Nr. 13/2019 vom 28.03.2019

Manche sind gleicher

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Nur schon die Handyfilme der Gäste machten Angst: Bei heftigem Seegang schlitterten Mobiliar und Blumenschalen durch die Räume, und Teile der Verschalung fielen scheppernd von der Decke. Mit 1373 Menschen an Bord geriet letzte Woche das Kreuzfahrtschiff Viking Sky im Sturm vor der norwegischen Küste in Seenot; die Motoren waren ausgefallen.

Im Netz verfolgte das katastrophenfilmgewohnte Publikum die spektakuläre Rettungsaktion: 560 Personen wurden einzeln mit Seilwinde und Helikopter evakuiert; dann konnte das Schiff in einen Hafen geschleppt werden. Es gab Verletzte; überlebt haben alle.

Der eklatante Unterschied zwischen dieser First-Class-Seenotrettung und dem, was Flüchtenden seit Jahren im Mittelmeer widerfährt, beschäftigte in den sozialen Medien. Eine NGO postete ein Foto, auf dem die «Viking Sky» unter dem Titel «Oder soll man es lassen?» mit den Wellen kämpft – mit dieser Frage betitelte die «Zeit» vor einem Jahr ganz ernsthaft «ein Pro und Contra» zu den Rettungsaktionen im Mittelmeer. Und nicht ganz unerwartet schrieb sich manch empathiefreies Gemüt die Wut von der Seele: Niemand würde gezwungen, im Gummiboot übers Mittelmeer zu schippern.

«Im vergangenen Jahr starben mehr als 2200 Menschen im Mittelmeer», kommentierte auf «Spiegel Online» ein Autor: «Es stünde hochentwickelten Zivilisationen (…) gut zu Gesicht, den vermeidbaren Tod von Mitmenschen zu verhindern. Von allen Mitmenschen.»

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