Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

«Wow, a Swiss rock band!»

KonzertgängerInnen in den USA lernen dieser Tage, dass die Schweiz beileibe nicht nur im Bankenwesen gross ist. Unsere Reporterin begleitete Disco Doom, das andere Geheimnis der Schweiz, auf ihrer Tour durch die Südstaaten der USA.

Von Esther Banz

Sie verlieren nicht viele Worte. «Hello, we’re Disco Doom from Switzerland.» Dann setzt die erste Gitarre ein. Es dauert keine sieben Sekunden, bis die ganze Grösse von «Chrystal Coma» erahnbar ist. Fünf Sekunden später nicken Menschen, die dieses Lied noch nie gehört haben, zum Takt der Musik. «Chrystal Coma» möchte keine Hymne sein, auch kein Palast. Aber wie bei vielen Werken von Disco Doom ist der Raum, in den man als Zuhörerin gesogen wird, von solch vertrackter Schönheit, dass man anfängt, sich für Architektur zu interessieren. Oder zumindest dafür, von welcher Form, Dichte, Komplexität der nächste Song wohl sein mag.

Disco Doom präsentieren ihre Musik in diesen Wochen vor nordamerikanischem Publikum. Ihre Tour durch die USA und Kanada dauert knapp drei Monate und zählt fünfzig Konzerte, viele in namhaften Clubs. Eingeladen von der US-Band Built to Spill, unterstützt unter anderem von Pro Helvetia, unbemerkt vom Schweizer Radio und Fernsehen.

«These guys are awesome!»

An dieser Stelle ein kurzes Intermezzo. Es geht darum, dass ich über die Musik von Disco Doom nur positiv schreiben kann. Das vorneweg.

Nun aber die Reportage: Sie beginnt in Athens im Bundesstaat Georgia im Südosten der Vereinigten Staaten. Die kleine Unistadt ist Heimat von R.E.M., den B 52s, Vic Chesnutt und anderen wichtigen MusikerInnen. «Awesome» ist ein Ausdruck, der hier wie überall in den Staaten oft gebraucht wird. Er bedeutet grandios, Hammer, mega. «These guys are awesome», sagt etwa ein junger Mann, der im «40 Watt Club» nach dem Konzert zum Merchandisingstand stürmt.

Die Guys, die er meint, sind drei Männer und eine Frau: Anita Rufer und Gabriele De Mario, das Musikerpaar, Disco Doom in zwei Personen, seit zwölf Jahren. Mit ihnen touren Schlagzeuger Dominic Oppliger und Bassist Jason Albertini. Oppliger spielt bei John Sars aus Baden und ist zugleich der Einmannkünstler Doomenfels (vgl. WOZ Nr. 1+2/09). Jason lebt im nordkalifornischen Arcata, er ist bei Built to Spill für Bühnensound und Merchandising verantwortlich. Er arbeitet wie ein Ochse. Und das mit gebrochener Rippe. Aber dazu später.

Disco Doom waren schon am Vorabend in Athens angekommen, einem ihrer seltenen konzertfreien Tage. Zeit, mal wieder die Kleider zu waschen und den Ort zu erkunden. An einem normalen Tag checken sie morgens aus dem Motel. Steigen in den Bus. Fahren auf Autobahnen. Stoppen für Benzin (schockierend billig), Kaffee (fade Brühe, ausser bei Starbucks, leider) und Mittagessen (gibts was ausser Burger?). Lassen sich sechs, sieben, acht Stunden später vom sprechenden Gerät zum Club navigieren. Steigen aus. Inspizieren den Raum. Laden das Gepäck aus. Warten. Lassen sich erklären, was wo wie läuft. Stellen auf. Machen Soundcheck. Legen ihre CDs und die T-Shirts von Built to Spill auf dem Merchandising-Stand aus (Built to Spill verkaufen keine CDs, sie müssten sie der Plattenfirma Warner teuer abkaufen).

Warten. Jetzt sind sie dran. Spielen, eine gute Stunde, meist vor überraschend gut gefülltem Haus. Applaus. Fertig. Abräumen. Direkt zum Merchandisingstand. Für den Rest des Abends verkaufen, Fragen beantworten, sich gratulieren lassen, mit einem Ohr Built to Spill zuhören.

Built to Spill spielen ihre letzte Zugabe. Mitternacht, the show is over, die Arbeit aber noch lange nicht, alles muss wieder abgebaut und verstaut werden. Es ist zwei Uhr, als sie im Motel ankommen.

Bewegliche Architektur

Dominic wirkt müde am nächsten Morgen. Am Nachmittag immer noch. «Ja», sagt er, «es hängt an. Das viele Fahren. Ich freue mich auf die Pause im November.» Anita schaut ihn mit grossen Augen an: «Für mich könnte es ewig so weitergehen.» Es ist keine Show, die sie da abzieht, noch nicht einmal wirkte sie gereizt.

Nach einer langen Fahrt durch Georgia und Tennessee, durch weite, flache Wiesen- und Waldlandschaften, erreichen wir Memphis – die Stadt, die vor allem wegen Elvis weltberühmt ist. Alles, was wir von ihr sehen: ausgestorben wirkende Strassen mit altmodischen Geschäften. Die Minglewood-Hall ist eine kalte, abstossende Halle. An der Eingangstür ein Kleber, darauf eine Knarre, durchgestrichen. Der grosse Raum füllt sich nur allmählich.

Disco Doom blicken auf interessierte Gesichter, als sie an ihre Mikrofone treten: in der Mitte mit Gitarre Anita, rechts von ihr mit Gitarre und Pedalen Gabriel. Die beiden bewegen sich in den nächsten sechzig Minuten kaum, aber sie bauen ganze Wände auf und um, aus denen immer wieder neue Räume entstehen, und darin brauen sich Stimmungen zusammen. Nach dem Konzert tauchen BesucherInnen am Stand auf, wollen nochmals hören, wer die Band ist, woher sie kommt. Ein paar Frauen werden «Wow, you’re awesome!» rufen, ein paar Männer «Was great, guys. Love your guitar work.» Fragen zu Switzerland? Kriminellen Bankern? Davon hat niemand was mitgekriegt. Nur einer fragt: «Ist Polanski immer noch bei euch?»

Gabriel bestätigt: Ihre Herkunft war auf der bisherigen Tour kaum je Thema. Wenn, dann höchstens im Musikkontext. A Swiss rockband, das ist in Nordamerika ziemlich exotisch. Das ist mit ein Grund, weshalb Gabriel vor den Konzerten erwähnt, woher sie sind.

Die Rippe des Bassisten

Die Geschichte von Disco Doom beginnt vor langer Zeit in Solothurn. Anita (43), damals Gymnasiastin und Gitarristin in einer Frauenband, hört, es gebe in der Stadt einen, der ebenfalls ein Fan von Sonic Youth sei und Gitarre spiele. Eines Tages sieht sie ihn auf der Strasse, ruft ihm zu: «Hey, du bist doch der, der so gut Gitarre spielt.» Bald teilen sie den Übungsraum, jammen, eine Freundschaft entsteht. Gabriel geht für einige Monate nach Australien, Anita zieht fürs Studium nach Zürich, Gabriel kommt später nach. Mit einem Freund gründen sie Disco Doom. Das war 1997.

Es dauert nicht lange, bis die Band eine Fangemeinde hat. Fünf Jahre später erscheint die erste EP, «rrkr», im Jahr darauf der zweite kurze Tonträger, «Binary Stars». Eine lange Platte blieben Gabriele De Mario und Anita Rufer bis letztes Jahr schuldig. Als «Dream Electric» erschien, waren sie auf Tour – ihre erste mit Built to Spill, durch Europa. Kürzlich wurde Doug Martsch, der Sänger und Songschreiber von Built to Spill, gefragt, wie er auf die Schweizer Band gekommen sei. Er erzählte, wie er sie im Mai 2007 in Winterthur hörte, wo sie für Built to Spill ein erstes Mal Vorband waren. Er war begeistert. Ein Jahr später lud er sie ein, die nächste Tour mitzumachen. Und später gleich noch die jetzige US-Tour.

Disco Doom haben sich trotz der Erwartungen von aussen, trotz des Werkjahrs, das ihnen die Stadt Zürich 2004 verliehen hat, nie dazu hinreissen lassen, in Marketingkategorien zu denken. Das irritierte manchmal selbst ihr näheres Umfeld, das mitbekam, in welch bescheidenen Umständen das Musikerpaar lebte und immer noch lebt. Ein Dialog über die Band konnte bis zur Begegnung mit Built to Spill etwa so tönen: «Haben sie jetzt einen Manager?» – «Nein. Dafür haben sie mal wieder einen Schlagzeuger rausgeschmissen.»

«Danke für deine Spende»

In Texas stossen Dinosaur Jr. zu Built to Spill und Disco Doom. «Eine seltsame Situation», sagt Anita, «plötzlich stehst du neben alten Idolen in der Garderobe. Du kannst es nicht reflektieren, dich darüber freuen, es ist einfach so.» Sie freut sich dann aber doch, als der Bassist Lou Barlow am dritten Abend ganz beiläufig zu Jason, dem Bassisten von Disco Doom sagt: «Great songs.»

Jason kaute zuvor zerknirscht auf einer Selleriestange rum. Die Rippe macht ihm zu schaffen. Der Arzt hat gesagt, eine genauere Untersuchung in der Röhre wäre vonnöten. Aber so was kostet nicht nur bei uns eine Menge Geld. Jason hat keine Krankenversicherung. Er ist nicht der Einzige im Land. Built to Spill haben beim Merchandisingstand ein Kässeli aufgestellt. Ein Zettel informiert: «Wir sammeln Geld für die Operation eines lieben Freundes. Danke für deine Spende!»Brett, einer der Gitarristen bei Built to Spill, erzählt hinter der Bühne von den rechten Kräften im Land und ihrem Vorhaben, Obamas Gesundheitsreform zu verhindern. Von der Desinformation, die von den privaten Fernsehstationen ausgeht. Wütend sein, sagt Brett, sei sein Dauerzustand. Er sucht ein alkoholfreies Bier in der Kühlbox.

Rock ’n’ Roll im Backstage-Bereich, Drogen, Alkohol, Groupies – nichts von alldem auf dieser Tour. Die Musiker gebärden sich fast enttäuschend gesittet. Vielleicht, weil man so eine Knochentour anders nicht durchsteht.

Auf der Fahrt nach Dallas hatte es in Strömen geregnet. Für Disco Doom ist das Fahren Teil der Arbeit. Wer gerade nicht fahren muss, döst auf der hinteren Bank, liest oder schaut im Laptop einen Film. An diesem Tag schauen sie immer wieder aus dem Fenster. Der Regen hat einzelne Gebiete unter Wasser gesetzt. In der Zeitung ist von «Niederschlägen, wie es sie bei uns in Arkansas noch nie gegeben hat» zu lesen. Die Autos, in denen die Menschen unterwegs sind, sind mehrheitlich wuchtig. Nach mehreren Tagen auf diesen Autobahnen fällt es schwer, sich die Mobilität in diesem Land in einem Post-Öl-Zeitalter vorzustellen.

«Andere haben Tornados»

Ein weiterer Tag. Houston heisst der Zielort. Es ist eine Region, die letztes Jahr vom Hurrikan Ike getroffen wurde. In der Millionenstadt ist davon nichts (mehr) zu sehen. Galveston aber, sagt ein Sicherheitsangestellter des Clubs, in dem die Bands spielen, sei ausradiert gewesen. Macht er sich Sorgen wegen weiterer Hurricanes? «Nein. Wir haben Hurricanes, andere haben Tornados. Damit muss man leben.

Nächster Halt Austin – «the music capital of the world», wie sich die Stadt selber nennt. Es ist sommerlich warm, auch wenn es schon Ende Oktober ist, die grosse Bühne des «Stubbs Club» ist draussen, Stimmung wie an einem Openair. Disco Doom wollten sich am Nachmittag den Ort anschauen. Daraus wird nichts. «Du weisst nie, wann du mit Soundcheck dran bist, also bleibst du vor Ort.»

«Wir führen auf dieser Tour ein Parallelleben», sagt Anita, «es gibt keinen Alltag, nichts von alldem, was unser Leben zu Hause bestimmt.» Sie sagt das ohne Wehmut. Während die anderen sich auf ihr Zuhause freuen, hat man bei Anita und Gabriel den Eindruck, als würden sie in diesen Wochen jeden Tag aufs Neue zu Hause ankommen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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