Nr. 41/2018 vom 11.10.2018

Solidarität im Wert einer Kinokarte

«Zadra» war die einzige gedruckte feministische Zeitschrift Polens – jetzt wird sie eingestellt. Im Netz verästelt sich die Bewegung weiter.

Von Julia Kohli

«Zadra» bedeutet Holzspiess. Ein solcher kann laut einem polnischen Sprichwort im Herzen stecken bleiben, wenn ein Konflikt sich nicht lösen lässt. «Zadra» sollte genau dies sein: ein Störelement. «Wir wollen mit unseren Beiträgen nicht unterhalten, sondern Frauen zum Nachdenken anregen und Alternativen zur herkömmlichen Frauenrolle aufzeigen», erklärt Chefredaktorin Beata Kozak, die das Projekt 1999 in Krakau startete.

Im Alleingang telefonierte und mailte sie damals in ganz Polen und Europa herum, um AutorInnen zu gewinnen. Auch dank der Unterstützung der deutschen Heinrich-Böll-Stiftung kam der Verlag in den ersten Jahren in die Gänge. Die bescheidene Startauflage von 1500 Heften wurde nach der Gründung zeitweise überschritten, die Zeitschrift wurde unter Feministinnen zum festen Wert.

Doch heute ist von der Anfangseuphorie wenig übrig geblieben: Die Spendengelder blieben weg, die Zahl der AbonnentInnen ist gesunken. Zuletzt ist die Zeitschrift nur noch zweimal statt viermal im Jahr erschienen, jetzt wird sie ganz eingestellt. Stirbt in Polen das Interesse am Feminismus aus?

Punk gegen Sexismus

Weit gefehlt. Mit ihrer bevormundenden Politik bietet die rechtskonservative Regierungspartei PiS genügend Zündstoff: Auf Plakaten werden Frauen dazu animiert, mehr Kinder zu gebären – je mehr Kinder, desto höher die Prämie. Mit der Kirche zusammen arbeitet die Regierung zudem an einem Gesetzesentwurf für ein totales Abtreibungsverbot, gemäss dem auch nicht überlebensfähige Kinder ausgetragen werden müssten. Dagegen protestieren Hunderttausende von Frauen, die sich unter dem Namen «Dziewuchy dziewuchom» (Mädels den Mädels) organisieren, unter anderem in Facebook-Gruppen. Von dort aus rufen sie erfolgreich zu Demonstrationen auf und diskutieren über die frauenverachtende Politik.

Wie der neue polnische Feminismus aussieht, veranschaulicht ein Artikel auf der Onlineplattform «Krytyka Polityczna»: Er findet vornehmlich auf Facebook, in Videoblogs und auf Instagram statt. Das Model Anja Rubik fordert Frauen in einem Youtube-Clip auf, Kondome bei sich zu haben, die Sängerin Siksa schreit in ihren Punksongs gegen Sexismus an, auf Instagram tummeln sich Feministinnen wie Sofia Krawiec, die freizügige Selfies von sich machen und gleichzeitig für Frauenrechte einstehen. Seit den neunziger Jahren stand linken feministischen Gruppierungen in Polen eine Art neoliberaler, karriereorientierter High-Heel-Feminismus gegenüber. Durch die Digitalisierung verästelt sich die Bewegung weiter.

Feiern und trauern

«Zadra»-Chefredaktorin Kozak freut sich einerseits über die regen Diskussionen im Netz, andererseits hätte sie sich mehr Solidarität für ihre Zeitschrift gewünscht: «Ein Abo von ‹Zadra› kostet 24 Zloty, so viel wie eine Kinokarte. Aber für langfristige Projekte gibt es heute in Polen einfach keine Anhängerinnen.» Es ist auch nicht so, dass «Zadra» einen abgehobenen Diskurs für eine intellektuelle Elite angeboten hätte. Die Themensetzung im letzten Heft war vielfältig und auf dem neusten Stand: Behinderung im Studium, Sexismus in der Wissenschaft, vergessene polnische Künstlerinnen, Ökofeminismus, Verschleierung. Die Abtreibungsdebatte kommt ebenfalls nicht zu kurz.

Wurde «Zadra» ganz einfach Opfer der allgemein sinkenden Bereitschaft, für Journalismus auch nur einen Groschen auszugeben? Und könnte Kozak ihr Magazin nicht ganz ins Internet verlagern, nachdem die Website von «Zadra» nach 2013 nicht mehr weitergeführt wurde? Die Chefredaktorin mag das nicht ausschliessen. Für den Herbst hatte sie noch eine allerletzte Ausgabe geplant, doch diese wird nicht mehr erscheinen. Darin sollte erneut über die Abtreibungsdebatte und die damit verbundenen «schwarzen Proteste» diskutiert werden. Zudem hätte das Heft ein grosses Jubiläum gefeiert: Am 28. November 1918 konnten Polinnen erstmals wählen. Gefeiert wird trotzdem, aber ohne «Zadra».

Die AutorInnen von «Zadra» haben den feministischen Diskurs in Polen mitgeprägt und den Boden für die jetzige Generation bestellt. Sie hätten die fragmentierte Gemeinschaft aus Facebook- und Instagram-Aktivistinnen mit ihren sorgfältig recherchierten Hintergrundartikeln auch in Zukunft sehr gut ergänzen können.

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