Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Bitte einsteigen, der Untergang ist inbegriffen

Ist das Comedy? Ist es Unfug? Oder ist es Performancekunst? In den Soloshows von Johannes Dullin implodieren die Kategorien. Und wenn er seinen Hosenschlitz öffnet, kommen einem die Tränen.

Von Florian KellerMail an Autor:in (Text) und Florian Bachmann (Fotos)

Eben noch zeigte er mit kindischem Stolz auf den Hut auf seinem Kopf und brüllte dazu wie ein Irrer. Jetzt steht er da wie ein heulendes Häuflein Elend. «Es tut mir leid», sagt der Mann dann unter Tränen, «das ist alles gar nicht echt.» Der Schauspieler entschuldigt sich dafür, dass er nur ein Schauspieler ist, der uns etwas vormacht: alles gar nicht unmittelbar, alles einfach nur Text. Das Schlimmste aber sei, so fährt er wimmernd fort, dass jetzt auch dieser Moment der Verzweiflung gar nicht echt sei: «Das ist auch alles nur Text.»

Da implodiert einer auf offener Bühne, und wir dürfen dabei zusehen. Dann aber, als er vor lauter Schluchzen nicht mal mehr Text für seine vorgebliche Verzweiflung hat, öffnet Johannes Dullin ungeniert seinen Hosenladen und greift sich, ja, was holt er da heraus? Nein, zum Glück nicht das, was wir erwarten. Aus dem Hosenschlitz zieht er diskret ein Papiertaschentuch und faltet es auf, um sein verheultes Gesicht darin zu verbergen.

Die Szene geht dann noch weiter, im Solostück «Komm und bring einen Freund mit!». Eins führt hier zum anderen, ohne übergeordnetes Thema und oft auch bar jeder Logik. Und wie Johannes Dullin das spielt, wie er seine Implosion als Bühnenfigur riskiert, das erinnert unweigerlich an den US-Komiker Andy Kaufman (1949–1984), der einst auch zwischen Avantgarde und Albernheit sein Unwesen trieb. Kaufman war ein seriöser Narr zwischen Kindergeburtstag und Publikumsbeschimpfung, so richtig unsterblich geworden ist er erst lange nach seinem Tod, dank Milos Formans Biopic «Man on the Moon» (1999). Verkörpert wurde er dort von Jim Carrey: als Komiker, der keiner sein wollte, und als Querkopf, der sein Publikum verzauberte oder verstörte, der es zum Lachen brachte oder auf die Palme und manchmal auch alles gleichzeitig. Wenn ich Schaum vor dem Mund habe, ist das, weil ich wütend bin, oder hab ich bloss zu viel gelacht?

Ähnlich wie bei Kaufman weiss man auch bei Johannes Dullin oft gar nicht, wie man das nennen müsste, was da jeweils gerade vor sich geht auf der Bühne: Ist das nun Comedy, weil da ja doch gelacht wird? Ist es Performancekunst, weil man oft gar nicht weiss, warum? Oder ist es irgendetwas dazwischen, wofür wir noch keinen Namen haben?

Gralshüter der Albernheit

Jetzt sitzt der Komiker, der vielleicht keiner ist, am Fenster in seiner bescheidenen Stube und sagt ganz entspannt, dass er ein bisschen nervös sei. Wir sind auf dem Land, irgendwo hinter den Hügeln ausserhalb von Bern, in einem alten Schulhaus, wo der 39-Jährige mit seiner Familie lebt. Was ihn etwas nervös macht, ist die Aussicht, mit besagtem Solostück im Miller’s Studio in Zürich aufzutreten. Dabei hat der gebürtige Deutsche damit gerade eine kleine Englandtour absolviert, in Comedyclubs von Sheffield bis London. Es war längst nicht sein erstes Gastspiel in der Heimat von Monty Python, diesen Gralshütern der Albernheit. Also kein Grund zur Sorge, eigentlich. Aber im Miller’s wird Dullin sein Stück erstmals auf der ganzen Tour in einem Theater für Kleinkunst spielen. Und er ist ein bisschen traumatisiert von solchen Bühnen. Im Theater am Hechtplatz etwa hat er vor ein paar Jahren einen besonders heftigen Flop erlebt. Ein kurzer Auftritt nur, aber zwanzig Minuten können ewig dauern. Für beide Seiten.

«Die Leute habens gehasst», erzählt Dullin. Die hätten das nicht ertragen, seien offensichtlich peinlich berührt gewesen von ihm. Und reagierten mit den einschlägigen Abwehrreflexen: Totenstille, betreten wegschauen. Fremdscham im Kollektiv. Nur ganz hinten, da sass die Kabarettistin Uta Köbernick und war begeistert. Was tut man da, wie rettet man sich aus so einer Situation? Dullin versuchte, ganz entspannt weiterzumachen. Aber seither geht er es auf der Bühne etwas umsichtiger an. Oder wie er das formuliert: «Ich gucke jetzt, dass die Leute zuerst ins Boot einsteigen, bevor ich es versenke.»

Deutscher Humor, das klingt für viele schon wie ein Widerspruch in sich. Aber ein Deutscher, der britische Comedybühnen bespielt? Klingt absurd. Aber nur, wenn man Dullin auf Humor und Herkunft festnageln will, wo er doch beides immer wieder infrage stellt. «Das klingt jetzt vielleicht grössenwahnsinnig und ist es vielleicht auch», sagt er, «aber ich wollte nie ein deutscher Komiker sein. Ich habe dabei immer an die Welt gedacht.»

In der englischsprachigen Welt läuft das, was Dullin macht, unter «Absurdist Alternative Comedy». Nun wird der englische Begriff «Comedy» ja seit einiger Zeit auch im deutschen Sprachraum auf alle möglichen Humorformate angewendet. «Comedy» hat so die ganze Humorlandschaft kolonisiert, inklusive dessen, was früher mal Kabarett hiess. Aber etwas wie eine «Alternative Comedy», die die eingespielten Erwartungshaltungen des Publikums programmatisch unterläuft, ist hier noch nicht wirklich in Sicht. Selbst einer wie Helge Schneider hat hier keine Schule begründet, ist stets ein Sonderfall geblieben.

Der lange Weg zum Bubentraum

Da ist es womöglich bezeichnend, dass Dullin seine künstlerischen Galionsfiguren nicht auf der Bühne findet, sondern eher in der bildenden Kunst. Dieter Roth etwa hält er für den grössten deutschen Komiker: «Ein total befreites Kind, das aus allem was machen konnte – einer meiner Lieblingsclowns, auch wenn er keiner war.» Und vom Prinzip her ist Dullins Solostück «Komm und bring einen Freund mit!» dem «Lauf der Dinge» von Fischli/Weiss nachempfunden: Er baut da spielerisch etwas auf, in dessen Verlauf die Dinge immer wieder unerwartet «in etwas anderes überschwappen», wie er sagt.

«Comedy» ist, wenn das Publikum kommt, weil es lachen will. Bei Johannes Dullin ist es eher so: Man lacht, weil man nie weiss, was alles noch kommt. Humor, der den Intellekt kitzelt, und dann wird gelacht, als Zeichen dafür, dass man den Witz verstanden hat: Das interessiert ihn nicht. Dabei wollte er schon als Kind immer Komiker werden. Er hat bloss einen grösseren Umweg genommen hin zu seinem Bubentraum.

Mit zwanzig Jahren ist Dullin einst aus Deutschland in die Schweiz gekommen, um sich an der Dimitri-Schule in Verscio zum Schauspieler auszubilden. Nach dem Studium gründete er zusammen mit der Norwegerin Signe Holtsmark die Theatergruppe Banality Dreams, mit dem Künstlerkollektiv Authentic Boys gastierte er in Galerien und auf Theaterbühnen. Mit den beiden Gruppen realisierte Dullin als Regisseur auch den Kurzfilm «Threesome», für den er 2011 an den Winterthurer Kurzfilmtagen ausgezeichnet wurde.

«Threesome» ist ein aufreizender Tanz mit den Erregungscodes von Pornofilmen, ein queeres Lustspiel auf einem Ledersofa. Eine Frau und zwei Männer, darunter der inzwischen berühmt gewordene Franz Rogowski («Transit»), spielen da zusammen Porno, aber komplett bekleidet und mit sehr kuriosen Vorlieben. Sie reiben sachte zwei Hemdknöpfe aneinander, sie penetrieren ein Knopfloch mit dem kleinen Finger, sie züngeln lüstern am Griff eines Reissverschlusses. Nirgends Geschlechtsteile, aber überall erogene Zonen! Werden hier Pornos parodiert? Das schon, aber die vorgeführte Lust ist trotzdem auf echt gespielt. Es ist alles extrem albern und zugleich sehr geil.

Mit 34 Jahren, nach zehn Jahren in der freien Szene, studierte Dullin weiter, diesmal «Expanded Theater» an der Hochschule der Künste in Bern. Wieso das? Weil er endlich richtig schreiben lernen wollte, wie er sagt: «In der Schule war ich total schlecht in Deutsch. Irgendwann wurde mir dann klar: Wenn ich in diesem Beruf bestehen will, muss ich schreiben können. Nur schon wegen der Anträge.»

Er befasste sich mit Albernheitsstudien, hatte Auftritte bei «Deville Late Night», und als Masterarbeit produzierte er «The best piece of this season» (2017). Wieder ein Solo, aber nicht so sehr Comedy, eher ein Metatheater der reinen Präsenz – und ein Spiel mit der Selbstüberschätzung in aller Bescheidenheit. Es handelt von ihm selbst, wie er eben das angeblich beste Stück der Saison gleichzeitig schreiben und performen will. In der Litanei dieses Superlativs spukt manchmal auch die populistische Rhetorik der Neuen Rechten durch den Text: Man muss etwas nur oft genug vorbeten, irgendwann glaubts das Publikum.

Dullin hat sich dafür eigens ein Dogma auferlegt, das er «Camp Zero» nennt. Die Regeln: keine Lichtstimmung auf der Bühne, keine Musik ab Konserve, keinerlei Tricks und Effekte. Nur Körper und Sprache. «Der Mensch ist das Theater», sagt Dullin. Und der Mensch ist: er selber.

Also maximale Bescheidenheit in den Mitteln, aber gerade darin auch maximal egozentrisch. Es ist womöglich ein sehr männlich geprägter Narzissmus, den Dullin in seinen Solostücken vorführt – gerade dort, wo er sich ungeschützt exponiert, wo er durchaus lustvoll mit dem eigenen Scheitern spielt, wie ein Mann sich das vielleicht eher leisten kann. «Ich will immer, dass im Theater etwas passiert», erklärt er seine Maxime. «Dass es knistert und brodelt.» Stets aufs Risiko hin, dass das, was gerade noch brodelte, im nächsten Moment in kollektiver Fremdscham erkaltet.

Ganz bescheiden im Grössenwahn

«Banalität durch Tiefe» hiess schon sein allererstes Solostück. Das ist lange her, aber letztlich geht es Dullin immer wieder darum, solche scheinbaren Gegensätze zu überwinden: die Banalität in der Tiefe zu entdecken und die Tiefe in der Banalität. Den Grössenwahn in der Bescheidenheit und die Bescheidenheit im Grössenwahn.

Wenn man also zu Johannes Dullin ins Boot einsteigt, bevor er es versenkt, kann es gut sein, dass gar niemand untergeht. Weil man sich selbst an den tiefsten Stellen noch an der Banalität festhalten kann. Aber wo es banal wird, stürzt man in den Abgrund.

Johannes Dullin, «Komm und bring einen Freund mit!» in Zürich, Miller’s Studio, Donnerstag, 4. April, 20 Uhr.

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