Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Ab ins Museum!

Ruedi Widmer fordert das Unsagbare

Von Ruedi Widmer

Obskure Server fluten das Internet mit Empörung über die Berichterstattung zum ebenfalls nur durch das Web möglich gewordenen Massaker von Christchurch, das angeblich zu viel Beachtung finde, während islamistische Attentate verschwiegen würden. Und in meiner engeren Facebook-Umgebung werden Memes gegen die Klimademonstrationen verlinkt, die von russischen Webmagazinen stammen.

Meine grösste Angst sind nicht Seuchen, nicht Flüchtlinge, nicht mal der Klimawandel, sondern es ist der Irrsinn, der jede Minute in unsere Wohnungen und Hirne gepumpt wird.

Selbst wenn ich alles abschalte, was mit sozialen Medien zu tun hat: Die anderen machen ja trotzdem weiter. Wie beim Impfen oder bei der EU: Nicht mitmachen hat gravierendere Folgen als dabei sein.

Es gibt heute allenfalls eine Handvoll Internetpioniere, die ihre Arbeit für Google bereuen, so wie Einstein seinen Einfluss auf die Entwicklung der Atombombe bedauerte. Quäker oder sonst wie absichtlich rückständige Glaubensrichtungen wären vielleicht gegen das Internet, wenn sie wüssten, dass es existiert. Aber moderne Menschen, die gegen das Net sind, gibt es nicht. Googelt man «web haters», stösst man nicht auf eine hoffnungsvolle Bewegung, die mit bunten Ballons für die Abschaltung des Internets demonstriert, sondern auf genau jene Personen, die den Respekt im und die Freude am Web kaputt gemacht haben. Forstet man alle Verschwörungstheorien durch, gibt es keine einzige, die in der blossen Existenz des Internets eine Verschwörung sieht, obwohl sich das doch geradezu anböte (ich hoffe, ich habe tief genug recherchiert).

«Du bist gegen das Internet, benutzt es aber selbst», wendet man nun ein. Ein Satz wie der millionenfach verbreitete Spruch, die SchülerInnen sollten zuerst bei sich selber anfangen, CO2 zu verhindern, bevor sie PolitikerInnen und Konzerne kritisierten. Nein, ich bin gegen das Internet, weil ich es benutzen muss. Weil es mir andere hingestellt haben und mich zwingen, mein Leben darum herum zu organisieren. Weil ich gar keine andere Wahl habe.

Ich habe mich noch nicht ganz entschieden, ob ich das ernst meine oder ob es doch nur ein Witz ist. Vielleicht ist es der Trotz des Älterwerdens, was mir gar nicht gefiele. Ich habe Jahre, Jahrzehnte im Netz und auf Wikipedia verbracht, so viele geistreiche und lustige Leute auf Facebook kennengelernt (ja!), Aufträge bekommen. Ich lebte vom und für das Internet.

Und nun höre ich mich sagen: Das Internet gehört abgeschaltet! Das klingt naiv, aber es ist auch aufregend, das zu fordern. Besonders im Internet. Und richtig: Es wäre das Ende des Kapitalismus, das Ende der Globalisierung und der faschistischen Internationale. Natürlich auch das Ende der Klimademos (vielleicht auch nicht, sind diese doch so sonnenklar terminiert wie das muslimische Freitagsgebet).

Ich war 1996 in der Ausstellung «Hello World?» im Zürcher Museum für Gestaltung, in der man im Netz surfen konnte. Die NZZ schrieb damals: «Mit einem Anschluss an den Datenverbund holt man sich einerseits die elektronische Welt ins Haus. Anderseits ist es möglich, sich mit relativ einfachen Mitteln ungefiltert der Gemeinschaft von geschätzten 30 Millionen anderen Internet-Teilnehmern mitzuteilen. Entsprechende Beispiele im Bereich des WWW, sogenannte Homepages von Personen aus aller Welt, können an der Ausstellung per Computer angesteuert werden.»

Niemand hat damals die unfreiwillige Bewusstseinsveränderung vorausgesehen, den psychischen Klimawandel, das erschreckend schnelle Absterben von Geduld und Respekt, den erhöhten Anteil von Narzissmus, Dummheit und Terror in der gesellschaftlichen Stratosphäre. Es ist fünf vor zwölf.

Der Titel des NZZ-Artikels von 1996 lautete «Internet im Museum». Ich meine, wir sollten 2019 fordern, dass es wieder dorthin gehört.

Ruedi Widmer wohnt in Winterthur und versucht verzweifelt, so etwas wie eine neue Greta Thunberg zu sein.

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