Nr. 11/2021 vom 18.03.2021

Die doppelte Diaspora

Wenn der Widerstand geografisch übers Kreuz geht: Oppositionelle aus Belarus verändern ihr Land von Warschau aus, die aus Polen sind in Berlin aktiv. Begegnungen im jeweiligen Exil.

Von Jan Opielka, Warschau und Berlin

Die Nachricht war eine beklemmende unter vielen in der letzten Zeit: Am 18. Februar verurteilte ein Gericht in Minsk Kaciaryna Andreyewa und Daria Czulcowa zu zwei Jahren Haft in einer Strafkolonie. Der Vorwurf: Die Frauen hätten angeblich «einen Aufstand organisiert». Dabei übten die beiden im November letzten Jahres nur ihren Beruf aus. Sie berichteten als Journalistin und als Kamerafrau über den Protest gegen den belarusischen Machthaber Alexander Lukaschenko. Wie dünn die Luft für Medienschaffende in Belarus geworden ist, zeigt sich auch daran, dass ihre TV-Station Belsat aus Warschau sendet.

Die polnische Hauptstadt ist für viele, die vor Lukaschenkos Regime fliehen, zum bevorzugten Exil geworden: Mehr als 30 000 BelarusInnen leben in Polen, ein grosser Teil von ihnen in Warschau. Ihre Zahl ist in den vergangenen Monaten um einige Tausend gestiegen. Hier können sie mit der Unterstützung ihrer Landsleute rechnen, hier sind Oppositionsgruppen tätig, und von hier aus senden unabhängige Medien wie Belsat, aber auch der Telegram-Kanal Nexta.

In der Nähe des Zentrums haben sechs Organisationen vor einigen Monaten das Belarusische Solidaritätszentrum (CBS) eröffnet. Auch an diesem eiskalten Abend brennt in den Räumen noch Licht. Eine der Anwesenden ist Nadin Luchanok. Sie lebt seit über zwölf Jahren in Warschau. Sie kam hierher, um Management zu studieren. Nach ihrem Abschluss wollte sie zurück. «Ich liebe Belarus. Wenn ich die Möglichkeit hätte, würde ich gerne dort leben und mein Land entwickeln.» Doch die Wirtschaftskrise und die politische Situation durchkreuzten ihren Plan.

Jede freie Minute

Luchanok arbeitet heute für ein US-Unternehmen in Warschau, doch ihr Herz schlägt für die Sache der belarusischen Opposition. Seit Monaten widmet sie jede freie Minute der Hilfe für ihre Landsleute. «Ich konnte nicht ruhig zuschauen, was nach den Ereignissen im August geschah.» Nach der Präsidentschaftswahl, die von Lukaschenko nachweislich gefälscht wurde, habe sich in Warschau überhaupt erst eine wirkliche Diaspora gebildet, erzählt Luchanok. «Den Menschen, die in einem besorgniserregenden Zustand hierherkamen, mussten wir helfen.»

Luchanok betätigt sich im Solidaritätszentrum ehrenamtlich als Netzwerkkoordinatorin. Hinter der Wand ist eine laute Diskussion zu hören, gerade findet eine Schulung statt. Rechtsanwältin Olga Dobrowolska erklärt, wie man Neuankömmlingen helfen kann. Das CBS wurde am 1. September 2020 eröffnet, während der Welle der öffentlichkeitswirksamen Proteste rund um die gefälschten Wahlen. Die Stadt Warschau hat die grosszügigen Räume zur Verfügung gestellt. Die staatliche Stiftung für internationale Solidarität (FSM) unterstützt die Aktivitäten des CBS finanziell.

«Das Wichtigste aber war und bleibt, dass es Menschen gibt, die handeln wollen», sagt Luchanok. Dutzende von Freiwilligen werden jetzt ausgebildet, die Neuankömmlinge unterstützen wollen. «Wenn Flüchtlinge einen konkreten Mentor haben, an den sie sich wenden können, sinkt für sie die Barriere, auch schwierige und schmerzhafte Themen anzusprechen.» Aufgrund ihrer Teilnahme an Protesten, der Schläge oder der Schikanen durch belarusische Behörden brauchen viele der Ankommenden zunächst psychologische Hilfe – erst dann kann ihnen bei rechtlichen Fragen geholfen werden.

Durch den Zuschuss der FSM konnten vier Stellen für ExpertInnen geschaffen werden, die den Flüchtlingen Rechtsbeistand leisten. Eine davon ist Olga Dobrowolska, die als Spezialistin für Migrationsrecht die Leitung der Rechtshilfeabteilung innehat. Für diese Tätigkeit mit unsicherer Perspektive gab sie ihren festen Job auf. «Die restriktive Haltung der polnischen Behörden gegenüber Asyl- und Schutzsuchenden macht eine solche Hilfe mehr als notwendig», sagt Dobrowolska. «Doch die Situation für Menschen aus Belarus ist besser geworden.» Bis Anfang Februar dieses Jahres hat der polnische Staat rund 3000 humanitäre Visa erteilt, zudem haben über tausend Personen internationalen Schutz beantragt.

Eine Menge Arbeit für Menschen wie Dobrowolska. Ihre Motivation beschreibt sie ähnlich wie zuvor Luchanok: «Ich hatte das Gefühl, dass ich hier gebraucht werde. Ich bin immer noch Belarusin, und ich werde alles dafür tun, dass wir in Belarus Veränderungen erreichen.»

Olga Dobrowolska und Nadin Luchanok stehen beispielhaft dafür, dass die belarusische Revolution stark von Frauen geprägt wird. Doch auch Männer leisten Unterstützung, so wie Anatol Michnawiec. Er lebt seit 2006 in Warschau und kam nach den seinerzeit brutal aufgelösten Wahlprotesten hierher. Michnawiec wurde Stipendiat eines polnischen Programms für belarusische StudentInnen, gründete die Studierendeninitiative Weissrussisches Nationalgedenken. «Wir Belarusen gelten als Nation, die Führungsfiguren braucht. Aber ich sage immer wieder: Wir müssen uns von unten organisieren.»

Michnawiec ist Vorstandsmitglied beim CBS. Am 25. März, dem Unabhängigkeitstag in Belarus, werden dort, aber auch in Warschau neue Proteste erwartet, organisiert durch ihn und Dutzende MitstreiterInnen. «Früher sagten viele meiner Landsleute, sie würden nicht gegen die Regierung kämpfen, weil sie Kinder haben. Und jetzt? Nun kämpfen sie, gerade weil sie Kinder haben. Sie wollen nicht, dass diese wie sie selbst in Angst leben. Sie sollen es eines Tages besser haben.»

Protest bringt Energie

So, wie belarusische Oppositionelle nach Warschau gekommen sind, haben polnische die Stadt verlassen. Als Exil dient vielen von ihnen Berlin. Für mehr als 100 000 PolInnen ist die deutsche Hauptstadt zum vorübergehenden oder dauerhaften Zuhause geworden. Lange Zeit unsichtbar, wurden sie mit ihren Protestaktionen zuletzt umso mehr wahrgenommen. Wie die BelarusInnen in Warschau schlossen sich auch die Reihen der PolInnen in Berlin enger, als sich die Situation in ihrer ersten Heimat verschlechterte.

Gewiss, was den Status quo ihrer Staatssysteme angeht, lassen sich die beiden Länder nicht direkt vergleichen: Der polnische Rechtsstaat ist von der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in den vergangenen fünf Jahren zwar massiv ramponiert worden, doch von Willkür und Gewalt in Justiz und Polizeiapparat wie in Belarus kann keine Rede sein. Und auch wenn die polnische Regierung wichtige Teile des Staatsapparats und der öffentlichen Sphäre unter (Partei-)Kontrolle gebracht hat – von Kulturinstitutionen über Teile der Medien bis hin zu staatseigenen Konzernen –, bleibt die Zivilgesellschaft im Land doch handlungsfähig und muss nicht systematisch mit Gewalt rechnen.

In Polen ist im Gegensatz zum harten und umfassenden Autoritarismus à la Lukaschenko ein softer, schleichender zu beobachten. Dennoch sind die Tendenzen beunruhigend, agieren die PiS und ihr Parteichef Jaroslaw Kaczynski immer rücksichtsloser. Die jüngste Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsrechts ist dafür beispielhaft.

Auch in Berlin hat der Protest ein weibliches Gesicht. Eine der vielen Frauen, die sich gegen die Entwicklung in Polen wehren, ist Anna Krenz. Sie stammt aus dem westpolnischen Posen (Poznan) und lebt seit achtzehn Jahren in Berlin. Als Künstlerin und Aktivistin setzt sich die 44-Jährige in ihrer Kunst und ihren Performances schon lange mit Frauenfragen, Gesellschaftspolitik und Religion auseinander. Sie tut es mit einer grossen Portion Humor und Zynismus. Als die PiS vor fünf Jahren an die Macht kam, gründete sie gemeinsam mit Aktivistinnen die informelle Gruppe Dziewuchy Berlin (Mädels von Berlin) als Reaktion auf die ersten Vorstösse der PiS zur Verschärfung des Abtreibungsgesetzes.

Bei einem Spaziergang mit der Künstlerin wirkt Berlin abweisend: wegen der Coronamassnahmen, aber auch wegen der Kälte und des Schnees. Krenz, die Mutter eines Zehnjährigen, scheint aber von innen zu brennen. «Protest sollte stets ein Spektakel sein, das Emotionen und im Idealfall ein Gefühl von Empowerment hervorrufen soll. Die Leute sollen nicht mit Tränen in den Augen nach Hause gehen, sondern mit dem Gefühl: Ich will etwas tun!» Am diesjährigen Frauentag am 8. März führte sie am Berliner Nettelbeckplatz eine Performance auf.

Dabei trug sie ein bewegendes Gedicht der wenig bekannten polnischen Dichterin, Antifaschistin und Aktivistin Irena Bobkowska vor, die wegen ihrer Untergrundaktivitäten während des Zweiten Weltkriegs mit 22 Jahren von den Nazis hingerichtet wurde. Darin heisst es: «Ich weiss, was es bedeutet, Tränen der Hilflosigkeit zu vergiessen, an vielen hellen Tagen und in einer dunklen Nacht. Und ich habe gelernt, die Zeit voranzutreiben, die sich gnadenlos hinzieht. Und ich weiss, wie hart man sich selbst bekämpfen muss, um nicht zu fallen und nicht zu ermüden, dass der Weg endlos scheint.»

Die Heimat entsteht im Handeln

In Berlin sind zahlreiche polnische Gruppierungen tätig. Da sind etwa die Universität der drei Generationen, der Landesverband des Polnischen Rates oder die sogenannten Aktivistinnen von Ciocia Basia (Tante Barbara): Sie helfen Frauen, die abtreiben wollen. Die «Mädels von Berlin» kooperieren auch mit nichtpolnischen Initiativen: «Wir bauen unsere eigenen feministischen Freundschaften in der Zivilgesellschaft auf, um gegen Kapitalismus und Patriarchat aufzustehen», sagt Krenz. Am 8. März hat sie ganz in diesem Sinn die international tätige feministische Plattform «Polnischer Frauenrat» eingeweiht.

Berlin liegt von Warschau etwas mehr als 500 Kilometer Luftlinie entfernt, Warschau trennt von Minsk fast die gleiche Distanz. Was die Oppositionellen hier wie dort verbindet, ist ihr Leben in einer Zwischenwelt. «Meine Spuren in Posen sind verschwunden, in Berlin bin ich auch nicht ganz zu Hause», beschreibt Krenz ihre eigene Situation. Mit den Aktionen im öffentlichen Raum verhindere sie ihre Ausgrenzung. Eine Heimat finden, nicht nur als physischen Ort, wollen mit ihrem Handeln auch die Belarusinnen in Warschau. Nadin Luchanok sagt es so: «In der gegenseitigen Solidarität kreieren wir das künftige Belarus.»

Diese Recherche wurde von der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit (SDPZ) unterstützt.

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