Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

«Salli, Mammi, weisch no?»

Michelle Steinbeck hört beim Canapé-Essen einem Altrocker zu

Von Michelle Steinbeck

Am Neujahrstag war ich zum ersten Mal in der «Brötli-Bar». Nun lebe ich schon so lange in Basel und bin bislang an dieser Urinstitution am Barfi bloss ignorant vorbeigelatscht, manchmal gar mit einem abfälligen Kichern: Die Spezialität des Hauses sind Glibbertoasts und Dosenbier nach Coop-Pronto-Schluss. Aber nicht 2019! Silvester rauscht noch durch unsere Körper, die Fingerspitzen schwefeln vom Feuerwerkzusammensammeln nach dem Eau de Toilette des Teufels persönlich (Duftfamilie: «Faule Eier»), und dem traditionellen Neujahrsorakel, das mir «Unzufriedenheit» vorausgesagt hat, muss nun aktiv und mantramässig gegengearbeitet werden: Ich bin zufrieden, mit allem zufrieden, ja eh, cool: «Brötli-Bar»!

Innen ist Holzfurnier, es riecht nach gehackten rohen Zwiebeln, und in der langen Vitrine schimmert golden die Sülze. Die Kellnerin mit Elsässerinnenfrisur mustert uns verhipsterte Mesdames et Messieurs mit cornichonsäuerlicher Miene. Wir sollen mit einem sauberen Kuchenschaber selber nehmen, was uns gelüstet; hier sind die Teller und hier der Behälter für die benutzten Schaber.

So wird das Erste, was ich im neuen Jahr gegessen habe, ein Canapé mit weissen Konservenspargeln, einer dünnen Scheibe Ei und einem Klecks Mayo. Ich muss sagen, es war nicht schlecht; ich war zufrieden. Noch viel besser aber war der Typ, der ebenfalls vor Weisswein und Zwiebeltoast neben uns am Fenster mit Blick auf eine Herde Plastikkühe sass. Ein alternder Bebbi-Rocker, Frisur Marke Robert Smith (oder auch der Teufel im anthroposophischen Dreikönigsspiel), der gerade einen Hit gelandet hatte. Er rief all seine Freundinnen und Bekannten an und tat sein Glück kund. Seine Mutter sparte er sich bis zum Schluss auf. Das klang dann so: «Tschau, salli, Mammi, weisch no? Das Lied, das ich dir letzthin gezeigt habe, im Beatles-Stil. Du hast gemeint: Ich weiss nicht recht, muss es noch mal hören.»

Hier verstellt er seine Stimme mamimässig, und sie überschlägt sich fast vor lauter Triumph. «Weisst du, wie viele Klicks das jetzt hat? Das ist durch die Decke! Aber scho sicher. Die Leute lieben es. Wen wunderts, das ist ja wie die Beatles. Rate mal die Klicks. Ich habe es hochgeladen und zugesehen, nach einer Stunde schon fünfzehn, zwanzig, ich hab mir gedacht: Was geht hier ab? Da siehst du mal bloss.»

Er macht eine Pause, um ihr Raum für Einsicht und Entschuldigung zu geben. Anscheinend kommt nicht viel, denn er fährt weiter: «Ich bin so zufrieden, ich habe gar keine Wünsche mehr. Alles, was ich mir vorher gewünscht habe, erkenne ich jetzt, ist nur Plunder, das will ich nicht mehr. Nur noch etwas: dieses eine tolle Messer. Nun ist die Frage: Wie machen wir das? Du könntest mir einfach mehr Geld geben diesen Monat, und ich kaufe es selber. Oder du schenkst es mir direkt. Kannst ja noch überlegen. Aber nicht zu lange, die Aktion läuft bald ab.»

Ich werde mir an diesem bescheidenen Hit Wonder ein Beispiel nehmen und mich 2019 dem Orakel zum Trotz zufriedengeben. Viral gehen ist ja so relativ. Oder wie die PoetInnen sagen würden: Wir müssen nicht immer nach den Sternen greifen; nach der 1/4-Preis-Weihnachtsbaumschokolade im oberen Regal im Denner reicht auch. Irgendwie läufts doch schlussendlich eh aufs selbe raus. Prost!

Michelle Steinbeck ist Autorin und lebt in Basel. Sie wird dieses Jahr mit ihrem Gedichtband viral gehen. Darauf stösst sie schon jetzt mit sich selber an.

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