Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Der Palast als Mördergrube

Missgunstwirtschaft unter Günstlingen – oder wie man eine Königin umgarnt, ohne sich dabei selbst zu verstricken. Yorgos Lanthimos lanciert mit «The Favourite» den Kostümfilm neu: als Kulisse für einen grandiosen weiblichen Machtkampf.

Von Daniela Janser

Mit Perücken und Puder, aber ohne Pathos: Lady Sarah (Rachel Weisz) buhlt in «The Favourite» um die Gunst von Queen Anne (Olivia Colman). Still: Twentieth Century Fox Film Corporation

«Sind Sie gekommen, um mich zu verführen oder um mich zu vergewaltigen?», fragt vorwitzig die königliche Zofe den gepuderten Jüngling, der unangekündigt in ihre Kammer spaziert. Er empört: «Ich bin ein Gentleman!» – «Zum Vergewaltigen also», ruft sie gespielt resigniert und stellt sich auf ihrer Bettstatt tot. Und als Königin Anne für ihr neues verwegenes Augen-Make-up von ihrer engsten Vertrauten ein Kompliment erwartet, schimpft diese: «Sie sehen ja aus wie ein Dachs! Gehen Sie zurück auf Ihr Zimmer.»

Schwer abzuschätzen, ob solche stinkfrechen Dialoge zu Beginn des 18.  Jahrhunderts am englischen Hof möglich gewesen wären. Vermutlich nicht. Aber «The Favourite», der neue Film von Yorgos Lanthimos («The Lobster»), lässt es uns trotzdem überzeugend glauben. Der griechische Regisseur legt ein erstaunlich schwer zu beschreibendes Filmgebilde vor, ein fiebriges Drama, das zugleich eine deftige Komödie ist – ein Historienstück mit Perücken, Puder, Palast und aufwendigen Kostümen, dem doch jedes Pathos und jede Betulichkeit abgehen. Der Muff und die kindischen Exzesse des Adels werden messerscharf blossgelegt, ebenso wie die alltäglichen kleinen Grausamkeiten unter dem Fussvolk. Dazu zeigt «The Favourite» einen grandiosen Machtkampf zwischen drei Frauen, der jedes Geschlechterklischee weit hinter sich lässt und die Männer mehrheitlich auf die Zuschauerbank delegiert.

Eine deftige Ménage-à-trois

Allein im Gesicht der strauchelnden und exaltierten Regentin wechseln die Stimmungen rasend schnell – tieftraurig, verwöhnt, brutal empfindsam und dann wieder ungerührt grausam. Es braucht schon eine Ausnahmeschauspielerin wie Olivia Colman («Broadchurch»), um dieses irre Gefühlsgewitter glaubhaft zu verkörpern. Ihr zur Seite brilliert Rachel Weisz als Lady Sarah, Duchess of Marlborough: Sie ist Queen Annes Jugendfreundin, Vertraute in allen Lebenslagen, politische Einflüsterin im Krieg gegen Frankreich und im Hickhack mit den politischen Gruppierungen der Whigs und Tories. Doch gleich zum Auftakt des Films erwächst Sarah gefährliche Konkurrenz von ihrer abgefeimten jungen Cousine Abigail (Emma Stone, ebenfalls in Höchstform), die sich auf der Suche nach Einfluss am Hof buchstäblich aus dem stinkenden Morast bis ins königliche Gemach und dann in Queen Annes Bett hochstemmt.

Wen das interessiert: Dieser dreipolige Machtkampf ist durchaus historisch verbürgt, Geschichtsbücher berichten von primär politischen Allianzen und Zerwürfnissen. Die teils schwülstigen Briefe zwischen Sarah und der Königin lassen allerdings mehr vermuten. Lanthimos übersetzt diesen Sexverdacht, den auch ein späterer Erpressungsversuch nahelegt, deftig in eine Ménage-à-trois. Die beiden jüngeren Frauen buhlen um die Königin, mit Worten, Massagen und mehr, bis die eine dann zu härteren Mitteln greift, um ihre Konkurrentin auszuschalten. Derweil die Monarchin, gesundheitlich schwer angeschlagen und amtsmüde, mit ihren siebzehn Kaninchen spielt – für jedes ihrer totgeborenen Kinder eins – oder wie von Sinnen farbige Tortenstücke in sich hineinstopft, die sie allerdings gleich wieder erbrechen muss, weil sie das geliebte Zuckerwerk schlicht nicht mehr verträgt. Man hat Mitleid mit ihr, ohne dass sie als willkürliche Monarchin je ihren Schrecken verliert.

Entrümpelt und entstaubt

Nach der bürgerlichen Familie im Bann von unerklärlichen Schicksalsgewalten in «The Killing of a Sacred Deer» nimmt Lanthimos nun also ein blaublütiges Dreieck ins Visier. Dabei geht es ihm augenscheinlich weniger um Hofzeremoniell und Kriegspolitik als um den Palast als Mördergrube und um die funkentreibende Dynamik der Günstlingswirtschaft einer siechen Königin. Die kriminelle Energie und der Einfallsreichtum der zwei um sie werbenden Schurkinnen sind beträchtlich. Lanthimos versucht weder, die Frauen zu verniedlichen, noch, sie zu verteufeln: Sie sind harte weibliche Subjekte, die eiskalt kalkulieren, sich gegenseitig in clever ausgelegte Fallen gehen und blutige Drohbilder entwerfen. Bücher werden zu Waffen und Wurfgeschossen umfunktioniert – ein symbolstarker Kommentar zu weiblicher Zerstreuung und Fantasiemacht knapp hundert Jahre vor Jane Austen und den anderen grossen Autorinnen des 19.  Jahrhunderts.

Überhaupt sehen wir hier keine Frauen in den Fussstapfen oder Masken von Männern, sondern Frauen, die ihren eigenen Spielraum bis zum Äussersten ausschöpfen. Vergleicht man «The Favourite» mit einem anderen aktuellen Königinnendrama, wird noch deutlicher, wie schlau das gemacht ist. Während Josie Rourkes «Mary Queen of Scots» Maria Stuart und die englische Königin Elizabeth I. als kostümierte Marionetten ihrer Zeit zeigt, die aber mit Gefühlswelten und Attributen von heute ausgestattet sind, was immer wieder zu eklatanten Dissonanzen führt, geht Lanthimos einen entscheidenden Schritt weiter. Er kümmert sich ebenfalls wenig um historische Genauigkeit, behauptet nie, so sei es gewesen, sondern sagt: So hätte es sein können.

Lanthimos vermeidet aber auch eine oberflächliche und forcierte Aktualisierung. Vielmehr stellt er sein Historienstück auf den Kopf, schüttelt es durch, entrümpelt und entstaubt es und macht es so überzeitlich aktuell. Dass viele Szenen mit Fischaugenlinsen gefilmt sind, die gleichzeitig fokussieren und verzerren, ist eine ideale visuelle Umsetzung von Lanthimos’ fiktionaler Methode.

«The Favourite» und «Mary Queen of Scots» sind aktuell im Kino zu sehen.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch