Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Gebt mir eine Uniform

Michelle Steinbeck über einen perversen Mitbewohner

Von Michelle Steinbeck

Diese Woche ist Semesterstart an der Uni. Die italienische Wochenzeitung «Internazionale» bringt anlässlich des Schulanfangs einen Jungen im Astronautenanzug aufs Cover. Heroische Pose und zuversichtliches Lächeln – es geht weiter. Was im Lockdown noch ungeheuer bedrohlich schien, haben wir nun erreicht: den Punkt, an dem wir mit dem Virus «zusammenleben».

Als wäre der Covid ein ungebetener Mitbewohner, der sich heimlich in die WG eingeschlichen hat. So einer, der Schlangensprache spricht, im Wohnzimmer masturbiert, bei dem du Angst hast, dass er dich im Schlaf überfällt – und der nicht mal Miete zahlt. Über den sich alle grausam aufregen, mit dem sich aber jedeR irgendwann abfindet. Weil er sich einfach nicht beirren lässt. Und bald hast du dich daran gewöhnt, nicht mehr im Wohnzimmer zu essen, nachts die Zimmertür abzuschliessen und die weniger werdenden Gäste zu warnen. Du hast gelernt, ihn zu ignorieren und ihm gleichzeitig aus dem Weg zu gehen. Es gibt Momente, in denen du vergisst, dass dieser Perversling deine Wohnung besetzt. Doch bleibst du nervös, verfolgt, wütend. Schwankst ständig zwischen Angriff und Rückzug, zwischen Provokation und Ergeben. So einer ist der Covid.

Das Zusammenleben hinterlässt Spuren. Auch wenn wir aufgedreht sind und wieder an Raves rennen, es geht nicht unbedingt gut. Besuchszeiten auf dem Burghölzli, und rundherum brennt brüllend die Welt ab; wir schauen zu, was sonst? Die Erwerbsersatzbrunnen sind trocken, die Kulturmaschine läuft knarzend wieder an, Veranstaltungen werden eingetragen und bald darauf abgesagt. Hüstelt es im Publikum, rücken Stühle, Autorinnen verteilen halbernste Rügen. Im Raum laufen unsichtbare Linien, verschiedene Vorstellungen von Zu-locker- und Zu-verkrampft-Sein; die Linien teilen auch mich in sich streitende Teile – der Mitbewohner lacht sich ins Fäustchen.

Im Frühling verband uns der Ausnahmezustand, die Sensation eines Einbruchs in die Normalalltäglichkeit. Daraus keimten Balkonpflanzen, Angst und trügerische Hoffnung auf Kursänderung. Im Herbst stehen wir wieder auf unseren Posten, gebräunt und müde lächelnd. Der Horizont ist unverändert, nur der Fahrtwind stärker, die Wolken dunkler. Ein paar Aluhüte tragen Fallschirme, für wenn wir endlich über den Rand fallen. Über unseren Köpfen dröhnen Raketen, auf dem Mars massive Baustelle. Die Welt ist wieder im Lot: Jene, die am meisten fürchteten, weil sie am meisten zu verlieren hatten, sind abermals als Sieger aus der Geschichte hervorgegangen. Sie haben die Krise produktiv genutzt, besitzen jetzt noch mehr und freuen sich aufs Leben nach der vernutzten Erde.

Ich betrachte den Schuljungen auf dem Cover und beschliesse: Ich brauche auch eine astronautische Uniform. Meine Schutzvorrichtungen reichen nicht aus. Diese viel zu selten gewaschene Maske und das quasi leere Desinfektionsfläschchen, das meist zu Hause vergessen bleibt, der halbherzige Sicherheitsabstand und die Umarmungen mit schlechtem Gewissen, das sieht auch einfach nicht elegant aus. So eine fesche Uniform hingegen macht sich wahnsinnig gut im Zoom-Seminar.

Michelle Steinbeck ist Autorin und Studierende.

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