Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Die Angst vor dem Frieden

Das Dorf Noanamá liegt mitten in einem Guerillagebiet. Warum die EinwohnerInnen hoffen, dass das noch lange so bleibt.

Von Toni Keppeler und Andrés Vanegas Canosa (Fotos), Noanamá

Noanamá liegt verloren im Dschungel. Rund 800 Menschen wohnen hier, und sie wissen auch, warum: Sie wollen in Ruhe gelassen werden. Zwei oder drei Familien der Emberá-Wounaan leben im Dorf, alle anderen sind AfrokolumbianerInnen. Ihre Vorfahren waren SklavInnen. Sie flohen aus der Sklaverei und versteckten sich in diesem unwirtlichen Gebiet. Der Dschungel rund um Noanamá gehört zu den regenreichsten Gegenden der Welt: Über 10 000 Millimeter Wasser fallen hier jedes Jahr vom Himmel. Zum Vergleich: In Zürich waren es 2018 knapp 900 Millimeter. Die Tropenkrankheiten Malaria, Chikungunya und Zika sind noch heute endemisch. Wenn man Pech hat und unachtsam ist, kann man mitten im Dorf auf eine Korallenotter treten. Ihr Biss kann, wenn er nicht sofort behandelt wird, tödlich sein. Viele gehen barfuss in Noanamá, und es gibt keine Krankenstation, nur eine alte Nonne, die sich mit den Heilkräutern der Indígenas auskennt. Wenn man sich nach einem Biss gleich von ihr behandeln lasse, erzählen DorfbewohnerInnen, sei man nach vier fiebrigen Tagen wieder in Ordnung.

Niemand im Dorf weiss, wann sich die ersten geflüchteten SklavInnen hier niedergelassen haben. Die Holzhäuser ihrer Nachkommen stehen wegen des vielen Regens meist auf Pfählen, Häuser aus Stein sind selten. Die Sklaverei wurde in Kolumbien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nur halbherzig abgeschafft, und noch heute arbeiten viele Menschen in Bergwerken und auf Landgütern unter Bedingungen, die sich kaum von Leibeigenschaft und Zwangsarbeit unterscheiden. In Noanamá aber sind die Menschen frei, bestimmen nach eigenem Brauch ihre Dorfregierung und bewirtschaften ihr Land in Gemeinbesitz. Der Río San Juan, braun und an die hundert Meter breit, ist noch heute die einzige Verbindung zur Aussenwelt. Seine Farbe ist natürlich: Erde, vom vielen Regen ausgewaschen. Was man nicht sieht, ist das Gift. Der Río San Juan ist wegen der flussaufwärts liegenden Goldminen hochgradig mit Quecksilber und Zyanid verseucht. Die wenigen Fische, die es noch gibt, sollte man besser nicht essen.

Der Staat von Kolumbien hat sich nur einmal und nur kurz für Noanamá interessiert, vor ungefähr zwanzig Jahren. Damals wurde eine Schule gebaut, die es heute noch gibt, und auch eine Krankenstation. Nur Medikamente und ÄrztInnen kamen nie ins Dorf, und so ist das Haus verfallen, das Dach irgendwann eingestürzt. «Wir haben es jetzt wieder aufgebaut», berichtet Luis Emiro Murillo, der 36-jährige und viel jünger wirkende Präsident der Gemeindeversammlung. «Angeblich bezahlt der Staat eine Krankenschwester, aber sie ist bislang noch nicht aufgetaucht.» Auch der Neubau ist nur eine leere Hülle.

Wer den Fluss wo kontrolliert. Karte: WOZ

Vor zwanzig Jahren wurden auch Strom- und Wasserleitungen verlegt, sie können noch immer besichtigt werden. Nur floss nie Strom oder Wasser durch sie. Man sammelt Regenwasser in Tonnen und Tanks, und wer nach Einbruch der Dunkelheit mehr hat als Kerzenlicht, der konnte sich ein Solarpanel leisten. «Den letzten Polizisten hat man hier vor fünfzehn Jahren gesehen», erzählt Murillo. Wenn sich der Staat in Noanamá zeigt, dann nur als Armee und mit mindestens einer Hundertschaft. Das Dorf liegt mitten im Kriegsgebiet.

Militärisch betrachtet ist die Landkarte des Departamento del Chocó, zu dem Noanamá gehört, ein Flickenteppich aus den Einflussgebieten verschiedener bewaffneter Verbände. Die Hauptstadt Quibdó, ein schmutziger, lauter Ort von gut 150 000 EinwohnerInnen, wird von den ultrarechten Paramilitärs der Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC) beherrscht. Die Regierung in Bogotá behauptet, seit einer mit grossem Spektakel vorgeführten «Demobilisierung» des Dachverbands der Autodefensas Unidas de Colombia (AUC) im Jahr 2006 gebe es keine Paramilitärs mehr. Die Gaitanistas, die mit ihrem Namen an den 1948 ermordeten liberal-populistischen Politiker Jorge Eliécer Gaitán erinnern, sind aus offiziell demobilisierten Kämpfern der AUC entstanden, haben rund 2000 Männer unter Waffen und sind nur eine von etlichen neuen paramilitärischen Gruppen. In Quibdó machen sie vor allem Jagd auf Menschen, die die Armenviertel zu organisieren versuchen.

Von Quibdó aus führt eine schmale, kurvenreiche Strasse mit vielen Schlaglöchern durch eine üppige tropische Landschaft nach Süden. Die Gegend ist Einflussbereich der Gaitanistas. Auch das Städtchen Istmina, das man nach einer guten Stunde erreicht. Von dort aus geht es nur noch im Boot weiter, flussabwärts auf dem Río San Juan. Den letzten Posten der Paramilitärs – rund eine Stunde entfernt – muss man vor 18 Uhr passieren. BootsführerInnen kennen die unsichtbare Grenze und wissen: Wenn es dunkel wird, sperren die Gaitanistas den Fluss. Man sieht sie nur selten, aber sie registrieren jede Bewegung aus der Deckung des Dschungels heraus.

Nach diesem Posten ist man im Guerillagebiet, in der Zone des Nationalen Befreiungsheers (ELN). Sie reicht weit über das noch zwei Stunden entfernte Noanamá hinaus, bis kurz vor die Mündung des Río San Juan in den Pazifik. Dort herrschen dann wieder die Gaitanistas. Ähnlich sieht es von Quibdó in Richtung Norden aus. AGC und ELN wechseln sich ab, und vor allem im Norden, nahe der Grenze zu Panama, finden seit Wochen heftige Kämpfe zwischen den beiden Verbänden statt. Der Norden des Chocó wurde früher von den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (Farc) beherrscht. Die haben Ende 2016 mit der Regierung einen Friedensvertrag unterzeichnet und ihre KämpferInnen abgezogen und demobilisiert. Das ELN hat nicht genügend Kapazitäten, um alle von den Farc geräumten Gebiete zu besetzen. Seither sind die Gaitanistas immer stärker geworden.

Gold, Holz und Koka

In Noanamá ist von diesem Krieg nichts zu spüren. Die Stimmung ist entspannt. Gleich neben der hohen Treppe, die von der Landestelle für Boote ins Dorf hinaufführt, steht eine Bar auf hohen Stelzen. Der Umsatz mit Bier ist gut, es scheint Geld zu geben in Noanamá. Offiziell lebt das Dorf von der Landwirtschaft für den Eigenbedarf, von Reis, Maniok, Mais und Bananen. Dazu ein bisschen Jagd und Fischerei in den noch unverseuchten Nebenflüssen des Río San Juan. Auch das Goldwaschen am Fluss ist legal. Doch das bringe nicht viel und sei nur bei niedrigem Wasserstand sinnvoll, sagt Luis López, der Betreiber der Bar. Der Vierzigjährige mit der Figur eines Profiboxers ist eines der elf Mitglieder des Dorfrats. «Ein Goldwäscher findet vielleicht ein Viertelgramm am Tag.» Damit verdiene man umgerechnet gerade einmal sechs Franken. Industriell ausgebeutet aber sind die Goldlager des Chocó mehr als rentabel.

Das meiste Geld im Dorf stammt aus illegalen Aktivitäten: «Holz und Koka», sagt López kurz. Mit Holz verdiene man derzeit nichts. «Das ELN hat ein halbes Jahr Ruhezeit angeordnet.» Die Guerilla ist nicht nur die militärische Macht in Noanamá, sondern auch die Umweltbehörde. Wenn ihr die Lücken im Dschungel zu gross werden, verhängt sie ein Einschlagverbot. So bleiben als nennenswerte Einnahmequelle nur die Plantagen mit Kokasträuchern, aus deren Blättern Kokain extrahiert werden kann. Die meist weniger als eine Hektare grossen Felder sind im Regenwald versteckt, das nächste nur zwanzig Minuten Fussmarsch vom Dorf entfernt.

Die letzte Ernte scheint gut gewesen zu sein. Am Wochenende wird gefeiert. Die von einem kleinen Dieselgenerator betriebene Musikanlage in der Bar an der Anlandestelle beschallt das Dorf bis morgens um vier mit Reggaeton. Auch ein paar Guerilleros sind gekommen: junge Männer in Armeehosen und olivgrünen Unterhemden. Ihre Sturmgewehre hängen schräg über den Rücken, der Lauf zeigt nach unten. Sie schäkern mit den DorfbewohnerInnen, manch einer hat eine Freundin hier. «Früher sind mehr von ihnen gekommen», erzählt López. «Manchmal haben sie auch getrunken, und es gab Streit.» Man habe dann mit dem Comandante gesprochen und durchgesetzt, dass Guerilleros nur noch unbewaffnet ins Dorf dürfen. Heute sei das nicht mehr nötig. «Sie haben nicht mehr so viel Ausgang, das Regiment ist strenger geworden.» Und weil ein Konflikt mit den Paramilitärs nicht ausgeschlossen werden könne, sei es auch gut, dass sie immer bewaffnet seien.

Kubanische Wurzeln

Ein enges Verhältnis zur Zivilbevölkerung in ihren Operationsgebieten ist für das ELN überlebensnotwendig. Es hat in ganz Kolumbien nur rund 2000 Männer und Frauen unter Waffen, sein UnterstützerInnenkreis aber dürfte um ein Vielfaches grösser sein. Anders als die einst bis zu zehnmal so starke Farc-Guerilla versteht sich das ELN nicht als eine militärische Organisation mit politischen Zielen, sondern umgekehrt als Teil einer politischen Bewegung, der, wenn es die Umstände erfordern, auch zu den Waffen greift. Seine Ursprünge liegen in Kuba. Fidel Castro hatte 1962 rund tausend StudentInnen aus Lateinamerika zu Stipendien eingeladen. Zwanzig junge Kolumbianer absolvierten dort neben ihren Studien auch eine Grundausbildung im Guerillakrieg. Zurückgekehrt, besetzten sie – schon unter dem Namen ELN – am 7. Januar 1965 zum ersten Mal ein Dorf, brachten vier Polizisten um und erbeuteten deren Waffen.

Zu den Erfahrungen mit der kubanischen Revolution und dem Marxismus kam als dritter Grundpfeiler ihrer Ideologie die Befreiungstheologie dazu: Priester, Priesteranwärter und Nonnen gehörten von Anfang an zu dieser Guerilla. Sie ist heute längst keine rein kolumbianische Organisation mehr. Das ELN hat genauso Truppen in mindestens 13 der 24 Bundesstaaten Venezuelas und in Teilen Ecuadors und Guyanas.

Anders als die Farc, für die wegen ihrer Herkunft aus kleinbäuerlichen Milizen die Landfrage immer die wichtigste war, konzentrierte sich das ELN von Anfang an auf die Erdölindustrie und auf Minen. Schon ihr erstes Bombenattentat galt am 17. August 1965 Installationen des damals in Kolumbien operierenden US-Konzerns Texas Petroleum Company. «Der Staat Kolumbien unterhält Streitkräfte von mehr als einer halben Million Soldaten, finanziert aus der Tasche der Kolumbianer, und drei Viertel davon sind dazu da, den Raubzug transnationaler Konzerne zu schützen», sagte Nicolás Rodríguez alias Gabino, der 69-jährige Chef des ELN, einmal. «Zu verhindern, dass gemeinschaftliche Güter schamlos geraubt werden, ist ein elementarer Akt der Souveränität.»

Wenn die Armee kommt

Im Chocó gibt es viele Minen. Nirgendwo sonst in Kolumbien liegt so viel Gold im Boden. Auch Platin, Silber und Kupfer werden gefördert. Noanamá blieb bislang davon verschont. 2004 kamen die Paramilitärs, damals noch von der AUC, «um die Gegend für die Minenkonzerne zu säubern», erzählt Murillo, der Präsident der Gemeindeversammlung. «Ein Jahr später kam dann die Farc, um uns vor den Paramilitärs zu schützen, und kurz darauf auch das ELN.» Über ein Jahrzehnt lang waren beide Guerillaorganisationen im Dschungel rund um das Dorf aktiv. Seit dem Friedensvertrag zwischen Farc und Regierung hält nur noch das ELN die Paramilitärs auf Distanz. Für das Dorf seien die Gaitanistas derzeit keine Gefahr. «Unser grösstes Problem ist die kolumbianische Armee», sagt Murillo.

Vordergründig gehe es bei den Armee-Einfällen immer um die Kokapflanzungen. Tatsächlich aber wollten die SoldatInnen Informationen über die Guerilla. Zuletzt kamen sie im vergangenen September. «Sie durchsuchen alle Häuser und foltern die Leute, damit sie ihnen etwas erzählen», berichtet Murillo. «Sie fallen über unsere Mais- und Reisfelder her und nehmen die Ernte mit.» Was das Koka angehe, seien alle im Dorf damit einverstanden, es durch andere Pflanzen zu ersetzen – so, wie es im Friedensvertrag mit der Farc festgeschrieben ist: ein freiwilliger Wechsel mit Übergangsgeld und der Möglichkeit, die Ernte zu bezahlbaren Kosten auf den Markt zu bringen. Dazu wären allerdings staatliche Investitionen in die Infrastruktur nötig, und niemand in Noanamá glaubt, dass es sie in absehbarer Zeit geben wird. Der Transport auf Booten über den Río San Juan aber ist viel zu teuer.

«Vor bald einem Jahr haben wir alle einen Vertrag mit der Regierung unterschrieben, dass wir zur freiwilligen Umstellung bereit sind», erzählt der Präsident der Gemeindeversammlung. «Wir haben sogar ein Kataster mit allen Kokapflanzungen aufgestellt und es ihnen gegeben.» Seither ist nichts geschehen. Stattdessen will der rechte Präsident Iván Duque Kokafelder wieder aus der Luft mit dem berüchtigten Herbizid Glyphosat besprühen lassen. «Mit dem Kataster wissen sie nun genau, wo sie sprühen müssen», sagt Murillo, und er weiss, was das bedeutet. Früher hätten die Sprühflugzeuge erst über dem Sportplatz abgedreht und das halbe Dorf in einen Nebel aus Glyphosat getaucht.

Verhandeln mit allen Seiten

Wenn die Armee kommt, ist nicht mehr Murillo die wichtigste Person im Dorf. Er geht dann zu Jesusita Moreno, einer knapp sechzigjährigen Frau, die einen Tante-Emma-Laden betreibt. Sie war früher einmal Präsidentin der Gemeindeversammlung und zieht noch immer die Fäden. Obwohl sie mürrisch, verschlossen und immer müde wirkt, sagen ihr alle ein unglaubliches Verhandlungsgeschick nach. Sie nimmt dann Kontakt zum Kommandanten der ELN-Einheit im Dschungel auf und sagt ihm, er solle auf Angriffe verzichten. Die Zivilbevölkerung könnte ins Kreuzfeuer geraten. Eine Woche Besetzung ist allen lieber als ein Gefecht mitten im Dorf.

Moreno ist auch Mittlerin zwischen der Guerilla und Konzernen. Als ein kolumbianisches Bergbauunternehmen an einem noch unverseuchten Nebenfluss des Río San Juan eine Goldmine eröffnen wollte, überbrachte sie die Bedingungen des ELN. «Ich sagte den Vertretern des Unternehmens, sie müssten für jede einzelne Maschine, die sie bringen, fünf Millionen Pesos Steuern im Monat bezahlen», umgerechnet 1600 Franken. «Sie haben lieber verzichtet, als ihre Maschinen aufs Spiel zu setzen.»

Auch zu den Gaitanistas hält Moreno Kontakt. «Was soll ich auch tun? Ich muss mit ihnen reden.» Sie hat mit ihnen vereinbart, dass sie die Grenze zwischen ihrem eigenen Gebiet und jenem des ELN respektieren. «Aber nun wurde der Kommandant ausgewechselt, und der neue will weiter in den Süden vordringen.» Wenn er es versucht, drohen Noanamá ähnliche Verhältnisse, wie sie derzeit im Norden an der Grenze zu Panama herrschen.

«Wenn etwas passiert, bist du tot»

Die AGC wird schon jetzt aggressiver. Auf der Rückfahrt den Río San Juan hinauf nach Istmina wird unser Kahn von einem kleinen Motorboot überholt. Die beiden Männer an Bord tragen zivile Kleidung: Jeans, karierte Hemden, Sonnenbrillen. Jeder hat einen Rosenkranz umgehängt. Aber sie tragen auch Waffen: halbautomatische Neun-Millimeter-Pistolen. Sie drängen unseren Kahn auf eine Kiesbank im Fluss, der Jüngere der beiden springt herüber und hält uns in Schach. Der Ältere stellt sich vor: «Es ist für niemanden hier ein Geheimnis, dass wir von den Autodefensas Gaitanistas sind.» Man habe uns beobachtet, wir seien ohne ihre Genehmigung durch ihr Gebiet gefahren, und das sei verboten. Und man habe gesehen, dass wir fotografierten. Das sehe sehr nach Spionage aus. Er müsse mindestens unsere Kameras beschlagnahmen.

Wir beginnen zu verhandeln. Es irritiert den Wortführer, dass wir Journalisten sind, dazu auch noch ein Ausländer. Er will die Presseausweise sehen und sagt dann: «Gut, aber die Speicherkarten mit den Fotos nehme ich mit.» Wir verhandeln weiter. Er scheint Widerspruch nicht gewohnt zu sein. Unser einheimischer Bootsführer schaltet sich ein. «Ich verdiene mein Leben hier auf dem Fluss», sagt er. «Wenn das Spione wären, würde ich nicht mehr lange leben.» Das überzeugt den Wortführer. Der Jüngere springt zurück zu ihm ins Boot. Bevor sie abdrehen, sagt der Ältere zu unserem Bootsführer: «Wenn in den nächsten Tagen hier etwas passiert, dann bist du tot.»

Solange Paramilitärs so unverfroren operieren, wird das ELN die Waffen nicht niederlegen. Es führte zwar ab Februar 2017, nach drei Jahren geheimer Vorgespräche, Friedensverhandlungen mit der Regierung, zunächst in Quito, dann in Havanna. Über eine gemeinsame Agenda aber kamen die beiden Parteien nicht hinaus. Der rechte Präsident Duque, seit August vergangenen Jahres im Amt, stellte zunächst für das ELN unerfüllbare Vorbedingungen. Nach einem Bombenattentat der Guerilla im vergangenen Januar auf eine Polizeischule in Bogotá mit 22 Toten brach er die Gespräche ab.

Duque stellt sich vor, dass das ELN den mit der Farc abgeschlossenen Friedensvertrag übernimmt und sich einem Prozess unterzieht, der im Jargon der Verhandlungen «DDR» genannt wird. Das Kürzel steht für Entwaffnung (desarme), Demobilisierung und Reintegration. Die Kampfverbände der Guerilla sollen sich an vorher festgelegten Orten sammeln, dort ihre Waffen abgeben und dann in die Zivilbevölkerung integriert werden. Für das ELN kommt das nicht infrage. Es widerspricht allem, wofür es kämpft. Eine Demobilisierung werde es nie geben, sagen die VerhandlungsführerInnen. Das ELN werde auch nach einem Friedensvertrag die Bevölkerung weiter mobilisieren, dann eben ohne Waffen. Eine Reintegration sei nicht nötig, weil die Guerilleros in ihren Operationsgebieten längst in die Bevölkerung integriert seien. Und die Waffen werde man erst dann niederlegen, wenn sie zur Verteidigung der Bevölkerung nicht mehr nötig seien: wenn es keine Paramilitärs mehr gebe und auch keine Übergriffe von Polizei und Armee. Kurzum: Das ELN wird als bewaffnete Organisation erst dann verschwinden, wenn Kolumbien sich tiefgreifend verändert hat.

Der gescheiterte Frieden

Den Friedensvertrag mit der Farc will das ELN schon gar nicht übernehmen. Darin steht zwar viel darüber, dass und wie die Ursachen des Krieges beseitigt werden sollen. Bis heute ist aber in dieser Hinsicht so gut wie nichts geschehen. Jairo Cala ist einer von denen, die diesen Vertrag für die Farc unterschrieben haben. Er war unter dem Namen Jairo Quintero Comandante der Guerilla, dann einer der Unterhändler bei den Gesprächen mit der Regierung und ist heute Parlamentsabgeordneter und Sprecher der zur Partei gewordenen Farc. Klein und schmal sitzt er im schwarzen Anzug und weissen Hemd in seinem engen Büro im Parlamentsgebäude, das schulterlange schwarze Haar hat er streng nach hinten gekämmt und zu einem Schwänzchen zusammengebunden. «Wir waren uns darüber im Klaren, dass wir es mit einer Oligarchie zu tun haben, die täuscht und verrät», sagt er. «Wir wussten, dass sie auch diesmal keine Ausnahme machen würde.» Aber man habe sich doch erhofft, «dass wir die Möglichkeit haben würden, andere Vorschläge einbringen zu können, mit denen das Leben der Mehrheit ein bisschen würdiger werden könnte».

Bescheidene Ziele, die nicht einmal für die eigenen Leute erreicht wurden. Es gibt noch immer Sammelpunkte, an denen die ehemaligen Guerilleros leben wie in einem Dschungelcamp. Baumaterial wurde nie geliefert. Genauso wenig gab es die im Friedensvertrag versprochene Anschubfinanzierung für die vorwiegend landwirtschaftlichen Betriebe, in denen die Entwaffneten ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. «Bislang ist uns noch kein Land übertragen worden», sagt Cala. «Die Frustration ist gross.»

Rund vierzig Prozent der 7000 entwaffneten Farc-KämpferInnen haben sich deshalb vom Friedensprozess verabschiedet. Einige haben sich dem ELN angeschlossen, andere kriminellen Banden. Und es gibt zwölf Fronten von sogenannten Farc-DissidentInnen. Selbst Iván Márquez, der Verhandlungsführer der Farc bei den Friedensgesprächen, hat auf seinen Parlamentssitz verzichtet und sich im April mit einem bitteren Brief verabschiedet. Seither ist er verschwunden. Cala findet diese Entscheidung falsch. «Soziale Veränderungen erreicht man heute nicht mit Waffen», sagt er. «Das mag in zehn oder fünfzehn Jahren wieder anders aussehen.» Noch in diesem Jahr werde es wieder Friedensverhandlungen zwischen der Regierung und dem ELN geben. Alles andere führe derzeit zu nichts.

Wenn Luis Emiro Murillo, der Präsident der Gemeindeversammlung von Noanamá, an die Möglichkeit eines Friedensvertrags denkt, dann ist er um den Schlaf gebracht. «Wenn das ELN geht, kommen die Paramilitärs ins Dorf.» Er weiss, was das bedeutet: «Sie veranstalten heute keine grossen Massaker mehr», das würde für zu viel Aufsehen sorgen. «Sie bringen gezielt die Leute um, die die Bevölkerung organisieren.» Leute wie ihn, wie Luis López oder wie Jesusita Moreno. Über 400 solcher gezielten Morde hat es in Kolumbien seit dem Friedensvertrag mit der Farc schon gegeben. Das Ziel ist klar: «Sie verbreiten Angst, damit die Bevölkerung geht. Dann können die Bergbaukonzerne kommen.»

Keine Stunde nach dem Gespräch taucht auf der nächtlich dunklen Strasse von Noanamá eine Guerillera auf, sehr gross, feingliedrig und umgänglich, mit militärisch kurzem Haarschnitt. Sie muss schon eine Weile hier gewesen sein, irgendwo in einem Haus. Auf der Strasse wäre sie aufgefallen. Sie ist noch keine 35 und schon seit zwanzig Jahren beim ELN. Sie hat zwei Kinder, die sie regelmässig besucht. Sie plaudert vom Leben draussen mit der Guerilla, davon, dass man sich auf härtere Zeiten einstelle und kein Lager für mehr als eine Nacht aufschlage. Was sie über Friedensverhandlungen denkt, müsste Murillo beruhigen. «Ach», sagt sie, «alles nur Zeitverschwendung.» Sie könne es nicht mehr hören. Dann muss sie aufbrechen, geht hinaus aus dem Dorf in die Nacht, in den Dschungel.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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