Nr. 22/2014 vom 29.05.2014

Die Chavistas, die Rechten und die Toten

In den Armenvierteln von Caracas wird nicht gegen die venezolanische Regierung protestiert, und selbst die gut situierte Mittelschicht versteht, warum. Gewaltkriminalität bestimmt den Alltag viel mehr als politischer Streit.

Von Jürgen Vogt, Caracas

Vor dem Leichenschauhaus am Hang von Bello Monte brennt eine ewige Flamme. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick über Caracas. Eigentlich brennt die Fackel für GerichtsmedizinerInnen, die bei ihrer Arbeit ums Leben kamen. Aber schon lange sind Flamme und Leichenschauhaus die bekanntesten Symbole für die Gewaltkriminalität in Venezuela. Alle Leichen, die erschossen im Grossraum von Caracas gefunden werden, kommen hier unters Messer.

Aus dem nüchternen Zweckbau dringt ein unangenehmer Geruch. In den verglasten Warteräumen sitzen Angehörige und warten auf die Freigabe der Toten. Marisa Mauri kauert auf einem Mäuerchen unter dem Vordach. Sie wringt ein kleines Handtuch in ihren Händen, ihre Augen sind ausgeweint. Am Sonntag wurde ihr Sohn bei einem belanglosen Streit angeschossen, im Krankenhaus starb er.

Nach einem kürzlich veröffentlichten Bericht der Vereinten Nationen über weltweite Tötungsdelikte wurden 2012 in Venezuela 16 072 Menschen ermordet, 54 von je 100 000 EinwohnerInnen. Die Quote wird weltweit nur von Honduras übertroffen. Doch laut Uno ist Venezuela das einzige Land, dessen Mordrate seit 1995 kontinuierlich steigt.

Marisa Mauri sitzt schon zum dritten Mal vor dem Leichenschauhaus. «Das hier ist mein Platz», sagt sie. «Ich bin immer hier.» Im Jahr 2000 wurde ihr sechzehnjähriger Sohn bei einem Streit erschossen. 2011 traf es den zweiten im Alter von 28 Jahren; erschossen bei einem Fest. Man habe sich um ein Mädchen gestritten. Und nun wurde ihr dritter Sohn getötet. Er war zwanzig Jahre alt.

Die Zahl der Mordopfer vom Wochenende um den Muttertag ist neuer Jahresrekord. Von Freitagmorgen bis Montagmorgen wurden 59 Leichen in Bello Monte eingeliefert. Landesweit waren es nach Auskunft der Gerichtsmediziner von Januar bis April 4680 Morde, 39 pro Tag.

Whisky für einen halben Monatslohn

Im 18. Stock des Hotels Pestana Caracas ist der After Office Chill-out in vollem Gang. Die Bar bietet einen atemberaubenden Blick über die Lichter der Stadt. Alberto Mauro, Mitarbeiter einer internationalen Softwarefirma, teilt sich mit seinen Kollegen eine Flasche Whisky. Sie kostet etwas mehr als die Hälfte des monatlichen Mindestlohns.

«Wir gehören nicht zur Elite, aber zu den Gutverdienenden», schätzt Mauro seine Einkommenslage ein. Doch die wirtschaftliche Situation treibt auch ihn um. Internationale Geschäfte seien enorm schwierig geworden, seit die Regierung den Umtausch in US-Dollar und den Transfer an die ausländischen Mutterfirmen extrem eingeschränkt habe. «Viele wollen hier Geschäfte machen», erzählt Mauro. «Durch den Ölexport kommt täglich viel Geld ins Land.» Dennoch seien die staatlichen Devisen chronisch knapp. «Die Korruption frisst immer mehr auf», glaubt er. Lange angekündigte Grossprojekte würden nicht realisiert. «Geplante Fabriken stehen nach Jahren noch immer nur auf dem Papier, die bewilligten Gelder sind weg.» In den letzten knapp fünfzehn Jahren hat sich eine neue Klasse von Reichen gebildet, die der Volksmund spöttisch «Boli-Bourgeoisie» nennt in Anspielung auf die Bolívares, die sie in die eigenen Taschen schaufelt.

Mauro giesst sich und den Kollegen nach. Das chavistische Wirtschaftssystem sei nicht nachhaltig. Das meiste Geld aus den Öleinnahmen werde nicht produktiv investiert, sondern über Sozialprogramme verteilt. «Entweder die Regierung schwenkt radikal um, oder es bricht über kurz oder lang zusammen.» Die planwirtschaftlich denkenden linksradikalen Strömungen der Chavistas hätten den lavierenden Präsidenten Nicolás Maduro schon zum Abschuss freigegeben. Doch die Proteste der Opposition hätten ihm eine Verschnaufpause beschert und die Zerwürfnisse der Chavistas übertüncht.

Der Frontverlauf zwischen den unterschiedlichen Strömungen ist gegenwärtig nur schwer zu bestimmen. Dass Maduro das Charisma seines Amtsvorgängers Hugo Chávez fehlt, ist ihm schwer vorzuwerfen. Aber er drückt sich auch vor klaren Entscheidungen. Man wirft ihm vor, er höre vor allem auf Ratschläge der Castro-Brüder aus Kuba.

Parlamentspräsident Diosdado Cabello scharrt schon mit den Füssen. Der ist aus einem anderen Holz geschnitzt und gibt gerne den harten Hund und Verfechter der sozialistischen Revolution, allerdings mit weniger Hörigkeit gegenüber Kuba. Für den Grossteil der Bevölkerung gilt er als einer der korruptesten Politiker des Landes. Sollte Maduro vorzeitig den Präsidentenstuhl räumen müssen, stünde auch der weniger bekannte, aber nicht weniger mächtige Energieminister und Präsident des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, Rafael Ramírez, bereit. Auch der etwas in den Hintergrund getretene Aussenminister Elías Jaua wird gelegentlich als Maduro-Ersatz erwähnt.

Ende Januar 2014 hatte der harte Kern der rechten Opposition den Sturz der Regierung über den Druck von der Strasse beschlossen. «Das ist ein Fakt und keine Regierungspropaganda», stellt Alberto Mauro beim Whisky fest. María Corina Machado und Leopoldo López, die beiden Frontfiguren der harten Antichavistas, hätten bereits Ende Januar die Bevölkerung zu massiven Strassenprotesten aufgerufen. Als dann die StudentInnen Anfang Februar mit ihren Protesten auf die Strassen gingen, sei daraus ein explosiver Mix entstanden. Er wolle nichts schönfärben, sagt Mauro, aber die 42 Todesopfer, die die Proteste bisher auf beiden Seiten gefordert haben, seien angesichts des alltäglichen Mordens erstaunlich wenig. «Jetzt sitzt Leopoldo im Militärgefängnis, María Corina verspritzt öffentlich Gift, und die protestierenden StudentInnen werden reihenweise vorübergehend festgenommen. Das Ding ist durch und hat die Chavistas zusammengeschweisst.» Wenn die Armen von den Hügeln herunterkommen sollen, um sich den Protesten anzuschliessen, müsse schon mehr passieren, als dass nur die Regale in den Supermärkten leer seien.

Lange Warteschlangen für Hühnchen

Mit der Gondel des Metrocable geht es steil den Hügel hinauf. Betty Suárez und Marta Aranda fahren zur Station La Ceiba. Lautlos schwebt die Seilbahn über die Wellblechdächer der an den Hängen klebenden Häuschen von San Agustín del Sur. In unzähligen Varianten blickt das Konterfei des ewigen Kommandanten Hugo Chávez von den bunten und backsteinroten Wänden. Bilder seines Nachfolgers Maduro sind kaum zu sehen. Seit die Regierung 2010 die Armensiedlung mit einer Seilbahn zugänglich gemacht hat, ist für die rund 50 000 BewohnerInnen vieles leichter geworden.

Die beiden Frauen wollen zum Mercal, der Filiale der staatlichen Lebensmittelkette Mercados de Alimentos. Schnell hat sich herumgesprochen, dass tiefgefrorene Hühnchen angeliefert wurden. Die Schlange ist beachtlich, die Stimmung dennoch gelöst. Sich mit Obst, Gemüse, Brot, Reis, Linsen und Bohnen zu versorgen, ist in der Hauptstadt Caracas kein Problem. Wo jedoch Zucker, Mehl, Speiseöl, Frischmilch, Butter, Kaffee, Fleisch und Huhn zu günstigen Preisen angeboten wird, bilden sich seit Monaten sofort Warteschlangen. Laut offizieller Statistik fehlen in den Supermärkten immer vier von zehn Produkten.

Von den seit Wochen anhaltenden Protesten der Studierenden und der politischen Opposition ist in San Agustín del Sur nichts zu spüren. «Hier baut heute niemand Barrikaden, und niemand schlägt auf Kochtöpfe», sagt Betty Suárez. Vereinzelt hätten Nachbarn noch nach der letzten Präsidentschaftswahl mit Töpfen geklappert. «Wir haben die Musik einfach etwas lauter gestellt.»

Marta Aranda zieht die Augenbrauen hoch. Als sie damals auf ihren Teekessel schlug, seien gleich die Nachbarn gekommen und hätten ihr Prügel angedroht. Seither klopfe sie nicht mehr. «Wer im Quartier nicht mit den Chavistas einverstanden ist, der hält aus Angst die Klappe», murmelt sie. Und das seien gar nicht wenige.

«Chávez hat den Menschen in San Agustín ihren Stolz wiedergegeben», hält Betty Suárez dagegen. «Heute haben wir ein Vaterland», habe Chávez immer gesagt. «Für mich ist das Heimat: der Duft der frischen Fladenbrote, unsere traditionelle Musik, unsere Feste und die Besinnung auf Simón Bolívar», sagt sie. Das würden die Reichen im Osten von Caracas nicht verstehen, für die sei Miami näher als San Agustín.

Straflose Verbrechen

Würde die Opposition die Macht übernehmen, dann gäbe es hier nicht ein einziges Suppenhuhn, glaubt Suárez, «und das wäre mit allem so». Es gäbe keine staatliche Apotheke, es würden keine neuen Häuser mehr gebaut, in den Schulen im Viertel würden die Kinder keine drei Mahlzeiten am Tag gratis bekommen, und das Gesundheitszentrum würde geschlossen.

Marisa Mauris Tochter ist vors Leichenschauhaus gekommen. Sie habe alles abgegeben, sagt die 24-Jährige: die Geburtsurkunde, ihres Bruders, seinen Ausweis, den Totenschein und die Anzeige bei der Polizei. Festnahmen, Verurteilungen? Marisa Mauri winkt ab. «Wenn ein Polizist erschossen wird, drehen sie jeden Stein um. Aber wird sonst einer erschossen, tun sie nichts.» Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation Observatorio Venezolano de Violencia (OVV) gab es im Jahr 2010 auf hundert Mordfälle gerade neun Verhaftungen. Venezuela gilt als trauriger Beleg dafür, dass enorme Kriminalität nicht mit Armut zu erklären ist, sondern mit Straflosigkeit. Es gibt kein funktionierendes Strafverfolgungssystem. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich eine Mafia aus Polizei, Anwältinnen und Richtern gebildet, die weniger an der Verfolgung der TäterInnen als an Geschäften mit ihnen interessiert ist.

An den Schaltern der Gerichtsmedizin geht alles seinen bürokratischen Gang. Die Tochter kommt abermals zurück, alles sei fertig. Sie könnten die Leiche jetzt abholen. Marisa Mauri verlässt ihren Platz auf dem Mäuerchen. Hierher will sie nie mehr zurückkommen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch