Nr. 18/2019 vom 02.05.2019

Schritt halten, wenn alles wegbricht

Wahre Liebe wartet – notfalls auch im Gefängnis. In seinem epischen neuen Film nähert sich Jia Zhang-ke den Gangsterfilmen aus Hongkong an.

Von Lukas Foerster

Für ihren undankbaren Geliebten geht Zhao Qiao (Zhao Tao) für Jahre in den Knast. Still: Filmcoopi

Ein ganz in rot gekleideter Strassenmusiker mit Begleitband zieht auf einem öffentlichen Platz seine Show ab: «Wer hätte gedacht, dass wir uns wiedersehen», singt er. «War es Zufall? War es Schicksal?» Einer Frau, die sich auf einem ziellosen Irrweg durch die Stadt ins Publikum gemischt hat, überreicht er dabei eine Rose. Später im Film, nach einem Zeitsprung von mehreren Jahren, sehen wir denselben Sänger dasselbe Lied singen, diesmal auf einer Konzertbühne, von einer dramatischen Lightshow illuminiert. Unter den vielen Fans im Publikum sitzt auch Zhao Qiao (Zhao Tao), die Frau von damals, und stimmt auf die Aufforderung des Musikers in den Wechselgesang ein: «Wie viel Liebe gibt es? Wie viele Menschen sind es wert, dass man auf sie wartet?»

Der Sänger ist derselbe, aber er ist zum Star geworden, das Lied ist dasselbe, aber es hat sich zum Hit entwickelt, die Zuhörerin ist dieselbe, aber sie ist älter geworden, und vielleicht bedeutet ihr das Lied nicht mehr dasselbe wie beim ersten Mal. «Ash Is Purest White» erzählt, wie viele vorherige Filme des chinesischen Regisseurs Jia Zhang-ke, von Veränderung. Von einer radikalen Veränderung, die die Welt um uns herum bis zur Unkenntlichkeit transformiert und bei der anscheinend kein Stein auf dem anderen bleibt. Aber er erzählt auch davon, wie wir gleichzeitig zwangsläufig versuchen, uns dennoch in dieser Welt zu verankern, dem gewaltigen Strom der Zeit ein paar kleine Sicherheiten entgegenzusetzen.

Loyal bis zum Letzten

Für Zhao ist, wie der Liedtext verrät, die Liebe eine solche Sicherheit. Und das, obwohl der Mann, den sie liebt, der Gangster Guo Bin (Liao Fan), ihre unbedingte Zuneigung definitiv nicht wert ist. Zu Beginn sind die beiden zwar ein Paar, doch meist behandelt er sie wie einen besseren Laufburschen. Später geht sie für ihn (weil sie, um ihn zu beschützen, eine Waffe abfeuert) fünf Jahre lang in den Knast, nur um nach ihrer Entlassung zu entdecken, dass er nicht nur längst eine andere hat, sondern auch alles dafür tut, die Konfrontation mit ihr zu vermeiden. Als es schliesslich doch zu einer Aussprache kommt, fühlt sich die Sache ziemlich final an. Noch einmal ein paar Jahre später sind die beiden trotzdem wieder zusammen. Jetzt muss Zhao den inzwischen gelähmten Guo Bin im Rollstuhl durch die Gegend karren.

Sicherheit findet sie nicht im Objekt ihrer Liebe, sondern in der Liebe selbst, die für sie zu einer Art ethischer Maxime wird. Sie leistet für sich selbst einen Liebesschwur, der zu tun hat mit den Codes der chinesischen Gangster, die ausserhalb der Mehrheitsgesellschaft nach ihren eigenen Regeln leben. Loyalität ist hier das höchste Gut – doch bei Jia Zhang-ke wird dieses nicht von Guo Bin in Ehren gehalten, der allen Machogesten zum Trotz schwach und opportunistisch ist, sondern von der hartnäckigen, leidensfähigen Zhao.

Euphorie in der Disco

Jia Zhang-ke, der seine Karriere in den neunziger Jahren mit schroff-realistischen Alltagsdramen begonnen hatte, war bereits 2013 mit «A Touch of Sin» näher an populäre Formen des Erzählkinos herangerückt. Mit «Ash Is Purest White» geht er noch einen Schritt weiter: Insbesondere im ersten Drittel lehnt er sich an die Tradition der Jianghu-Gangsterfilme an, die in China seit Jahrzehnten ungemein populär sind. Produziert wurden (und werden) sie meist in Hongkong, ihre Hochphase waren die achtziger Jahre. In einer Szene früh im Film sehen wir, wie Guo Bin und seine Mitstreiter gebannt vor einem Fernseher sitzen und sich John Woos «The Killer» ansehen, einen der grössten Klassiker des Genres.

In diesem ersten Teil, der kurz nach der Jahrtausendwende spielt, spiegelt sich in den Hoffnungen der Gangster aufs schnelle Geld die Aufbruchstimmung des noch jungen chinesischen Kapitalismus. Die harten Jungs glauben, dass sie bald selbst das glamouröse Leben der Helden des Hongkongkinos führen werden. Die Euphorie verdichtet sich in einer grossartigen Discoszene: Aus den Boxen dröhnt «YMCA», Zhao Qiao und Guo Bin führen eine kleine Tanzchoreografie vor – der einzige Moment im Film, in dem sie wirklich miteinander harmonieren. Der Mittelteil gehört dann Zhao alleine. Sie hat alles verloren, befindet sich in einer fremden Stadt und in einer Zeit, die sie nicht mehr versteht. Sie schlägt sich durch, irgendwie, und sei es nur mithilfe einer Wasserflasche, die – ein subtiler, schön konstruierter Running Gag – zu ihrer einzigen treuen Begleiterin wird.

Das letzte Kapitel wiederum ist offener, fragmentarischer. Der Film scheint selbst ein wenig aus der Fassung zu geraten, und andere, neue Bildsorten dringen in ihn ein: Helikopteraufnahmen, nächtliche Himmelspanoramen. Ob Zhao auf Dauer mit der Veränderung Schritt halten kann, bleibt offen. Aber in jedem Fall wird sie sich besser schlagen als Guo Bin und seine von der Welt abgehängten alten Kumpels, die, nur noch Karikaturen von Gangstern, in Erinnerungen schwelgen und immer noch die alten Eitelkeiten pflegen.

Jetzt im Kino.

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