Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

Hugo Chávez ist tot

Die einen sind ohne Hoffnung, andere halten trotzig durch. Eindrücke aus einem Land in tiefer Krise, von Armut und einem absurden Reichtum.

Von Toni Keppeler (Text) und Andrés Vanegas Canosa (Fotos), Caracas

Venezuela ist ein seltsames Land geworden, widersprüchlich, bisweilen fast absurd. Da wird von einer humanitären Katastrophe gesprochen, von rund neunzig Prozent der Bevölkerung, die in Armut leben, von politischer Konfrontation und Repression. Es gibt einen Präsidenten und einen zweiten, der sich mit einer fadenscheinigen Berufung auf die Verfassung selbst zum amtierenden Präsidenten ernannt hat, obwohl er keine Macht hat. Er wurde trotzdem von fast fünfzig Staaten als solcher anerkannt. Nach dem Verfassungsartikel, auf den er sich beruft, ist seine einzige Aufgabe, innerhalb von dreissig Tagen Neuwahlen zu veranstalten. Die sind längst verstrichen, und trotzdem geriert er sich noch immer als Staatschef.

An den Wochenenden sind die Strände im karibischen Küstenstaat Vargas gut besucht, auf den Märkten der Hauptstadt Caracas gibt es Früchte und Gemüse, so viel man will. In den Shoppingmalls im Reichenviertel Las Mercedes sind die Geschäfte von Zara, Lacoste und Montblanc geöffnet. Während des Stromausfalls im März, der in manchen Gegenden mehr als eine Woche dauerte, wurden in der Erdölmetropole Maracaibo im Westen des Landes über 500 Läden geplündert, bei Schiessereien kamen an die fünfzig Menschen ums Leben. In der Hauptstadt aber schlugen nur verzweifelte Hausfrauen protestierend mit Kochlöffeln auf Töpfe, weil mit dem Stromnetz auch ein Grossteil der Wasserversorgung zusammengebrochen war und die Versorgung mit Gas stockte.


Schon die Ankunft auf dem internationalen Flughafen Simón Bolívar in der karibischen Küstenebene ist bemerkenswert. Nur ein paar betagte Maschinen lokaler Fluggesellschaften stehen auf dem Rollfeld, kaum eine internationale Linie fliegt mehr Venezuela an. Weil es keinen Strom gibt, kann die Fluggastbrücke nicht ans Flugzeug angedockt werden. Stattdessen schieben Arbeiter eine wackelige Stiege an die Tür. In der Abfertigungshalle stehen die Rolltreppen still, die Bildschirme in der Passkontrolle sind schwarz. Die Angestellten der Einwanderungsbehörde kopieren im Schummerlicht die Daten aus dem Pass von Hand auf ein Stück Papier. Im Zoll sind die Röntgengeräte ausgefallen, niemand will etwas sehen.

Auf dem Weg hinauf ins 900 Meter höher gelegene Caracas stehen Menschentrauben am Rand der Autobahn – überall dort, wo Wasser in kleinen Rinnsalen aus den Berghängen tritt. Sie sammeln es in Flaschen und Plastikkanistern. Wir fahren an eine Tankstelle und füllen den Tank. Dem Tankwart bezahlen wir ein kleines Trinkgeld – zehn sogenannte souveräne Bolívares, umgerechnet rund 0,3 Rappen. Benzin war schon immer spottbillig im Ölstaat Venezuela, jetzt ist es gratis. Wie soll man auch bezahlen? Es zirkuliert kaum Bargeld, weil die erst im August vergangenen Jahres eingeführten Scheine knapp und so gut wie wertlos sind. Banken geben höchstens 2000 dieser Bolívares als Bargeld aus – keine 70 Rappen. Von Geldautomaten bekommt man nur 500 Bolívares.

Die Kosten dieser Recherchereise wurden mit der Debitkarte von Lisbeth Ordoñez bezahlt. Damit diese akzeptiert wurde, musste ihr vor fünf Jahren abgelaufener Personalausweis vorgelegt werden. Wir kennen Lisbeth Ordoñez nicht. Sie lebt seit fast einem Jahr in New York und arbeitet dort in einem Restaurant. Eine Informantin hat uns den Zugriff auf ihr Konto zur Verfügung gestellt. Selbst fliegende StrassenhändlerInnen haben Lesegeräte für Debitkarten. Man muss nur US-Dollars in Bolívares tauschen und damit das entsprechende Konto füllen. Ein eigenes zu eröffnen, würde einen langen und kostspieligen bürokratischen Prozess erfordern und ist ohne Aufenthaltsgenehmigung ohnehin nicht möglich.

Um Dollars zu tauschen, stellt man ein Angebot in eine der dafür eingerichteten Whatsapp-Gruppen und wartet auf Nachfrage. Am frühen Morgen gibt es noch unterschiedliche Wechselkurse, im Lauf des Tages pendeln sie sich auf einen Wert ein. Beim ersten Geldwechsel gilt ein Kurs von 3000 Bolívares für einen US-Dollar. Der Geldhändler wohnt in einem Mittelklasseviertel. Mit seinem Handy überweist er die Bolívares auf das angegebene Konto. Wenn die Bestätigung der Bank über den Geldeingang auf dem Bildschirm aufleuchtet, werden die Dollars an der Haustür ausgehändigt. Der Mann spekuliert auf den weiteren Verfall des Bolívars, das ist sein Geschäft. Aber nicht nur Geld wird über Whatsapp-Gruppen gehandelt, auch Mehl, Eier und Zahnpasta, Autoersatzteile und Medikamente. Ohne Mobiltelefon und Debitkarte ist man in Venezuela verloren.

Präsident Nicolás Maduro dachte im August vergangenen Jahres, er könne die rasende Inflation mit einer Währungsreform in den Griff bekommen. Aus 100 000 alten Bolívares wurde ein neuer, der «souveräne». Doch die Inflation beschleunigte sich weiter und liegt inzwischen bei rund zwei Millionen Prozent im Jahr.


Maduro ist in Caracas aufgewachsen, im Stadtteil Coche, einem Quartier der unteren Mittelschicht mit Wohnsilos aus Beton, die an die Sowjetunion erinnern. Keine 200 Meter entfernt von der Schule, die er besucht hat, wohnt Cyntya Osío in einem vierzehnstöckigen Gebäude. Die Wohnung ist mit dicken Eisengittern gesichert, es werde viel gestohlen. Die kleine rundliche Frau, 36 Jahre alt, ist Schulpsychologin. Das einzig Gute an der seit vier Jahren andauernden Krise, sagt sie, sei die «Maduro-Diät». Sie sei richtig dick gewesen und habe endlich ein paar Kilo abgenommen. Mit ihr in der geräumigen Dreizimmerwohnung leben ihre Kinder Arón, 6, und Paulina, 3, und ihr Mann Cruz. Er ist gross, drahtig und schweigsam und hat früher harte Drogen genommen. Jetzt arbeitet er wieder, als Wächter in einem staatlichen Transportunternehmen. Auch für ehemalige Drogenabhängige habe die Krise ihre gute Seite, sagt Osío. «Ein Rückfall von Cruz ist unmöglich, die Drogen sind viel zu teuer.»

Sie verdient 20 400 Bolívares im Monat, umgerechnet knapp sieben Franken und ein bisschen mehr als der gesetzliche Mindestlohn. Ihr Mann bekommt noch einmal so viel. Weil sie sich die Vaterlandskarte besorgt hat – eine Art Ersatz für den Personalausweis –, bekommt sie weitere Gratifikationen: zum Karneval, in der Osterwoche, zu Weihnachten; fünfmal im Jahr gibt es zusätzlich ein bisschen Geld. Zusammengenommen hat die Familie so Einkünfte von rund 50 000 Bolívares im Monat. Mit der Vaterlandskarte weiss der Staat aber auch, wie viele Menschen in der Wohnung wohnen, wo sie arbeiten, was sie verdienen und ob sie gewählt haben. «Natürlich gab es da vor der letzten Wahl Druck», erzählt Osío. «Man sagte uns, wenn wir nicht für Maduro stimmen, würden wir die Vergünstigungen verlieren.» Eben deshalb lehnen viele, die es sich leisten können, die Vaterlandskarte ab.

Die Familie von Cyntya Osío erhält jeden Monat das sogenannte Clap. Ausgeschrieben und übersetzt steht die Abkürzung für das «lokale Komitee für Versorgung und Produktion». Wer Clap sagt, meint damit jedoch nicht die staatliche Organisation, sondern einen grossen Karton voller Lebensmittel: Mehl, Reis, Bohnen, Nudeln, Zucker, Speiseöl und in den vergangenen Monaten vor allem Linsen, viele Linsen, importiert aus Kanada. Die Familie von Osío hat Linsen satt. Aber immerhin: Clap deckt den überlebensnotwendigen Lebensmittelbedarf für einen Monat und kostet gerade 700 Bolívar. Poulet, Eier und ein bisschen Gemüse gibt es nur alle paar Monate. Dafür und für alles andere – Obst, Fleisch, Hygieneartikel – muss die Familie auf den freien Markt ohne regulierte Preise. Dort kostet ein Kilo Fisch 10 000 Bolívares und mehr, ein Kilo Obst um die 5000. «Früchte sind ein absoluter Luxus», sagt Osío. «Und wenn wir Shampoo kaufen, gibt es keine Zahnpasta oder umgekehrt.»

Und wer ist schuld an diesen Preisen? «Natürlich gibt es die Sanktionen der USA», sagt Osío. Aber das Militär, das für die Verteilung der staatlichen Lebensmittel zuständig ist, verschiebe diese zu Wucherpreisen an private Händler, und die verkauften sie dann zum dreifachen Preis weiter. «Wir sind auch selbst schuld an der Krise, wir fressen uns gegenseitig auf.» Unter Maduros Amtsvorgänger Hugo Chávez sei das anders gewesen. «Aber mit Chávez ist auch seine Revolution gestorben.»


Wer angestellt ist und Lohn erhält, kommt nur mit vielen Einschränkungen über die Runden. Freiberuflerinnen und Händler, die sich auf dem unregulierten Parallelmarkt bewegen, sind besser dran. Yudelcy Díaz zum Beispiel, eine Coiffeuse, die ihre Kundinnen nur am Wochenende bei Hausbesuchen bedient und sich unter der Woche um ihre Kinder kümmert, kommt damit im Monat auf das dreifache Einkommen der Familie von Cyntya Osío. Die 33-Jährige lebt mit ihren Kindern Ariannys, 12, Adrián, 9, und der knapp einjährigen Alejandra in Guatire, einer Vorstadt im Westen von Caracas. Ihr Mann kennt die Jüngste nur von gelegentlichen Skype-Gesprächen. Er hat vor einem guten Jahr seinen Job in einem Stuckateurbetrieb verloren und keinen anderen gefunden. So machte er sich auf nach Brasilien, wo er nun in einem Fischgeschäft aushilft. Er ist nicht aus bitterer Not gegangen, sondern aus Hoffnungslosigkeit.

Yudelcy Díaz ist eine lebenslustige zierliche Frau in Jeans und knappem T-Shirt, die während des Gesprächs immer wieder ihre Kleine an die Brust nimmt, um sie zu beruhigen. Auch sie bekommt das Clap-Paket, und sie hat von der Hyperinflation profitiert. Ihre grosse Dreizimmerwohnung liegt in einem modernen Komplex der «misión vivienda», eines vom 2013 verstorbenen Präsidenten Chávez lancierten Wohnungsbauprogramms, das Hunderttausenden ein Heim gegeben hat. Sie ist 2014 eingezogen. Die Wohnung kostete damals 430 000 alte Bolívares. Die Hälfte davon übernahm der Staat, für die andere Hälfte nahm sie einen ebenfalls vom Staat gestellten zinslosen Kredit auf. Mit der Währungsreform vom vergangenen August verwandelte sich ihre Schuld von 230 000 alten in 2,3 neue Bolívares – nach heutigem Wechselkurs weniger als ein Rappen.

Von Maduro erwartet Díaz schon lange nichts mehr. «Er muss weg, das ist klar.» Aber sie ist auch keine Anhängerin des Gegenpräsidenten Juan Guaidó. Auch der habe keinen Plan, wie das Land aus der Krise kommen könne. «Die da oben streiten sich, und wenn es eng für sie wird, setzen sie sich in ein Flugzeug und sind weg. Die Verarschten sind wir.»


Hinter dem Wohnkomplex von Yudelcy Díaz franst der Grossraum von Caracas langsam in Dörfer und ländliche Streusiedlungen aus. Abseits der grossen Verbindungswege sind die engen Strassen von Schlaglöchern übersät oder haben nur noch einen Schotterbelag. El Rodeo, das erste Dorf im Westen von Guatire, ist bekannt wegen seines grossen Gefängnisses. Und es ist gefürchtet wegen der vielen Schiessereien und Überfälle am hellen Tag, die es dort schon gegeben hat. Tatsächlich macht der Ort keinen einladenden Eindruck. Er wirkt wie eine Aussenstelle von Petare, dem grössten Armenviertel von Caracas, wo sich kleine Häuser aus roten Ziegelsteinen in engen verwinkelten Strassen den Hang entlang übereinanderstapeln. Die Tante-Emma-Läden sind vergittert; wer auf der Strasse geht, dreht sich alle paar Meter um, um sicher zu sein, nicht verfolgt zu werden.

«Ach was», sagt Asdrubal López, der in der Hauptstrasse von El Rodeo einen dieser kleinen Läden betreibt. «Seit die Armee ein paarmal gekommen ist, ist es hier sicher.» Die Militärs hätten so zwanzig oder dreissig junge Männer erschossen, die nach ihrem Dafürhalten zu kriminellen Banden gehörten. Macht ihm das keine Angst? Wer nichts Schlechtes tue, habe nichts zu befürchten, sagt er. «Und wer Schlechtes tut, der sollte nicht an Grippe sterben.»

López ist um die fünfzig, klein und sportlich. Er trägt Fussballerhosen und ein dazu passendes Leibchen, sein Resthaar hat er rappelkurz rasiert. Er zeigt Fotos von seinem Laden in vergangenen Tagen. Der war vollgestopft mit Lebensmitteln, Autoöl, Bier und Cola. Sogar Mobiltelefone hat er verkauft. Heute ist der Laden leer. Die Leute in El Rodeo haben kein Geld, um auf dem unregulierten Markt zu kaufen. Es bleibt ihm nur das Geschäft mit Mobiltelefonkarten, und die brauchen alle in einer Ökonomie fast ohne Bargeld.

Sollte die Opposition die Macht übernehmen, glaubt López, werde es auch nicht besser. «Die versucht nur, die Regierung auf Kosten des Volks zu stürzen», sagt er. «Keiner von denen hat Vertrauen verdient.» Die Opposition wolle nur die Erdölreserven an die USA verscherbeln und sich damit bereichern. Tatsächlich hat Guaidó davon gesprochen, dass er die von Chávez verstaatlichte Erdölindustrie privatisieren wolle. Aber es gebe eben auch Misswirtschaft und Korruption, und das schon lange. «Seit Chávez dem Volk mehr Macht gegeben hat, hat sich das Volk alles genommen», sagt López. Trotzdem glaubt er, dass es die heutige Krise mit dem zupackenden Chávez so nicht gegeben hätte. «Aber Chávez ist tot.»


Hugo Chávez ist an Krebs gestorben. Er hat sich in den Jahren vor seinem Tod in Kuba behandeln lassen, obwohl das damals auch in staatlichen Kliniken in Venezuela möglich gewesen wäre. Heute können sich nur noch sehr reiche Leute eine Krebstherapie in privaten Einrichtungen leisten. Im staatlichen onkologischen Krankenhaus Luis Razetti im Armenviertel San José de Cotiza in Caracas gibt es kaum Medikamente und deshalb nur wenige PatientInnen. Die Krankenzimmer im labyrinthartigen Kolonialgebäude sind zwar gut ausgestattet, selbst mit Flachbildschirmfernsehgeräten. Auch die nötigen Apparate, ein Notstromaggregat und ein grosser Wassertank sind vorhanden. Aber über die Hälfte der Betten sind leer, die Notaufnahme ist geschlossen. Operiert wird montags und dienstags, nur kleinere Eingriffe. Für grössere fehlt es an allem, selbst an Skalpellen. Die PatientInnen müssten nicht nur die Medikamente, sondern auch alles andere auf dem Schwarzmarkt kaufen und mitbringen, erzählt eine Krankenschwester, die nicht genannt werden will: Spritzen, Watte, selbst Gummihandschuhe für die ÄrztInnen.

Die Medikamente für eine Chemotherapie werden in Whatsapp-Gruppen derzeit für mehrere tausend Dollar angeboten, weiss die Krankenschwester. Sie werden vom Staat importiert, verschwinden dann aber aus der zentralen Verteilstelle und tauchen auf dem Schwarzmarkt wieder auf. Die Rette-sich-wer-kann-Korruption wird im Gesundheitswesen menschenverachtend. Wenn es in Venezuela eine humanitäre Krise gibt, dann hier.


Damelys Yégüez, eine grosse Afrovenezolanerin mit grauem Lockenkopf, wohnt in einem modernen Apartmentkomplex. Hier können sich die meisten BewohnerInnen Aufenthalte in privaten Krankenhäusern leisten. Es ist eine jener guten Wohngegenden von Caracas, in der die Opposition zu Kundgebungen aufruft. Ein paar Hundert Leute versammeln sich dann auf einer Kreuzung mit Trommeln und der Nationalflagge von Venezuela. Die Parolen gehen kaum über «Maduro raus!» hinaus. Der Name von Guaidó ist nicht zu hören. Er ist für die meisten DemonstrantInnen weniger Hoffnungsträger denn die derzeit einzige Notlösung. Die Nationalgarde ist bei solchen Demonstrationen zwar präsent, steht aber meist nur gelangweilt am Rand. Es scheint so, als spiele die Regierung auf Zeit und warte darauf, dass die Protestwelle verebbt.

Yégüez passt mit ihrer politischen Einstellung nicht in ihre Wohngegend: Die siebzigjährige pensionierte Soziologieprofessorin ist Kommunistin, und was für eine. Sie versucht, jeden mit einem Redeschwall zu überzeugen, selbst ihre NachbarInnen. «Mindestens sechzig Prozent hier sind rechts und stehen auf der Seite der Opposition», sagt sie. Sie hat es zu spüren bekommen. An ihrem Wagen wurden in der Tiefgarage schon die Reifen durchstochen, die Rückspiegel abgebrochen. Und trotzdem wirbt sie als Mitglied des lokalen Clap-Komitees für den Karton mit Lebensmitteln. «Am Anfang wurde mir die Tür vor der Nase zugeschlagen», erzählt sie. Aber sie gibt nicht auf. Sie will beweisen, dass dieser Staat auch Gutes tun kann, selbst für reiche Leute. Inzwischen würden sich mehr als die Hälfte ihrer NachbarInnen mit der staatlich subventionierten Ware versorgen lassen. Lebensmittel sind ein starkes Argument in Venezuela.

Natürlich habe die Regierung auch Fehler gemacht, sagt Yégüez. Schon Chávez habe die Landwirtschaft vernachlässigt und die Lebensmittelproduktion wenigen Monopolisten überlassen. «Die haben die Waren zurückgehalten, um die Revolution zu zerstören», sagt sie. «Dann wurden sie an Schwarzhändler verkauft, die die Preise in die Höhe getrieben haben.» Das sei auch möglich gewesen, weil es in Venezuela immer Privateigentum an Land und Produktionsmitteln gegeben habe. «Wir waren auch unter Chávez meilenweit entfernt vom Sozialismus, aber wir haben uns immerhin auf den Weg dorthin aufgemacht.» Nun würden die sozialen Gegensätze durch die Wirtschaftssanktionen der USA wieder zugespitzt.

Die Clap-Komitees und das von ihnen verteilte Paket seien die Antwort der Regierung auf diesen Wirtschaftskrieg. «Clap kennt die Basis. Wir wissen, wer Chavist ist und wer nicht.» Und eben deshalb glaubt Yégüez auch zu wissen, dass es den Oppositionsparteien schlecht gehe und ihre permanenten Aufrufe zu Demonstrationen ein letztes verzweifeltes Aufbäumen seien. «Sie versuchen, die Leute auf die Strasse zu treiben, weil ihnen sonst nichts mehr einfällt.» Guaidó sei nur eine Marionette der alten Oligarchie und der USA, der benutzt und dann weggeworfen werde. «Er wird enden wie ein benutztes Kondom.»


Amunaray – seinen Nachnamen verrät er nicht – gehört zum anderen Ende der sozialen Skala. Der knapp sechzigjährige schmale Mann in zerrissenen Jeans und gefälschtem Lacoste-Hemd mit schlecht kopiertem Krokodil auf der Brust ist in Petare aufgewachsen, einem der grössten Armenviertel Lateinamerikas. Heute verbringt er seine Tage im Zentrum von Caracas. Dort, wo sich die wenigen erhaltenen Kolonialgebäude zwischen Massen von Beton und Glas und vielspurigen Strassen verlieren und wo die Augen von Hugo Chávez das häufigste Motiv für grossflächige Wandgemälde sind. Auch Amunaray versteht sich als Auge der chavistischen Bewegung. Er ist Sprecher eines der sogenannten Colectivos: Gruppen regierungstreuer junger Leute aus den Armenvierteln, die oft mit Pistolen bewaffnet auf Motorrädern am Rand von Oppositionskundgebungen auftauchen und DemonstrantInnen jagen. Ihre Hochburg sind jedoch nicht die Quartiere der Reichen, wo die Opposition demonstriert, und auch nicht das Zentrum von Caracas. Sie beherrschen vor allem die Armenviertel und führen sich dort nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen oft wie Todesschwadronen auf. Man wirft ihnen Dutzende Morde vor.

Amunaray hat sein Hauptquartier auf dem von revolutionären Wandgemälden umsäumten Platz «23 de octubre» – und so nennt sich auch das Colectivo, für das er spricht. Das Datum bezieht sich auf den 23.  Oktober 2016, jenen Tag, an dem der damalige rechte Parlamentspräsident Henry Ramos Allup die Bilder von Chávez und dem Unabhängigkeitskämpfer Simón Bolívar im Plenarsaal abhängen liess und die Regierung befürchtete, die von der Opposition dominierte Abgeordnetenversammlung würde ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Maduro anstrengen. Damals stürmten Colectivos den Plenarsaal und prügelten die Oppositionsabgeordneten hinaus. Das Colectivo von Amunaray erbeutete dabei die schon entfernten Bilder ihrer Helden. Sie hängen heute im Büro am Rand des Platzes «23 de octubre».

«Wir sind für den Frieden, aber man hat uns einen Krieg aufgezwungen», sagt Amunaray mit dem karibischen Akzent der einfachen Leute. «Wir müssen auf alles vorbereitet sein und das Volk organisieren. Und das macht man heute mit Sozialarbeit.» Das Colectivo hat einen Dominoclub für RentnerInnen ins Leben gerufen, veranstaltet Aerobicstunden auf dem Platz und Stricknachmittage für Frauen. Im kleinen Versammlungsraum gibt es Vorträge über den Umgang mit Heilkräutern und darüber, wie man auf Balkonen Gemüse anbauen kann. «Wir lassen auch unsere Beziehungen spielen und besorgen kranken Menschen die Medikamente, die sie brauchen.» Woher diese Medikamente kommen, lässt er offen.

Organisiert zu sein bedeute aber auch, zu den Waffen zu greifen, sollte es zu einer militärischen Invasion in Venezuela kommen, sagt Amunaray. «Es gibt Hunderttausende von chavistischen Milizionären, sie haben Waffen, und sie sind ausgebildet.» Auch sein Colectivo gehört selbstverständlich zu den Milizen. Sollte die US-Armee einmarschieren, müsse sie sich auf ein neues Vietnam gefasst machen. «Wir sind vorbereitet.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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