Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Spoiler: Nicht der Vater

Michelle Steinbeck erduldet einen Vierstünder

Von Michelle Steinbeck

Ich geniesse die letzten Tage Privatzeit. Bald muss ich wieder auf Tour und Autorin spielen; mit blitzendem Charme wohlwollende Publikümer verstören und mir dann engelslächelnd die fundierte Altmänner-Kritik anhören: «Machen Sie das extra, dass ich nichts verstehe?»

Darauf kommen sie jeweils zum Signiertisch und entschuldigen sich körperkontaktreich; es sei ja nicht persönlich gemeint, und sie hätten halt auch mal was sagen wollen. Dann kaufen sie das Buch, und ich schreibe «freundliche Grüsse» rein und «eine gute Zeit», denke: «Hat sich doch gelohnt!» Und an mir sterben ein paar Zellen. Die fallen auf die Seiten, werden gepresst zwischen den Buchdeckeln und wandern so in die Herren-Globus-Tasche.

Bevor ich dieses unerschütterliche Ich-AG-Monster wecke, um einen fröhlichen Bestsellergedichtband um die Welt zu tragen, von dem die Welt gar nichts hören will, über den die Grossmütter der Welt sagen: Das musst du mir dann mal erklären, wie du das gemeint hast; also solange das aurastärkende Fläschlein noch unbenutzt im Medizinschrank steht, bis dahin spiele ich Genie des 19. Jahrhunderts. Ich liege am brennenden Holzofen, hole mir eine kleine Rauchvergiftung und versinke in einem skandalös-mysteriösen ungeklärten Kriminalfall, über den ich ein Stück schreiben darf. Manchmal gehe ich auch raus und schaue mir Stücke an. Zum Beispiel einen Vierstünder, nach dem ich in die vor der Garderobe scharrende, wundgeklatschte Menge laut sage: «Wie langweilig, immer diese negative Kunst!»

Ist doch wahr. Ein Hotel voll verkrachter Klischee-Existenzen. Das Künstlerpaar in der Midlife-Crisis, das sich streitet, ob es gute Kunst ist, wenn ihre Tochter mit einem Umschnalldildo ihren Freund penetriert und das als ihre Semesterarbeit ausstellt. Spoiler: Sie ist gar nicht seine Tochter. Spoiler 2: Die Frau brennt später mit ihrem Psychiater durch. Da ist die Alte im Rollstuhl, die ihren Mann drängt, sie endlich umzubringen. Da sind die polyamourösen Eltern: die Rabenmutter, die sich einen Stock tiefer die Milch von einem berühmten Jungregisseur aus den Brüsten saugen lässt, während der traurig-treue Skinny-Jeans-Daddy (Spoiler: gar nicht der Vater) das schreiende Baby schaukelt. Der Jungregisseur bringt daraufhin seine Frau um, die gekommen ist, um die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Usw.

Bloss in einem Zimmer trotzen zwei dem Klamauk. Ein junges Liebespaar mit Wiener Frisuren, immer nackt, sie sprechen kein Wort. Einmal nur wird ihr Zimmer erhellt, als zwei Streitende hereinstürzen und sie anschreien: «Ihr denkt, ihr seid cool, aber das ist gelogen!» Die Jungen legen sich schweigend ins Bett und geben literally einen Fick.

Im letzten Teil kommen sie leider nicht mehr vor, der ist ganz der männlichen Hysterie gewidmet. Zwei Starschauspieler haben die Bühne für sich: Sie kreischen ihre Geburtstraumata heraus, schmeissen Blumentöpfe an die Wand, schmieren die Scheiben voll und machen den Fisch an Land. Das dauert eine Stunde. Der graue Gürtel schnarcht selig. Als er schliesslich aufschreckt und sich in einen tosenden Applaus hineinsteigert, suche ich unter den Verbeugenden vergeblich nach dem immernackten Paar. Die StatistInnen dürfen sich nicht mal ihren Fame abholen? Meine fundierte Jungfrauen-Kritik fand die ungelogen am coolsten.

Michelle Steinbeck ist Autorin und lebt in Basel. Vor der Lesetour mit ihrem neuen Gedichtband führt sie sich noch ein wenig Theater zu Gemüte. Nicht immer genussvoll.

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