Comics : Die Trümmer der sowjetischen Völkerpyramide

Nr.  25 –

In der internationalen Kunstszene zählen die Russin Victoria Lomasko und die Ukrainerin Alevtina Kakhidze zu den Besten aus ihren Heimatländern. Früher arbeiteten sie zusammen. Jetzt wirft die eine der anderen vor, den Westen zu manipulieren.

Protest-Illustration von Alevtina Kakhidze
Die Geschichte des Anstosses: Getextet von Victoria Lomasko und gezeichnet von Joe Sacco für den «New Yorker» – und aus Protest überschrieben von Alevtina Kakhidze (grosse Ansicht). Illustration: www.alevtinakakhidze.com

Im einstigen Lustschloss des Schwabenherzogs Karl Eugen, in der Akademie Solitude in Stuttgart, sitzt Victoria Lomasko in ihrem frisch bezogenen Zimmer und weint. Unmerklich erst, dann immer stärker.

Seit wenigen Tagen ist das Schloss Solitude der Künstlerin und Autorin ein Refugium. Bis September darf sie hier mit einem Jean-Jacques-Rousseau-Stipendium bleiben. «Ich bin Künstlerin und Dissidentin», sagt sie mit fester Stimme, als ob sie jemanden davon überzeugen müsste. Jeden Tag freut sie sich, gerade nicht in Russland zu sein. Sie wirkt jung und verletzlich, auch trotzig. Eigentlich wollte sie aus Angst vor Shitstorms kein Interview über Zoom geben. Jetzt tut sie es doch.

Sie weint, als sie sich daran erinnert, wie ein ukrainisches Mädchen ihr vor kurzem sagte, es sei nicht ihre Schuld. Sie selbst habe doch keine Bomben auf ihr Haus abgeworfen. Sie könne gar nichts dafür. «So funktioniert Güte.» Mit dieser Ukrainerin freundete sie sich auf Schloss Solitude am engsten an. Denn Kritik und Angriffe, wie sie sich gerade pauschal über die Russ:innen ergiessen würden, würden niemandem helfen.

Die Kluft zwischen zwei Welten

In den letzten Wochen prasselten die Angriffe aus sozialen Medien auf sie herab. Unter anderem aus einem kleinen Örtchen, aus Muzychi, rund 25 Kilometer von Kyjiw entfernt: von Alevtina Kakhidze. Kakhidze ist eine ukrainische Kollegin. Die Frauen kennen sich seit fast einem Jahrzehnt. Beide gehören einem Milieu international erfolgreicher postsowjetischer Künstlerinnen an, die sich sozialpolitischen Themen widmen. Jetzt wirft die Ukrainerin der Russin vor, «den Westen zu manipulieren, eine Wirtschaftsmigrantin zu sein, eine russische Imperialistin, eine schlechte Künstlerin».

Der Konflikt zwischen den beiden Frauen symbolisiert die Kluft zwischen zwei Welten, die sich spätestens seit dem 24. Februar 2022, eigentlich schon seit 2014 aufgetan hat. Bis dahin waren die ukrainische und die russische Kunstszene eng miteinander verwoben.

2013 lud die Kuratorin Lomasko Alevtina Kakhidze ein, an einem Seitenprojekt der Moskauer Biennale, «Feminist Pencil – 2», teilzunehmen – dem ersten grossen feministischen Künstlerinnenprojekt in Russland. Sie bekamen damals viel Gegenwind, auch von Intellektuellen aus linken Reihen. Zwei Tage nach der Eröffnung wurde die Ausstellungsfläche über Nacht mit grünen Filzstiftpenissen verschmiert. Doch Alevtina Kakhidze und Victoria Lomasko denken beide jeweils voller Euphorie an diese Zeit zurück. Mit «Feminist Pencil» war ihnen eine Revolution gegen das Patriarchat gelungen. Seitdem trafen sie sich immer wieder, zuletzt 2018 in der georgischen Hafenstadt Batumi. Lomasko hat schöne Erinnerungen daran.

Doch mit Kriegsbeginn schlug die Stimmung um, Kakhidze begann in sozialen Medien, auf Lomaskos Arbeiten zu reagieren. «Jetzt wirft sie mir öffentlich Lügen vor, sagt, ich sei eine Wirtschaftsmigrantin», sagt Lomasko. «Dabei kann jeder, der meine Arbeiten googelt und die Situation in Russland kennt, sehen, dass ich nicht dortbleiben konnte. Sie hat keinerlei Beweise für solche ernsthaften Beschuldigungen.»

Lomasko ist 43 Jahre alt und stammt aus der Moskauer Peripherie. In der internationalen Kunstszene machte sie sich als Comicreporterin mit politischen und ironischen Zeichnungen einen Namen. Jahrelang besuchte sie Jugendliche im Gefängnis, gab ihnen Zeichenunterricht. 2017 erschien ihr Buch «Other Russias», ein Ergebnis von neun Jahren Porträts politischer Gerichtsprozesse, Proteste und der Alltagswelt: Teenagerskinheads im Knast, Sexarbeiterinnen, orthodoxe Aktivisten, queere Menschen.

Anzeichnen gegen Putin

Von New York bis Berlin und Beirut wurden Lomaskos Arbeiten im letzten Jahrzehnt auf der ganzen Welt gezeigt, auch in Basel (siehe WOZ Nr. 39/2019 ). Nur in ihrem Heimatland will seit Jahren keine einzige Galerie mit ihr zusammenarbeiten – ihr Name als Regimegegnerin wiegt schwer. Seit Jahren zeichnet sie gegen Putin an.

Nach Kriegsausbruch bekamen fast alle ihre Bekannten und Freund:innen Drohanrufe von der russischen Polizei. Am 5. März flog sie zunächst nach Bischkek in Kirgistan, kurz darauf nach Brüssel. Die belgische Produktionsfirma, die einen Dokumentarfilm über sie dreht, hatte ihr ein Visum besorgt. Einen Monat später, wenige Tage nachdem die Bilder aus dem ukrainischen Butscha um die Welt gegangen waren, druckte das amerikanische Magazin «New Yorker» eine Comicreportage in Schwarzweiss mit dem Titel «Kollektive Scham». Darin begleiten wir Lomasko in der Moskauer Innenstadt, bei der Abreise am Flughafen und später im Exil. «Was sind die Spielräume, die ich habe?», fragt sie verzweifelt. «Gefangen zwischen Putin, der Scham über diesen Krieg und dem, was sich wie westliche Ablehnung von allem Russischen anfühlt.»

Der Text in den Sprechblasen des Comics stammt von Lomasko selbst, die Zeichnungen sind vom berühmten amerikanischen Comicreporter Joe Sacco, der als ihr «Stift» fungierte: Lomasko sei überstürzt geflüchtet und habe ihre Arbeitsutensilien zurücklassen müssen, habe also nicht selbst zeichnen können.

Mit den Hasstiraden, die sich nach der Veröffentlichung über sie ergossen, hatte die Künstlerin gerechnet.

Ich lach mich kaputt, sie verbringt den ganzen Comic damit, sich über Sanktionen zu beschweren und sich selbst zu bemitleiden, nur um ein Bild der Zerstörung in der Ukraine zu widmen und zu sagen «Ich habe kein Recht, mich zu beschweren» und sich dann trotzdem weiter zu beschweren.

Ich habe den «New Yorker» seit vierzig Jahren abonniert und zum ersten Mal überhaupt an den Herausgeber geschrieben, um zu sagen, wie beleidigend dieser Cartoon angesichts des entsetzlichen Leids in der Ukraine war. Was zum Teufel habt ihr euch dabei gedacht?!

Bereut sie die Veröffentlichung? Nach einer längeren Stille sagt Victoria Lomasko: «Nein.» Seit vielen Jahren erzählt sie der Welt davon, was in ihrem Land passiert. «Als Comicreporterin werde ich nicht ausgerechnet jetzt damit aufhören. Meine Aufgabe ist es, das abzubilden, wovon ich Zeugin geworden bin.» Ihr Schicksal, das Joe Sacco in dem Comic illustriert, gebe stellvertretend die Realität von Millionen Menschen wieder, die in einem faschistischen Land lebten. Solle das wirklich ausgeblendet werden?

Kein Gedanke an Flucht

Am Schreibtisch in Muzychi sitzt Alevtina Kakhidze, Pilzkopfträgerin. Sie geht auf die fünfzig zu. Die braune Eingangstür aus dunklem Holz hat sie in grossen Buchstaben mit grasgrüner Farbe bepinselt. Sie trägt ihren Computer an die frische Luft, hält die Inschrift im verblassenden Sonnenlicht stolz in die Kamera: «A. Kakhidze: Follow the example of plants. They are pacifists as much as possible on our planet.» Uhrzeit und Datum: 17 Uhr, 4. März 2022.

Wäre jetzt Frieden, würde sie gerade regenerierte Pflanzenarten bei Tschernobyl erforschen. Eigentlich ist Kakhidze Konzeptkünstlerin. Seit Kriegsbeginn veröffentlicht sie fast täglich politisch kommentierte Zeichnungen im Comicstil. An Flucht dachte sie nie, selbst nicht, als sie sich vierzig Tage lang vor der Wucht der Explosionen im Keller verkriechen musste. Hier ist ihr Zuhause, ihr Atelier, hier leben ihr Mann, ihre drei Hunde und ihre Pflanzen, die sie als Musen inspirieren.

Zwei Monate sind seit der Veröffentlichung von Lomaskos Comic vergangen, noch immer zerbirst Kakhidze vor Zorn und Hilflosigkeit: Während über ihr die Bomben fielen, liess sich der Westen also so leicht von Vika, wie sie Lomasko nennt, und ihren wehleidigen Klagen manipulieren? Sie ging zum Angriff über.

Aus ihrer Wut entstand eine kindlich-ironisierende Karikatur, die Lomaskos Comic mit knallroten und gelben Farben überzeichnet und die Erzählung um eine ukrainische Perspektive ergänzt. «Hallo Joe! Ich heisse Alevtina und möchte das hinzufügen, was Victoria Lomasko ausliess, als sie in einem friedlichen europäischen Land nicht imstande war, ihre eigenen Zeichenstifte zu finden. Du hast in ihrem Namen gezeichnet – und damit für ‹kollektive Blindheit› gesorgt!»

«Wie konnte Joe nur so etwas tun?», fragt Kakhidze. Er wusste nicht, wie viele ukrainische Fans er damit verlieren würde.

Kakhidzes Comic zeichnet einen Gegenentwurf zu jedem einzelnen von Lomaskos Bildern: Auf die Aussage «Einst fühlte ich mich wie eine Künstlerin von Welt, jetzt bin ich eine Geflüchtete mit nur einem Koffer und meiner Katze» lässt sie ironisch ihren Hund sprechen: «Einst war ich ein glücklicher Hund. Aber seit dem 24. Februar führt mich niemand mehr spazieren.» Scharfzüngig fragt sie daraufhin nach der Verantwortung von Kunst und dem gescheiterten Widerstand in Russland: Wo lägen die wahren Gründe dafür, dass den Russen nie eine Revolution gelungen sei, will sie wissen.

Auch wenn viele russische Intellektuelle Putin ablehnen, glaubt Kakhidze, viele von ihnen verträten eine latent imperialistische Weltanschauung und würden ihren Blick auf die Ukraine selten hinterfragen. Die Ukrainer:innen hätten so viel geleistet, doch bis zuletzt seien ihre Stimmen in Russland und Europa immer nur wie ein Echo aus der kolonialisierten Peripherie erklungen. Sie pausiert, ringt nach Worten. Schliesslich sagt sie: «Ich bin keine postkoloniale Theoretikerin. Aber ich kann Gewalt fühlen.»

Nach dem Erfolg von «The Feminist Pencil – 2» erhielt Kakhidze eine Einladung zur Manifesta, der Biennale, die immer in einer anderen europäischen Metropole stattfindet – 2014 ausgerechnet in Sankt Petersburg. Russland hatte die Krim schon annektiert, in der Ukraine wucherten bereits Boykottbestrebungen gegen russische Kulturschaffende. Kakhidze fuhr trotzdem, verarbeitete die politischen Geschehnisse in ihrer Installation «Where the Wild Things Are». Diese Art von Kunstfreiheit war damals in Sankt Petersburg noch möglich.

Parallel zu den Veranstaltungen ging man gemeinsam spazieren, Bier trinken, diskutierte an runden Tischen. Erst da habe sie verstanden, was das bedeuten würde: Russland. Das sei eine sehr schmerzhafte Erfahrung gewesen. Dabei wuchs Kakhidze selbst im Donbas mit russischer Kultur und Sprache auf. Vika fragte sie damals vorwurfsvoll, ob sie auch glaube, sie als Russin müsse sich plötzlich bei den Ukrainer:innen für die Krim entschuldigen. Vielleicht nicht bei allen, aber bei jedem vierten: Schliesslich gäbe es viermal so viele Russ:innen wie Ukrainer:innen, antwortete Kakhidze sarkastisch. «Sie hat nie verstanden, dass, selbst wenn nichts davon ihre Schuld ist, ihr Unwille, sich zu entschuldigen, für uns Ukrainerinnen ein noch grösseres Verbrechen ist.» Eine andere Künstlerin sagte: «Habt ihr wirklich geglaubt, Russland werde auf euren Maidan nicht mit der Krim reagieren?»

Aus dem sowjetischen Kinderatlas

Die Monate auf dem Maidan 2014 gehören zu den schwierigsten in Kakhidzes Leben. «Ich möchte die Russen nicht bevormunden, aber wir Ukrainer wissen seit dem Maidan, wie hoch der Preis der Freiheit ist.» Kakhidze half in Krankenhäusern den Verletzten, sass bei Verhandlungen gegen die Scharfschützen des Maidan mit im Gerichtssaal – und zeichnete alles akribisch. All das interessierte ihre russischen Kolleg:innen nicht. Niemand in Sankt Petersburg fragte: Wie habt ihr das geschafft? Ansätze, sich in der eigenen Kunst mit der kolonialen Vergangenheit zu beschäftigen, erlebte sie in Russland so gut wie keine. Sie weiss nicht, welchen Rat sie russischen Künstler:innen heute geben soll, das sei deren eigener Prozess. «Aber sie verstehen uns nicht, sie haben Angst vor der Diktatur, und aus dieser Angst heraus können sie nicht mehr fühlen.»

Für Lomasko klingen diese Beschuldigungen wie purer Hohn. Ja, die Russ:innen in der Sowjetunion wurden mit einer Wahrnehmung erzogen, dass sie an der Spitze der «Vielvölkerhierarchie» stünden. Aber seit Jahren kämpft sie dagegen an; ihr nächstes Buch, das in Kürze auf Englisch erscheinen wird, hat sie genau zu diesem Thema verfasst.

Wie zum Beweis zeigt Lomasko ein Foto von einer Demonstration von 2014: Zu sehen ist sie, eine selbstgezeichnete Collage hoch haltend, eine Pyramide aus den sowjetischen «Völkern» in ihren Nationalkostümen: eine russische Frau und ein Mann, die «Titularnation». Darunter die «Brüdervölker» Ukraine und Belarus, darunter wiederum Georgien, Aserbaidschan, Armenien und Moldawien. Die unterste Reihe füllen die zentralasiatischen Republiken: Usbekistan, Kirgistan, Turkmenistan, Tadschikistan und Kasachstan. «Imperialistische Erziehung führt zum Krieg» steht darüber in fetten Buchstaben.

Die Vorlage für die Figuren hat sie aus dem sowjetischen Kinderatlas «Welt und Mensch», an den sich alle erinnern, die in der Sowjetunion Kind waren. Und genau solche Erziehung sei einer der Gründe, warum Russland die Ukraine angreife und warum es Russ:innen gebe, die das unterstützten.

Lomasko zeigt dieses Foto, um sich radikal abzugrenzen. Denn vor dem Hintergrund des Krieges teilt sich die Welt in Schwarz und Weiss, und regimekritische Russ:innen wollen nicht mit Putinist:innen verwechselt werden.

Doch ihre Publikation im «New Yorker» offenbart auch für regimekritische Künstler:innen die Herausforderung, eine einfühlsame Form zu finden, Haltung auszudrücken und öffentliche Präsenz zu zeigen. Wie kann es russischen Kunstschaffenden gelingen, die aktuelle Situation neu in den Blick zu nehmen und handlungsfähig zu wirken? Und wem soll ihre Kunst gelten, ihren Landsleuten oder den Menschen im Westen? Sind vielleicht die westlichen Kulturinstitutionen und Stipendiengeber das angestrebte Zielpublikum, all jene, die russische Künstler:innen jahrelang finanzierten und ihnen Karrieren ermöglichten und auf die sie jetzt im Exil erst recht angewiesen sind? Statt sich im Westen zu profilieren, wäre es gerade im Moment am dringlichsten, die Menschen zu Hause zu erreichen. Allerdings ist im aktuellen politischen Klima ihre Entscheidung für die Freiheit nachvollziehbar. Doch welche Folgen birgt das für das künstlerische Schaffen?

Koloniale Vergangenheit darstellen

Lomaskos Comic, und das ist seine Schwäche, fehlt die Metaebene. Ihre Worte prallen ab, sind letztlich nicht mehr als ein welker Versuch, sich von der kollektiven Verantwortung für diesen Krieg zu distanzieren. Dabei sollte der Anspruch doch sein, mithilfe der Kunst einen Ausdruck für die Komplexität politischer Realitäten zu finden.

Dazu würde auch gehören, die Machtverhältnisse und die koloniale Vergangenheit zwischen Russ:innen und Ukrainer:innen darzustellen sowie sich selbst als Teil dieser politischen Lebenswelt wahrzunehmen. In ihrer Pyramidencollage gegen den Imperialismus ist Lomasko zumindest Ersteres gelungen.

«Mit vielen russischen Freundinnen und Freunden habe ich keinerlei Dissonanzen», sagt Alevtina Kakhidze. Eine von ihnen ist Regisseurin. Statt Regie zu führen, arbeitet sie jetzt als Freiwillige mit ukrainischen Geflüchteten in Wien. Die zweite spendet ihr ganzes Geld an die Ukraine. Der dritte, ein junger Mann aus Sankt Petersburg, schrieb ihr jeden Tag Nachrichten, während sie im Keller sass.