Nr. 10/2019 vom 07.03.2019

Ambitioniertes Entdeckungsdrama

Von Ulrike Baureithel

Wohl keine Region in Europa ist literarisch so ergiebig wie der Grossraum des früheren Jugoslawien. Nicht nur, dass dieser uns vorgeführt hat, wie schnell und dramatisch soziale und ethnische Konflikte in einen barbarischen Krieg münden können; vielmehr lebt der einstige Vielvölkerstaat in den heutigen Nationalstaaten nach, mit allen Brüchen und Verwerfungen.

Der slowenische Schriftsteller, Drehbuchautor und Regisseur Goran Vojnovic, der vor zwei Jahren mit seinem Roman «Vaters Land» erstmals im deutschsprachigen Raum in Erscheinung getreten ist, ist ein Chronist der Nachfolgegeneration. Selbst in komplizierte Familienverhältnisse hineingeboren, macht er Ljubljana in «Unter dem Feigenbaum» zum zweiten Mal zum Schauplatz einer über vier Generationen reichenden Familiengeschichte, in der viele ethnische Fäden zusammenlaufen.

Erzählt wird grösstenteils aus der Ich-Perspektive von Jadran, einem jungen Familienvater, der sein Geld mit Sportwetten verdient, aber eigentlich Journalist werden wollte. Der Tod seines Grossvaters Aleksandar, der jüdisch-ukrainische Wurzeln hatte und im Sozialismus eine bescheidene Karriere machte, wird für den Enkel zum Anlass, über seine Herkunft nachzudenken: über Aleksandar, der offenbar einige Familiengeheimnisse mit ins Grab genommen hat, seinen Vater, einen 1992 plötzlich aus Ljubljana verschwundenen Bosnier, aber auch über die kriselnde Beziehung zu seiner Frau Anja, Spross einer wohlhabenden slowenischen Familie, in der er sich fremd fühlt.

Vojnovics ambitioniert angelegtes Entdeckungsdrama wird gelenkt vom Blick des Filmregisseurs: Slapstickartige Szenen wechseln mit sehr berührenden, in denen etwa Aleksandar seine demente Frau Jana bis zum Tod begleitet. Der Roman handelt aber auch vom Umgang mit Erinnerung: «Ich will nicht, dass etwas meine Erinnerung bestimmt», erklärt Jadrans Mutter Vesna. «Du hast im Kopf eine grosse Geschichte aus deinem Leben geknüpft, einen grossen, dicken Roman», wirft Anja Jadran vor. Diesen spannend aufzurollen, ist Vojnovics literarisches Geschick.

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