Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Der dunkelste Ort

Der Attentäter von Christchurch hatte seine Tat auf der Website «8chan» angekündigt. Er konnte sich darauf verlassen, dass sein Video und sein Manifest fleissig weiterverbreitet würden.

Von Florian Wüstholz

Am 15.  März veröffentlicht ein anonymer User auf der Website «8chan» eine Ankündigung: «Es ist Zeit, mit dem Shitposting aufzuhören und im echten Leben einen Beitrag zu leisten. Ich werde den Angriff live über Facebook übertragen.» Eine knappe Stunde später löst er sein Versprechen ein und tötet fünfzig Menschen in zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch.

Siebzehn Minuten lang überträgt er das Morden auf seiner Facebook-Seite. Derweil kommentieren die «8chan»-User das Geschehen. Manche sind fasziniert und feuern ihn an. Andere ungläubig und schockiert. Kaum ist der Stream beendet, schreibt jemand: «Ich hoffe, irgendwer hat den verdammten Scheiss gespeichert. Es war absolut grossartig.» Die Hoffnung sollte sich leider erfüllen. Von «8chan» aus verbreitet sich das Video wie ein Lauffeuer in alle Winkel des Internets. Was ist das für ein Ort, an dem rechtsextremer Hass ungehindert wuchern kann?

Auf dem sogenannten «Imageboard» veröffentlichen täglich Zehntausende von UserInnen – die meisten sind männlich – Bilder, Memes und Kurzvideos. Unter dem Deckmantel der Anonymität kommentieren sie die Beiträge rege und spinnen sie weiter. Sogenannte «shitposts» sollen dabei maximale Aufmerksamkeit mit minimalem Aufwand erzeugen. Das Ziel ist, durch bewusst aggressive Provokation die Grenze des Sagbaren immer weiter zu verschieben.

Hehres Ziel, verheerende Folgen

«8chan», gemäss Selbstbezeichnung die «dunkelste Ecke des Internets», versteht sich als letzte Bastion der freien Meinungsäusserung im Netz. Fredrick Brennan gründete die Website 2013 als Antwort auf den «anhaltenden und durchdringenden Verlust der Meinungsfreiheit im Internet». Ein hehres Ziel mit verheerenden Folgen. Denn solange die Inhalte nicht gegen das Gesetz in den USA verstossen, greifen weder der Gründer noch der heutige Betreiber, Jim Watkins, ein.

So entwickelte sich «8chan» zum Sammelbecken für all jene, die ihrem Hass freien Lauf lassen möchten. Hier hetzen die User gegen Frauen und Minderheiten oder verbreiten antisemitische Verschwörungstheorien. Als die Administratoren des ähnlichen Forums «4chan» im Zuge der «Gamergate»-Kontroverse für einmal gegen den grassierenden Hass durchgriffen, wechselten 2015 viele zu «8chan». Kein Wunder, tummeln sich heute viele Rechtsextreme dort. Auch Tage nach dem Terroranschlag von Christchurch wimmelt es noch von Glorifizierungen des Attentäters, der als «Heiliger», «Retter» oder «Kreuzritter» gefeiert wird. Ist das der Preis für die freie Meinungsäusserung?

Fixiert auf Klicks

Das Video des Attentäters war in diesem Biotop nicht aufzuhalten. Er verstand, wie die Medien, das Netz und seine Subkulturen ticken, und machte sich die Fixierung auf Klicks zunutze. Unter dem Vorwand, es sei moralisch falsch, die Tat journalistisch nicht einzuordnen, zeigten Boulevardmedien wie die deutsche «Bild»-Zeitung und die britische «Sun» ungeniert Ausschnitte aus dem Video. Aber auch das «Newsnet» von Tamedia verbreitete das Manifest des Attentäters und vertraute darauf, dass die LeserInnen die «irre und verabscheuungswürdige Weltanschauung» selbst erkennen könnten. Dabei verwendete der Attentäter bewusst subkulturelle Anspielungen, die von der breiten Öffentlichkeit weder verstanden noch eingeordnet werden können. So spielt man dem Terror in die Hände.

Auch Facebook, Twitter und Youtube waren dienlich – Plattformen, die ihre Werbeeinnahmen maximieren, indem sie auf unmittelbare Interaktion zwischen UserInnen setzen. Denn es ist schwieriger, mit «user generated content» Geld zu verdienen, wenn dieser zuerst durch ausgeklügelte Filter verlangsamt und an der Verbreitung gehindert wird. Zwar wird Facebook immer wieder dazu aufgefordert, die Inhalte besser zu filtern, doch gerade die Verbreitung des Videos von Christchurch zeigt, dass einfachste Manipulationen die Algorithmen aushebeln können.

Soll man solche Websites einfach sperren? Das dachten sich wohl verschiedene australische und neuseeländische Internetprovider, die den Zugriff auf «8chan» und Konsorten kurzerhand verhinderten. Dabei geht vergessen, dass «8chan» bloss eine Ausgeburt des Internets ist. Schlägt man einen Kopf ab, wachsen drei neue nach. Mehr Überwachung und Kontrolle werden den Hass nicht eindämmen können.

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