Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Begnadete Resteverwerter

Von Roger Anderegg

Der eine veranstaltete mit Vorliebe verrückte Happenings und dichtete fleissig in konkreter Poesie; er schuf obskure Objekte wie in Verwesung begriffene Schimmelbilder oder auch reiche Assemblagen, so etwa eine völlig überstellte Tischplatte samt Telefon und übervollem Aschenbecher. Der andere fügte rostigen Schrott zu riesigen Skulpturen zusammen, die ratternd das Maschinenzeitalter verabschiedeten; mit seinen Beobachtungen und Gedanken füllte er dicke Folianten. Der Erste war ein schmaler, nervöser Zappelphilipp, der Zweite ein Koloss mit durchschnittlich 110 Kilo Lebendgewicht. Dieter Roth starb 1998 im Alter von 68 Jahren, Bernhard Luginbühl 2011 im Alter von 82 Jahren. Die beiden Originale, denen alles, was ihnen in die Hand kam, zur Kunst geriet, trafen des Öfteren aufeinander, und das nicht nur in Gestalt ihrer Werke in Museen, Privatsammlungen und Kunstparks, sondern auch im realen Leben, sei es auf Luginbühls Bauernhof im bernischen Mötschwil, sei es in Roths Atelier in Hamburg. Jahre nach ihrem Tod begegnen sich die zwei, die fraglos zu den bedeutendsten Schweizer Künstlern des 20. Jahrhunderts zählen, wieder – in Luginbühls stimmungsvollem Museum in Burgdorf.

Luginbühl war ein Mann von freundlicher, offener Wesensart. Roth, der es liebte, unablässig mit Worten und ihrer Bedeutung zu spielen und damit sein Gegenüber zu verwirren, war ein schwieriger, eigenbrötlerischer Charakter und neigte zu cholerischen Ausbrüchen. Zwei denkbar gegensätzliche Figuren also, die sich in Weltverständnis und künstlerischem Wollen aber sehr nahekamen und sich, wie auch ihre Korrespondenzen und mehrere gemeinsam gefertigte Objekte beweisen, gegenseitig beflügelten. Der bedächtige, bodenständige Metzgersohn und Schöpfer tonnenschwerer Eisenmonumente und der multimediale Universalkünstler und Bürgerschreck: Hier sind beide in derselben wunderbaren Lokalität vereint.

Dieter Roth trifft auf Bernhard Luginbühl: Altes Schlachthaus, Metzgergasse 15, Burgdorf. Bis 3. November 2019. Das Museum ist nur samstags und sonntags geöffnet. www.luginbuehlbernhard.ch

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