Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Die Revanche des Politischen

Crash und Krise: Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze hat eine umfassende Geschichte der Finanzkrise geschrieben. Sein Buch «Crashed» bietet mehr Erzählung als Erklärung – und schärft gerade deshalb den Blick auf die politische Gegenwart.

Von Wendelin Brühwiler

Als im Oktober 2008 zum ersten Mal die Idee von EU-Staatsanleihen im Raum stand, folgte die deutsche Absage auf dem Fuss. «Chacun sa merde», habe Angela Merkel den versammelten Regierungschefs beschieden, wie es der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy ausdrückte. Laut anderen Quellen habe die Kanzlerin ihre Ablehnung von Eurobonds in ein Goethe-Zitat verpackt: «Ein jeder kehre vor seiner Tür, und rein ist jedes Stadtquartier.»

Soweit die anekdotische Kurzfassung. Jenseits moralisch aufgeladener Kolportagen spielte sich bekanntlich Dramatischeres ab. Seither sind nicht nur die Wachstumszahlen eingebrochen – Spanien ist mittlerweile gerade mal wieder in etwa auf dem Niveau vor der Krise. Auch wirtschaftswissenschaftliche Gewissheiten wurden nachhaltig erschüttert. Die Krise traf das Nervenzentrum einer finanzialisierten Weltwirtschaft. Es entfaltete sich eine Dynamik, in der es immer schwieriger wurde, zwischen privaten und öffentlichen Interessen zu unterscheiden. Zur wirtschaftlichen gesellte sich eine Krise der Expertise, zur Krise der Expertise eine der Politik. Die Gestaltungskraft, die diese dreifache Krise freisetzte, wurde durch technokratische Fürsorge umgehend domestiziert. So rückte, wenn man so will, die normative Kraft faktischer Entscheidungen in den Vordergrund.

In seinem Buch «Crashed» bringt Adam Tooze diese Entwicklungen und Entscheidungen in eine erzählerische Form. Seine fast 700 Seiten starke Darstellung der Finanzkrise reicht bis in die unmittelbare Vergangenheit, spinnt aber auch Stränge weiter zurück: zu den institutionellen Konsolidierungen der Nachkriegszeit, zu den Liberalisierungen zwischen den siebziger und den neunziger Jahren und zur neokonservativen Phase zu Beginn des neuen Jahrhunderts. Mit der Finanzkrise ab 2007 wird der westliche Kapitalismus nach einer Phase relativer Stabilität von seinen finanztechnischen Betriebsvoraussetzungen eingeholt.

Geopolitische Bögen

Aus dieser Gegenwart gibt es keinen einfachen Ausweg. Auch die Zeitgeschichte kann einen solchen nicht weisen, aber sie kann einige belastbare Anhaltspunkte liefern. Tooze spannt in seinem Buch drei Bögen. Er erzählt erstens die Krisendynamik im engeren Sinn: wie der Kollaps des US-Hypothekenmarkts zum Refinanzierungsnotstand im Finanzsektor führte, wie dann im Zuge der fiskalischen Gegenstrategien die Finanz- in eine Staatsschuldenkrise umgewandelt wurde. Die Eckdaten dieser Entwicklung sind bekannt. Tooze schildert sie allerdings in einer empirischen Dichte, die ihresgleichen sucht. So rücken eine Reihe wenig beachtete Aspekte in den Vordergrund, etwa die Ungleichbehandlung osteuropäischer Staaten im Zuge des Krisenmanagements.

Zweitens profiliert Tooze die Finanzkrise als durch und durch transatlantisches Phänomen. An deren Ausgangspunkt stand die enge Verflechtung der jeweiligen Finanzsysteme. Das Krisenpotenzial auf dem US-Immobilienmarkt war nicht etwa ein amerikanischer Exzess, sondern ein Gemeinschaftswerk europäischer und US-amerikanischer Finanzmarktakteure. Den dritten Bogen spannt Tooze auf der geostrategischen Ebene. Hier verdichtet er seine Argumente am Aufstieg Chinas, an den transatlantischen und transpazifischen Handelsabkommen (TTIP und TPP), an den jüngsten Anti-Freihandelsinitiativen und am Brexit.

So rückt «Crashed» auch einen Umbruch der weltwirtschaftlichen Ordnung in den Blick, die aus dem Kalten Krieg hervorgegangen ist: mit einer Konsumbasis in den USA, einer wachsenden Industriebasis in Fernost, einer Rohstoffbasis im Globalen Süden, im Nahen Osten sowie in Russland – und mit Europa in einer finanziellen Mittlerposition. Diese Vermittlung lief insbesondere über den Eurodollarmarkt Londons, der die Finanzplätze in Paris, Frankfurt und in der Schweiz ans US-Finanzsystem anschloss. Die EU war diesen Verflechtungen in entscheidenden Momenten institutionell und politisch kaum gewachsen.

Schlimmeres verhindert

Die europäische Krisenbewältigung dauerte lang – sie dauert im Grunde immer noch an –, und sie war ineffektiv. Im multilateralen Europa versuchte man, an einer «geordneten» Haushaltspolitik festzuhalten. Diese halbherzige Selbstbeschränkung mündete einerseits in einer Austeritätspolitik. Doch dispensierte sie nicht davon, andererseits die Finanzmärkte über das Drohpotenzial der Europäischen Zentralbank (EZB) in Schach halten zu müssen.

In den USA dagegen, wo die Einigkeit der massgeblichen Akteure grösser war, wurden die entscheidenden Massnahmen noch vor der Wahl Barack Obamas von den DemokratInnen getragen und über Netzwerke aus der Clinton-Ära orchestriert. So warf man schon im Oktober 2008 die Regeln über Bord und ging in einen quasi kriegswirtschaftlichen Aktionsmodus über. Damit gelang es, daran zweifelt Tooze keinen Moment, Schlimmeres zu verhindern – auch für Europa.

Dass die Stabilisierung des Finanzsystems jede faire Risikozurechnung aus dem Feld schlug, bleibt nachhaltig in Erinnerung. Akteure auf dem Finanzmarkt wurden gegenüber anderen wirtschaftlichen Akteuren auf eine Weise bevorzugt, deren groteskes Ausmass nur noch durch die Höhe der Beträge übertroffen wird, um die es ging. Wo das Politische aus der Rechnung fiel, revanchierte es sich über die Sprache.

Die Unzurechnungsfähigkeit wurde in Sprechakten kompensiert, etwa in den Beschwörungsformeln der deutschen Europapolitik, aber auch in den Versprechen neuer politischer Bewegungen: der antiliberalen Nationalisten in Ungarn, Polen oder jüngst Brasilien, in der demokratischen Notwehr der Linken in Griechenland, in Beppe Grillos «vaffanculo» in Italien oder dann im messianischen Gestus, mit dem Emmanuel Macron die paralysierten Parteien in Frankreich überrumpelte. Auch die ökonomischen Akteure fanden wieder Halt in einem Sprechakt: im erratischen «Whatever it takes», mit dem EZB-Präsident Mario Draghi den Vertrauensverlust der Märkte 2012 stoppte.

Ohne orthodoxe Theorie

Die Entstehung des Buchs, ab 2012 projektiert, konnte man auf der Website des Autors Schritt für Schritt mitverfolgen. Mit Blick auf seine dortigen Blogeinträge bemerkte ein Kommentator: «Adam Tooze über alles, was er gelesen hat.» Das war als Kritik an einer undisziplinierten intellektuellen Praxis gemeint. Der vielschichtige Ansatz kommt dem Unternehmen allerdings gerade zugute. Ohne die Beschränkung auf eine ökonomische Perspektive – und ohne den doppelten Boden einer orthodoxen Theorie – verdeutlichen sich die politischen Akzente der Finanzpolitik.

Zehn Jahre nach Ausbruch der Krise ist das europäische Balancieren zwischen den Interdependenzen des internationalen Finanzsystems, den Gewichtsverschiebungen der Weltwirtschaft und national geprägten wirtschafts- und sozialpolitischen Perspektiven nicht einfacher geworden. Vor diesem Hintergrund zeichnet Tooze nicht nur Konturen eines historischen Einschnitts. Er liefert auch starke Argumente dafür, das Politische der politischen Ökonomie ernst zu nehmen.

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