Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Revolte im Perimeter

Von David HunzikerMail an AutorIn

Die Tragödie zeigt sich in einem einzigen Kompositum: Sprayperimeter. Als Disziplin der Strasse ist das Sprayen ja von Natur aus eine wild wuchernde, grenzüberschreitende Kunst, also eben nichts, was sich in einen Perimeter, eine exakt zugewiesene Zone, drängen lässt. Gerade auf diese Spielregeln hatte sich aber der Street-Art-Pionier Harald Naegeli kürzlich eingelassen, und dann auch noch an einem Bauwerk von nationaler Bedeutung: im Turm des Zürcher Grossmünsters. Dort wurde dem 78-Jährigen nämlich erlaubt, unter strengen Auflagen – die entsprechende Zone ist mit Graffitischutz behandelt, sodass sich das Werk nach vier Jahren problemlos entfernen lässt – in Form seiner berühmten Strichmännchen einen Totentanz an die Wand zu sprühen. War der Krach da schon programmiert?

Jedenfalls hat Naegeli den ihm zugewiesenen Sprayperimeter überschritten, wie der «Tages-Anzeiger» aufgedeckt hat. Das gehe nämlich «aus Mails hervor, die dem TA vorliegen». In diesen berichtete die Kirchenpflege Grossmünster auch vom Zorn des obersten Liegenschaftsverwalters des Kantons Zürich, SVP-Baudirektor Markus Kägi. Naegeli habe sein persönliches Vertrauen missbraucht, so der Regierungsrat, er verlange eine Aussprache mit dem Künstler.

Doch Naegeli erschien nicht zu einem entsprechenden Termin. Ein rebellischer Künstler wie er lässt sich auf so etwas nicht ein, könnte man sich nun denken. Doch es ist viel banaler, wie Naegeli den Beteiligten mitgeteilt hat: «Ich bin gestern wieder nach Düsseldorf gereist. Leider kann ich die anstrengende Reise nach Zürich am Sonntag nicht schon wieder antreten.» Sowieso sei Naegeli überzeugt, dass die «Nörgelei und Missgunst subalterner Beamter» bald verstummen würden und Kägi seine Zustimmung für die Fortführung des Totentanzes geben werde. Wir sind gespannt: Wird Kägi sich doch noch magistral gleichgültig geben, oder hat Naegeli, dessen Kunst ihn immerhin schon hinter Gitter gebracht hat, hier noch mal einen Treffer gelandet?

Am traurigsten ist die Geschichte eigentlich für die findigen Naegeliologen, die nach jeder vermuteten Guerillaaktion des Künstlers die Echtheit der Werke prüfen.

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