Nr. 18/2019 vom 02.05.2019

Zwischen High und Abgrund

Auf ihrem neuen Album «Brutal» wirkt Camilla Sparksss stark und zerbrechlich zugleich. Dabei weigert sie sich, jegliche Kompromisse einzugehen.

Von Alice Galizia

So cool, dass sogar die eigene Unsterblichkeit gleichgültig ist: Camilla Sparksss. Foto: Roger Weiss

Da steht eine schmale Gestalt in Nebel und rotem Scheinwerferlicht, die langen, blonden Haare vor dem Gesicht, in sich und ihr Mischpult versunken. Kaum ein Blick geht ans Publikum verloren, es scheint ein bisschen egal zu sein. Der Körper bewegt sich mit der Musik, manchmal vielleicht etwas rhythmisch verschoben, aber nicht falsch. Wie Camilla Sparksss auf der Bühne steht und ihr Set bestreitet, das illustriert so ziemlich genau, wie auch ihre Musik ist: wahnsinnig stark, wahnsinnig selbstbewusst – und doch immer knapp am Zerbrechen vorbeischrammend. Es wirkt fast unwirklich, wie Sparksss es schafft, trotz Versunken- und Verschrobenheit so extrem präsent zu sein.

Camilla Sparksss, mit bürgerlichem Namen Barbara Lehnhoff, hat soeben ihr zweites Album, «Brutal», veröffentlicht. In Kanada geboren und aufgewachsen, lebt sie nun im Tessin. Mit Aris Bassetti hat sie dort die Band Peter Kernel sowie das eigene Label On the Camper Records gegründet. Bei diesem sind auch ihre beiden Alben, «For You the Wild» (2013) und jetzt das neue «Brutal», erschienen. Als Album der Extreme, des Nicht-Dazwischen, hatte sie es im Vorfeld auf Facebook angekündigt  – und so ist es auch geworden. Sparksss jagt durch Gefühlswelten, vom Down ins High, vom Genuss in die Übelkeit, spielt mit dem Ambivalenten. Der Mittelweg? Sicher zu langweilig. Lieber Schmerzen als gar nichts fühlen, lieber aufgekratzt als abgestumpft. So findet sie auch im vermeintlich Negativen ihre grimmige Freude, selbstbewusst im eigenen Scheitern. Sparksss’ Musik ist eben nicht nur düster, sondern irgendwie doch auch gut funktionierende, tanzbare Clubmusik. Rein elektronisch und alles von Sparksss selbst produziert, basslastig, mit Einflüssen aus New Wave und Noise.

Riot Grrrl in Zeitlupe

«Womanized» zum Beispiel, die erste Single-Auskoppelung, beginnt langsam, um sich dann im Refrain beinah in treibenden Grossraumdiscosound zu verwandeln – wäre da nicht der Text, wäre da nicht die Stimme von Sparksss. Was für ein schöner Tag, in Scham und Schuld zu versinken, singt sie oder schreit sie eher, «it’s in the way we’re walking and dancing along with it», mit Schuld lässt sich schon umgehen, irgendwie. Das klingt dann ein wenig wie ein elektronischer Riot-Grrrl-Song in Zeitlupe. Nicht so punkig, distanzierter, vielleicht auch weniger wütend, abgeklärter, aber mit der gleichen Fuck-off-Attitüde. Das hat auch viel mit der Weise zu tun, wie Sparksss ihre Stimme einsetzt. Der Eindruck verstärkt sich noch in «So What», in dem die Zeile «What, do you think you are in love?», gesungen in einer vor Spott triefenden, mädchenhaften Stimme, kaum gemeiner klingen könnte. Die hohe Stimme, die triezt: Was, du hast dich in ein Mädchen verliebt, weil sie so heiss ist? So what, dem Mädchen ist das egal, es ist nämlich über alles erhaben. So cool, dass sogar die eigene Unsterblichkeit gleichgültig ist: «I died once, I can die twice – so what?»

In «Walt Deathney» kommt diese Stimme wieder zum Einsatz, als Bruch diesmal zum noisigen Track. Hier wird Walt Disney als derjenige angeklagt, der es der Protagonistin verunmöglicht, nicht nach einem Happy End zu streben. Aber wer will schon Märchen? Überrasche mich, singt Sparksss, liebe mich oder verachte mich, es ist eigentlich egal, Hauptsache, kein Happy End, Hauptsache, kein pastellfarbenes Leben mit Zuckerguss. Hier wird die Liebe als Extremgefühl beschrieben, fernab jeglicher Romantik, als endlose Aufreibung.

Entschuldigung wofür?

Ganz exemplarisch ist das auch in «Messing with You», einem Song übers Fremdgehen und Nicht-damit-aufhören-Können, aus der Perspektive der Liebhaberin. Das beginnt schon bedrückend genug, dieser ständige Kreislauf zwischen Geilheit und schlechtem Gewissen. Aber eben, besser als langweiliges Verliebtsein. Ab der zweiten Strophe fällt die Musik nach und nach auseinander, klingt, als ob die Downer gerade zu wirken beginnen, torkelnd: «The high we get when we fuck up», hält sich kurz am Repetitiven fest, «the wine the wine the wine the wine … ». Dann fransen die Beats immer weiter aus, werden bedrohlich, die Stimme schleudert mit, immer weiter runtergepitcht. Kurz klingt sie männlich, dann nur noch abartig: «We’ll do it again, we’ll do it again».

Es erstaunt dann ein wenig, dass nach all der Kompromisslosigkeit der letzte Track auf dem Album «Sorry» heisst – nun doch noch eine Entschuldigung? Waren es doch zu viele Extreme, zu viele Highs, zu viel Abgrund? «Sorry» ist eine hallende, beklemmende Ballade voller Dissonanzen, die sich am Ende zum Glück für gar nichts entschuldigt. Eher wird hier noch einmal angeklagt, die Entschuldigung vielleicht vorgeschoben, um weitermachen zu können wie bisher. «Never gonna stop, it’s never enough», singt Sparksss gleich zu Beginn. Und trotzdem: Auch hier bleibt sie nebst aller Stärke verletzlich, «I’m not that tough», hör bitte auf, mich ständig zu fragen, ob es mir gut geht. Manchmal ist es schwer, aber ich kann auch nichts dafür, scheint sie zu sagen, «I’m not the cause», ich bin nicht die Ursache. Und ganz zum Schluss wechselt sie dann in die Überzeugung, die sich ohnehin durch das ganze Album zieht, immer aufs Neue wiederholt: «I’m not to stop, I’m not to stop». Sorry für gar nichts.

Konzerte: Fr, 10. Mai 2019, Livingroom, Lugano; Fr, 7. Juni 2019, RKC, Vevey; Sa, 15. Juni 2019, B-Sides Festival, Kriens. www.camillasparksss.com.

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