Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Weit weg von Madrid

Der Norden kennt mehr Vielfalt: Der Bruch, der durch Spanien geht, spiegelt sich auch in der Medienlandschaft.

Von Raul Zelik

Wie tief der Graben zwischen der spanischen Mehrheitsgesellschaft und ihren Rändern ist, zeigt sich nicht zuletzt in der Medienlandschaft. Wer Talkshows auf katalanischen oder baskischen Sendern verfolgt, reibt sich bisweilen verwundert die Augen, wie anders die Debatten in den Autonomiegemeinschaften des Nordens geführt werden. Das Auseinanderdriften der politischen Öffentlichkeiten ist dabei stark asymmetrisch: Während die katalanisch- und baskischsprachigen Communitys immer auch darüber informiert sind, was im Zentralstaat publiziert wird, ist der spanischsprachigen Mehrheitsgesellschaft weitgehend unbekannt, was man im Norden so denkt. Das liegt auch an den Sprachbarrieren: Alle KatalanInnen und BaskInnen können Spanisch, aber kaum ein Madrider liest Katalanisch oder gar Baskisch.

Im Mittelpunkt der Mediendebatten standen zuletzt die katalanischen Rundfunkanstalten TV3 und Catalunya Ràdio. Als der Katalonienkonflikt 2017 eskalierte, verlangte der Vorsitzende der Rechtspartei Ciudadanos, Albert Rivera, die Sender unter zentralistische Kontrolle zu stellen. Und der Sozialdemokrat Josep Borrell, mittlerweile spanischer Aussenminister, warf den katalanischen Sendern vor, einen «Propagandakrieg» zu betreiben und «wie Schurken zu lügen». Doch zumindest die Statistik widerspricht dieser Wahrnehmung. Dem staatlichen Rundfunkrat zufolge haben die katalanischen Sender TV3 und Catalunya Ràdio im vergangenen Wahlkampf sogar, was die Sendezeit betrifft, besonders ausgewogen über die Parteien berichtet.

Schweigen zur Folter

Die Empörung der spanischen Politik über die Regionalsender hat nicht zuletzt damit zu tun, dass in den Autonomieregionen Dinge vertreten werden, die der offiziellen Erzählung widersprechen. So untersagte die oberste spanische Wahlbehörde den katalanischen Radio- und TV-Anstalten unlängst, die in Madrid vor Gericht stehenden KatalanInnen als politische Gefangene zu bezeichnen. Ähnlich verläuft auch die Aufarbeitung der Folter. Einer Studie der baskischen Autonomieregierung zufolge wurden seit Ende der 1970er Jahre mehr als 2000 BaskInnen von der spanischen Polizei gefoltert. Im katalanischen und baskischen Fernsehen gab es hierzu schon eine Reihe von Dokumentarfilmen, doch in den spanischen Medien ist das Thema nach wie vor tabu.

Im Baskenland, wo die Autonomieregierung zwei regionale Fernsehsender betreibt – einen baskisch- und einen spanischsprachigen –, sticht zudem ins Auge, dass die Sprachgemeinschaften unterschiedlich bedient werden. Obwohl die christdemokratische Autonomieregierung des Baskenlands um gute Beziehungen zu Madrid bemüht ist, gibt sich das baskischsprachige ETB1 durchaus kämpferisch. Antifranquismus gilt hier als Konsens, auch Linksradikale kommen bisweilen zu Wort. Im spanischsprachigen ETB2 hingegen versucht man eher, die AnhängerInnenschaft der spanischen Staatsparteien PP und PSOE zu bedienen, die im Baskenland von zwanzig bis dreissig Prozent der Bevölkerung gewählt werden.

Nach rechts gerückt

Am deutlichsten jedoch zeigen sich die Unterschiede in der Presselandschaft. Die grossen Madrider Tageszeitungen «El Mundo», «ABC» und «La Razón» stehen dem rechtskonservativen Partido Popular nah. Die grosse Ausnahme war immer «El País», die als Flaggschiff des Linksliberalismus galt, aber seit vielen Jahren deutlich nach rechts gerückt ist. In den Autonomiegemeinschaften des Nordens ist die Presselandschaft vielfältiger. In Katalonien kommen zu den Madrider Blättern etwa die bislang PSOE-nahe Tageszeitung «El Periódico», die bürgerliche «La Vanguardia», die jeden Tag in einer spanisch- und einer katalanischsprachigen Ausgabe erscheint, sowie die linksliberalen Blätter «Ara» und «El Punt Avui» und eine Reihe progressiver Onlinemedien.

Das stimmt ähnlich auch für das Baskenland. Die grossen Regionalzeitungen «El Correo» und «El Diario Vasco» sind zwar auf der Linie der Unternehmerverbände und des Zentralstaats. Doch mit der baskischsprachigen «Berria» und der zweisprachigen «Gara» gibt es gleich zwei linke Tageszeitungen in Genossenschaftsbesitz. Das Unverständnis, das sich im Katalonienkonflikt manifestierte, ist nicht zuletzt Ausdruck dieser Entwicklung. Die Öffentlichkeiten in den Autonomieregionen haben sich verselbstständigt, doch die spanische Mehrheitsgesellschaft weiss wenig darüber.

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