Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Fremdkörper in der Scheinidylle

Aufs Land zu ziehen, als sie schwanger war, war seine Idee. Schliesslich wohnt in dem Kaff, in dem sie aufgewachsen ist, auch ihre Mutter, die würde dann zum Kind schauen. Als das Kind dann da ist, ist er bald wieder zurück in der Stadt, wo er ein paar Jahre später eine neue Familie gründet. Im Dorf bleibt die völlig überforderte Mutter mit ihrem «Balg». So auch der Titel des starken Romandebüts von Tabea Steiner, die bisher vor allem als Organisatorin von Literaturfestivals tätig war.

«Aus seiner Rückenlage heraus erobert er innerhalb von kurzer Zeit ein Maximum an Platz in der Welt» – doch ein Platz ist für diesen «Bub», wie er die ersten 45 Seiten nur genannt wird, nicht wirklich vorgesehen. Niemand will ihn. Und so schauen wir dem Buben, der dann zu Timon wird, zu, wie er in einem schweigenden Umfeld heranwächst und überall abgelehnt und herumgeschubst wird: von der Mutter zur Grossmutter, von der Grossmutter in die Krippe, von der Krippe wieder zurück zur Grossmutter. Überfordert sind alle mit Timon, der aggressiv ist, andere Kinder quält, klaut und schon viel zu früh raucht. Nur Valentin, der ehemalige Lehrer, der mittlerweile als Postbote arbeitet, lässt ihn bei sich im Garten ein und aus gehen. Doch ausgerechnet das verbietet ihm seine Mutter. Warum, weiss Timon nicht, wir LeserInnen erfahren es häppchenweise.

Wie Tabea Steiner das stetige Verwahrlosen dieses Kindes beschreibt, das in der dörflichen Schweizer Scheinidylle ein völliger Fremdkörper ist, erinnert an «Daskind» von Mariella Mehr. Zwar ist die Gewalt bei Steiner weniger physisch, doch wie bei Mehr ist es das Umfeld, das schweigend zuschaut, wie das Kind völlig kaputtgeht, und sich so mitschuldig macht. Das alles beschreibt Steiner mit nüchterner, karger und nie wertender Sprache, wodurch alles noch viel heftiger wirkt. Es ist ein furchtbares Buch – und ein furchtbar gutes. Silvia Süess

Veranstaltungen in Solothurn: Fr, 31. Mai 2019, 21.30 Uhr; Sa, 1. Juni 2019, 10, 20 und 21 Uhr; So, 2. Juni 2019, 12.30 und 17 Uhr.

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