AktivistInnen gelingt es schliesslich, die Frauen zu befreien.

Lomasko begleitet die Familien, zeichnet akribisch ihre tragischen Schicksale nach – und gibt den Unsichtbaren damit die Würde zurück. Ihre Geschichten sind deshalb nicht zuletzt auch dies: Erzählungen vom Widerstand.

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