Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

In der Hölle des digitalen Zeitalters

Fast fünfzig Millionen Tonnen Elektroschrott wurden 2018 weltweit produziert. Mit diesem Abfall wird gehandelt – eine globale Industrie, die den Norden und den Süden verbindet.

Von Michael Krätke

Gefährliche Drecksarbeit im Schrott: Ein Junge auf der Deponie in Agbogbloshie, einem Vorort der gha­na­ischen Hauptstadt Accra. Foto: Benjamin Lowy, Getty

Die grösste Deponie für Elektroschrott der Welt befindet sich in Agbogbloshie, einem Vorort der Millionenstadt Accra, der Hauptstadt von Ghana. Es ist ein unwirklicher Ort. Soweit das Auge reicht, erheben sich Berge von ausrangierten Fernsehern, Kassettenrekordern, VHS- und DVD-Spielern, Computern, Monitoren, Tastaturen, Kabeln, Handys. Schlammige Trampelpfade durchziehen das Terrain, gesäumt von windschiefen Bruchbuden aus Holz- und Metallschrott. Ein gräulicher, bisweilen auch grünlicher Smog wabert über den Schrottbergen. Das Atmen fällt schwer, beissender Qualm reizt die Schleimhäute. Wer kann, flieht diese Hölle des digitalen Zeitalters.

Die Einheimischen lieben den Ort nicht, sie nennen Agbogbloshie «Sodom und Gomorra». Agbogbloshie liegt an den Ufern der Korle Lagoon, über 40 000 Menschen leben hier, die meisten sind ZuwanderInnen aus den armen ländlichen Gegenden im Norden des Landes. Im riesigen Slum gibt es keine Arbeit, in den besseren Vierteln von Accra werden die MigrantInnen abgewiesen und vertrieben. Daher suchen sie ihr Heil auf den Müllbergen. Von ein bisschen Handel mit Gemüse und Getreide abgesehen, dreht sich die lokale Ökonomie nur um den Elektroschrott. Und die Wirtschaft des ganzen Landes profitiert davon.

Erbärmliche Arbeitsbedingungen

Agbogbloshie scheint ein einziges Chaos, ein riesiger, versmogter, stinkender Albtraum, wo Hunderte von Feuern Tag und Nacht lodern. Wo das ganze Jahr über die Sonne nur zu erahnen ist. Es gibt aber auch an diesem gottverlassenen Ort eine Art Ordnung. Junge Männer durchstreifen unablässig in Gruppen das Gelände auf der Suche nach Wiederverwertbarem. Arbeitsteilig sammeln sie den Schrott ein, die einen Kabel, die anderen Laptops, wieder andere Monitore. Sie schleppen ihre Ausbeute zu anderen Gruppen von meist jungen Männern, die sich um improvisierte Feuerstellen scharen. Dort werden die noch verwertbaren Metalle aus dem Elektroschrott herausgeholt, mit primitiven Mitteln und unter erbärmlichen Arbeitsbedingungen.

Kupfer, Blei und Aluminium sind begehrte Rohstoffe, die Schrottverwerter von Agbogbloshie können sie verkaufen. An lokale und regionale Metallhändler, die Tausende Tonnen Metall, die von den Müllbergen kommen, weiterverkaufen – und damit grosse Gewinne machen. Wenn es gut läuft, können die Mitglieder einer solchen Gruppe von Kindern und Jugendlichen etwa 2 bis 2,50 US-Dollar pro Tag verdienen. Deshalb gehen sie Tag für Tag zurück auf die Deponie. Dafür atmen sie Tag für Tag den giftigen Qualm ein, der aus den Feuern aufsteigt, in denen Elektrokabel verbrannt werden, um das Kupfer zu gewinnen.

Es herrscht eine strikte Arbeitsteilung nach Alter und Geschlecht. Ältere Männer übernehmen die Rolle der Vorarbeiter und Aufseher, die jungen Männer und die Knaben machen die gefährliche Drecksarbeit im Schrott. Frauen und Mädchen wandern auf den Müllbergen herum, gehen von einer Arbeitsgruppe zur anderen und verkaufen Wasser, geschälte Orangen und gekochte Mahlzeiten an die Arbeiter, die älteren Frauen führen in den zahllosen Küchen und kleinen Marktständen das Regiment.

Marken aus aller Welt

Ein Blick auf den Elektroschrott reicht, um zu sehen, dass Agbogbloshie ein Teil der neuen globalen Ökonomie des digitalen Zeitalters ist. Der Schrott kommt aus aller Welt, alle führenden Marken, US-amerikanische, chinesische, koreanische, japanische, europäische sind hier zu finden. 2007 haben die Vereinten Nationen die Initiative «Solving the E-Waste Problem» (Step) gestartet, um der weltweit wachsenden Masse von Elektroschrott Herr zu werden. Um über 33  Prozent werde diese in den nächsten vier Jahren wachsen, warnte die Uno 2013. Nach den Schätzungen der Step waren es 2014 fast 42  Millionen Tonnen, bis Ende 2018 sollte die auf der ganzen Welt erzeugte Masse von Elektroschrott auf 50  Millionen Tonnen gewachsen sein; diese Prognose stimmte. Ghana importiert jedes Jahr mehr als 40 000 Tonnen Elektroschrott und kann sich der grössten Recyclingindustrie des ganzen Kontinents rühmen.

Tausende Tonnen Elektroschrott kommen aus Europa, noch mehr aus den USA und immer mehr auch aus Asien. Der Grossteil allerdings kommt aus anderen afrikanischen Ländern. Agbogbloshie ist eine wichtige Drehscheibe beim Recycling von Elektroabfall in Afrika und in der Welt. Denn offiziell ist der Export von Elektroschrott aus den reichen Ländern des Westens in Entwicklungsländer verboten, laut der Basler Übereinkunft zur grenzüberschreitenden Abfallverbringung. Eine entsprechende EU-Richtlinie regelt klar, dass Elektroschrott nicht aus EU-Ländern in solche Länder verschifft werden darf, die schlechtere Regeln für die Wiederaufbereitung haben als Europa.

Die Secondhand-Industrie blüht

Doch diese legale Hürde lässt sich leicht umgehen, man braucht den elektronischen Schrott nur umzudeklarieren: Statt Schrott exportieren die USA und die EU-Länder «gebrauchte» Laptops, Drucker, Computer, Monitore, Handys – und so kommen diese dann doch nach Ghana, Nigeria und in andere afrikanische Länder. Die Kontrollen sind lax, der meiste Elektroschrott aus Deutschland oder Grossbritannien landet daher als «gebrauchte Altgeräte» in Westafrika. Dabei handelt es sich nicht ausschliesslich um Etikettenschwindel, denn neben der Jagd nach weiter verwertbaren Metallen auf den Schrottbergen blüht in den Slums von Accra auch eine regelrechte Secondhand-Industrie für Elektrogeräte.

Schon bei der Ankunft im Hafen von Accra werden die Container mit Elektroschrott aus Europa und Amerika von Zwischenhändlern durchforstet, die in Massen aufkaufen, was ihnen für die Secondhand-Industrie am Ort geeignet erscheint. Sie bringen die noch reparierbaren Geräte und Einzelteile zu den kleinen Handwerkern, die sich aufs Reparieren von Altgeräten aller Art spezialisiert haben. Davon gibt es viele hier. In Tausenden von kleinen Werkstätten werden Computer, Laptops oder Handys repariert oder aus Schrottteilen neu zusammengebaut und dann als Gebrauchtware verkauft.

Neue Laptops aus der Fabrikation der führenden Hightechländer sind für die meisten GhanaerInnen unerschwinglich, und ohne die blühende Secondhand-Industrie, ohne die findigen Computerbastler aus den Slums hätten die meisten keinen Zugang zu modernen Elektrogeräten. In Ghana, wie im übrigen Afrika, geht die Digitalisierung dank des Handels mit gebrauchten und reparierten Computern aus dem Globalen Norden voran. Aber früher oder später, meist schon nach ein paar Monaten, landen die erneut defekten Elektrogeräte auf Deponien wie derjenigen von Agbogbloshie. Dort zählt nur noch der Wert der Metalle, die sich aus den Schrottapparaten gewinnen lassen und die zu einem Grossteil wieder in die reichen Länder des Globalen Nordens zurückexportiert werden. Was sich nicht wiederverwerten oder reparieren lässt, bleibt auf der Mülldeponie.

Unfälle, Krebs, Bleivergiftungen

Für die Zehntausenden, die auf und von den Schrottbergen leben, ist Agbogbloshie kein guter Ort. Die Arbeit ist schmutzig, gefährlich und erbärmlich bezahlt. Schutzkleidung, richtiges Werkzeug, Maschinen, Recyclingöfen auf dem heutigen Stand der Technik gibt es hier nicht. Unfälle und Verletzungen sind an der Tagesordnung, Verbrennungen, unbehandelte und eiternde Wunden, Augenverletzungen, Lungen- und Rückenschmerzen, Herz- und Kreislaufbeschwerden kommen bald dazu. Die meisten, die hier arbeiten, werden rasch chronisch krank, sie leiden unter ständiger Übelkeit. Viele sterben an Krebs, viele an Bleivergiftungen. Alle wissen, dass die Arbeit hier gefährlich ist, alle wissen, dass sie ihre Gesundheit ruinieren. Aber es gibt keine Alternative für sie. Lokale Initiativen können für die Kinder von Agbogbloshie wenig mehr tun als Schutzmasken verteilen und wenigstens einigen mithilfe von Geldspenden den Schulbesuch ermöglichen.

Für die Exporteure im reichen Norden lohnt sich die Sache allemal. Sie vermeiden teure Wiederverwertungsverfahren unter strengen Auflagen, sie schaffen den Elektroschrott lieber gezielt in die Länder, die keine mit denen der EU vergleichbaren Umweltgesetze und Recyclingnormen kennen. Mülldeponien wie diejenige von Agbogbloshie wären in Europa undenkbar – eine derartige Verschmutzung von Luft, Boden und Wasser wäre nicht legal, derartige Arbeitsmethoden nicht zulässig.

Die Stadtverwaltung von Accra und die Regierung des Landes wissen sehr genau, dass diese Art der Elektroschrottverwertung riesige Umweltschäden in ganz Accra und in der weiteren Umgebung der Millionenstadt bewirkt. Geht es so weiter, ist nicht nur die Gesundheit der ArbeiterInnen auf den Schrottbergen und die der SlumbewohnerInnen bedroht, sondern die aller EinwohnerInnen Accras. Radikal eingreifen, die Mülldeponie von Agbogbloshie dichtmachen und abreissen kann weder die Stadtverwaltung noch die Regierung. Sie wissen, dass sofort Dutzende kleinerer E-Schrott-Deponien im Umland angelegt würden.

Symbolische Gegenmassnahmen

Auch der Sache mit strengen Umweltgesetzen und Auflagen beizukommen, versucht man lieber nicht. Denn dann wäre der florierende Handel mit Schrott aus Europa und Amerika und aus den afrikanischen Nachbarländern passé. Daher bemüht sich die Regierung, wenigstens symbolisch gegenzusteuern und das wachsende Problem mithilfe einiger moderner Recyclinganlagen zu bewältigen. Eine Reihe von NGOs beteiligten sich, auch die deutsche Regierung plant, in Agbogbloshie eine Recyclinganlage zu bauen – für zwanzig Millionen Euro.

Allerdings hilft das den ArbeiterInnen auf den Schrottbergen wenig. Denn genug Jobs, um sie alle anständig zu beschäftigen und zu bezahlen, werden die neuen Recyclingfabriken nicht bieten. Die Armut der rasch wachsenden Bevölkerung macht die afrikanischen Länder zu idealen Müllkippen für die Profiteure der Digitalisierung.

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