Nr. 19/2020 vom 07.05.2020

Das Dorf um die Kathedrale herum

Das Dorf Puerto Merizalde liegt mitten im kolumbianischen Dschungel. Die EinwohnerInnen sind Nachfahren geflohener SklavInnen, die sich mit neuem Selbstbewusstsein gegen Paramilitärs wie gegen Bergbaukonzerne zur Wehr setzen.

Von Toni Keppeler (Text) und Andrés Vanegas Canosa (Fotos), Puerto Merizalde

Der Weg nach Puerto Merizalde führt in die Wildnis. Die einzige Verbindung in dieses Dorf mitten im Dschungel geht über Buenaventura, die mit knapp einer halben Million EinwohnerInnen wichtigste Hafenstadt Kolumbiens. Sie ist umtriebig, laut, schmutzig und gefährlich.

Buenaventura ist bekannt für grausame Morde und sogenannte «Zerstückelungshäuser», in denen kriminelle Banden ihre Opfer, oft bei lebendigem Leib, in Teile zersägen und danach in den Armenvierteln ausstellen, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Viele dieser Hüttenviertel sind auf Stelzen in die Bucht vor der Stadt hinausgebaut. Über Buenaventura kommen nicht nur die meisten Importwaren ins Land. Von dort aus stechen auch nachts von versteckten Anlegestellen Schnellboote in die See und bringen Tonnen von Kokain in den Norden.

So ein Schnellboot, allerdings ein legales, bedient auch die Strecke zwischen Buenaventura und Puerto Merizalde. Es ist aus Fiberglas, lang gestreckt und schlank, mit zwei wuchtigen Aussenbordmotoren und einem Zeltdach, das die PassagierInnen in dieser tropischen Gegend viel öfter vor dem Regen als vor der Sonne schützt. Die pazifische Küste Kolumbiens gehört zu den regenreichsten Gegenden der Welt. Der tiefgraue Himmel hängt dunkel und schwer über dem Meer, aber heute bleibt es trocken.

Eine gute Stunde lang hüpft das Boot über die Wellen des Ozeans Richtung Süden, vorbei an den hohen Klippen des Naturschutzgebiets Los Farallones. Dann steuert es hart aufs Land zu, dorthin, wo der Río Naya ins Meer mündet. Dort, wo sich das salzige Meerwasser mit dem Süsswasser des Flusses mischt, stehen Mangroven auf hohen Wurzeln am Ufer. Der Río Naya ist hier weit über fünfzig Meter breit und führt in vielen Windungen durch dichten Dschungel. Landeinwärts wird er immer enger und ist manchmal nur noch kaum über zehn Meter breit. Immer wieder tauchen Bänke aus Schlamm und Sand aus dem Wasser, aber der Bootsführer kennt die schmale Fahrrinne und fährt volle Kraft voraus. Der Lärm der Motoren übertönt die Geräusche des Regenwalds. Man ahnt kaum, dass in ihm über 600 Vogelarten, 200 Säugetierarten, 100 verschiedene Reptilienarten und 120 Amphibienarten leben. Man sieht nur üppiges dunkles Grün und einmal drei schwarze Wildschweine, die viel kleiner als ihre europäischen Verwandten sind und wie putzige Ferkel daherkommen. Sie schwimmen mitten im Fluss.

Ein Passagier macht den Steuermann darauf aufmerksam. Dieser stoppt die Motoren, dreht ab und lässt das Boot direkt auf die drei Tiere zutreiben. Sie sind zutraulich, schnuppern neugierig am Bootsrand. Eine kräftige Frau greift zur Machete und schlägt damit auf die Köpfe der Schweine ein. Die PassagierInnen feuern sie in der Aussicht auf eine unverhoffte Fleischration an. Nur Ulises Zamora, ein schmaler Mann von vielleicht dreissig Jahren, wird grau im Gesicht und verdrückt sich ans andere Ende des Schiffs. Als er dieses knirschend splitternde Geräusch hört, das entsteht, wenn die scharfe Schneide einer Machete auf einen Knochen trifft, wird ihm schlecht. «Ich kann das nicht hören», sagt er.

Die Frau arbeitet kraftvoll und präzise. Es dauert kaum mehr als zwei, drei Minuten, dann werden die blutigen toten Tiere aufs Boot gezogen. Keine zwanzig Minuten später, nach gut zweistündiger Fahrt, kommt auf der rechten Seite des Río Naya Puerto Merizalde in Sicht. Der Fluss ist hier weiter und seicht, das Ufer ein breiter Strand aus Kieseln. Diesem Strand gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses, steht eine Reihe anscheinend frisch gestrichener schicker Bungalows auf Pfählen. Sie machen eher den Eindruck einer gehobenen Hotelanlage als von Familienunterkünften im Dschungel. Fotografiert werden dürfen sie nicht, werden BesucherInnen unterrichtet. Die Besitzer mögen das nicht. Sanft setzt das Boot auf dem Kiesstrand auf, die PassagierInnen springen ins nicht einmal knietiefe, grünliche Wasser und waten an Land.


Puerto Merizalde hat, zusammen mit allen dazugehörenden, im Dschungel verstreuten Weilern, rund 5000 EinwohnerInnen. Nicht einmal die Hälfte davon wohnen im Ort selbst. Andere Dörfer mögen eine Kirche haben, hier ist es anders herum: Puerto Merizalde ist eine Kirche mit einem Dorf. Das Gotteshaus dominiert die Siedlung und wäre von der Grösse her einer Kathedrale in der Hauptstadt würdig. Aus der Ferne wirkt es wie ein übergrosses Modell aus Karton. Zwei hohe, schlanke Türme mit hohen, rechteckigen, glaslosen Fenstern; eine Lautsprecheranlage ersetzt die Glocken. Zwischen den Türmen steht auf dem Giebel des lang gestreckten Hauptschiffs eine winzige Marienfigur und ihr gegenüber, am anderen Ende des Dachs, ein riesiger, gut sieben Meter hoher Christus, der segnend die Arme zum Himmel erhebt. An seiner linken Hand sind Daumen und Zeigefinger abgebrochen. Auch die meisten der hohen, schmalen Fenster des Kirchenschiffs sind zerbrochen. Es gab in den vergangenen Jahrzehnten zu viele Schiessereien im Dorf und zu wenig Geld, um die zersplitterten Scheiben zu ersetzen.

Rund um die Kirche stehen Palmen, ein bisschen weiter entfernt befindet sich ein Fussballplatz aus Beton. In den beiden Teams kicken Jungen und Mädchen, die meisten spielen barfuss. Es gibt eine kleine, aus Holz gebaute, überdachte Ladenpassage mit Verschlägen, in denen Lebensmittel, Haushaltsgeräte oder Zubehör für Mobiltelefone angeboten werden, eine Grundschule, eine kleine Krankenstation. Und es gibt Reihen von Hütten aus Holz mit Dächern aus rostigem Wellblech, malträtiert vom Regen und von der Sonne. Die meisten sind wegen der Überschwemmungsgefahr bei tropischen Wolkenbrüchen auf Pfählen gebaut. Auf der einen Seite solcher Häuserzeilen führt ein Weg vorbei, auf der anderen ein schlammiger, modrig stinkender Kanal, an dem ausgebleichte Einbäume liegen. Dieser Kanal ist Toilette, Abwasserleitung und Verkehrsweg in einem.

Wasserleitungen gibt es nicht in Puerto Merizalde. Man sammelt Regenwasser zum Kochen und Trinken, das Geschirr wird im Fluss gespült. Dort wird auf ins knietiefe Wasser gestellten Tischen auch die Wäsche gewaschen, und noch tiefer im Fluss wäscht man sich selbst. Strom kommt aus einem Dieselgenerator, zwischen vier Uhr am Nachmittag und elf Uhr in der Nacht. Danach ist es dunkel und still. Der Staat, der eigentlich für die nötige Infrastruktur sorgen sollte, hat dieses Dorf nicht vergessen; er hat es niemals wahrgenommen.

Sieht man von der Kirche und den schicken Bungalows am anderen Ufer ab, ist Puerto Merizalde ein typisches Dorf von AfrokolumbianerInnen. Es gibt weit über hundert solche Siedlungen, die meisten in schwer zugänglichen Gegenden unweit des Pazifischen Ozeans im Westen oder im Hinterland der karibischen Küste im Norden des Landes. Viele wurden schon in der Kolonialzeit von geflohenen SklavInnen als sogenannte Palenques – Wehrdörfer – gegründet. Das älteste, das rund fünfzig Kilometer von der Kolonialstadt Cartagena de Indias entfernte San Basilio de Palenque, ist schon Ende des 16. Jahrhunderts entstanden und errang nach rund hundertjährigem Krieg gegen die spanischen Kolonisatoren 1691 den Status einer freien autonomen Gemeinde. Es ist die einzige Siedlung, in der man noch das spanische Kreol spricht, jene von SklavInnen geschaffene Sprache, die spanische und verschiedene afrikanische Einflüsse zu etwas ganz Neuem verschmolz. Überall sonst ging diese Sprache verloren. Auch in Puerto Merizalde spricht man heute Spanisch.

Die Traditionen aus Afrika aber haben sich erhalten: die Musik mit Wechselgesängen zwischen VorsängerIn und Chor, begleitet von vielen Trommeln; die gemeinsame Arbeit, durch die das erledigt wird, was eigentlich Aufgabe des Staats wäre. So haben die EinwohnerInnen Geld für Sand und Zement gesammelt und die meisten Wege im Dorf in freiwilligen Einsätzen betoniert. In der Regenzeit gibt es nun keine Schlammpisten mehr, in deren Pfützen sich die Moskitos vermehren könnten. Das urbar gemachte Land rund ums Dorf ist in Gemeinbesitz. Man baut Mais an, Bananen und Maniok, Bohnen und Reis. Keine Landwirtschaft mit Gewinnstreben. Es geht nur darum, dass alle genügend zu essen haben.

Die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und die Familienstruktur dagegen kommen nicht aus Afrika, sondern sind ein Erbe der Sklaverei. Unter den kolumbianischen SklavenhalterInnen war es üblich, dass die stärksten Arbeiter ausgewählt wurden, um mit den kräftigsten Frauen Kinder zu zeugen; Mutterschaft war Arbeit, die Kinder waren Besitz der SklavenhalterInnen. Heute ist die einzige Blutsverwandtschaft, die zählt, diejenige zwischen Mutter und Kind. Die Väter sind unbedeutend. Wenige Paare bleiben länger zusammen. Kindererziehung ist Gemeinschaftsaufgabe, alle Erwachsenen sind den Kindern Onkel oder Tante.


Fast das gesamte Naya-Tal ist von solchen Dörfern geprägt. Die Nachkommen von aus Afrika verschleppten SklavInnen stellen hier über achtzig Prozent der Bevölkerung. In ganz Kolumbien sind es zwischen zehn und dreissig Prozent – je nachdem, ob man nur diejenigen zählt, bei denen beide Eltern schwarz sind. «Afrokolumbianer zu sein, ist für uns in erster Linie eine Frage der Kultur», sagt Felipe Granja. «Aber es gibt natürlich immer noch Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe.» Granja ist Organisationssekretär des Proceso de Comunidades Negras en Colombia (PCN), einer in Bogotá ansässigen Dachorganisation, zu der sich rund 150 Gemeinderegierungen und Vereinigungen von AfrokolumbianerInnen zusammengeschlossen haben. Sie versteht sich als Menschenrechtsorganisation, die die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Rechte ihrer Mitglieder verteidigt.

Solche Rechte gibt es in Kolumbien. Nach dem Gesetz Nummer 70 von 1993 erhielten die Gemeinden der AfrokolumbianerInnen das Recht auf Selbstverwaltung und auf Gemeinbesitz an Land, das weder veräussert noch verpfändet werden kann. Der Staat ist laut diesem Gesetz verpflichtet, die kulturelle Identität der AfrokolumbianerInnen zu schützen und Programme aufzulegen, die ihre soziale und wirtschaftliche Entwicklung garantieren und zur Chancengleichheit gegenüber dem Rest der Gesellschaft führen sollen. 2003 wurden die Nachkommen der SklavInnen in einem Urteil des Verfassungsgerichts als eigenständige Ethnie anerkannt.

«Das Gesetz Nummer 70 ist in legaler Hinsicht die grösste Errungenschaft unseres Volks», sagt Granja. Seither wurden rund sechs Millionen Hektaren Land mit kollektiven Besitztiteln Afrogemeinden zugesprochen. 256 weitere Dörfer durchlaufen derzeit den Prozess der Anerkennung. Auch Puerto Merizalde und fast das gesamte Tal des Río Naya gehören zu diesen selbstverwalteten Regionen. Die Wirklichkeit in den Dörfern aber ist 27 Jahre nach dem Inkrafttreten dieses Gesetzes noch immer trist. Von Chancengleichheit keine Spur. Das Durchschnittseinkommen von AfrokolumbianerInnen liegt mit 500 bis 600 US-Dollar im Jahr bei etwa einem Drittel des nationalen Durchschnitts. 74 Prozent der formell arbeitenden Schwarzen erhalten Löhne unterhalb des gesetzlichen Mindestlohns. Die AnalphabetInnenquote in ländlichen Afrogemeinden liegt bei 43, in der Stadt bei 20 Prozent – gut doppelt so hoch wie beim Rest der Bevölkerung. 80 Prozent der AfrokolumbianerInnen leben in extremer Armut. Schwarze Gemeindevorsteher, Menschenrechtlerinnen und Umweltschützer gehören zu den häufigsten Opfern von Todesschwadronen. Denn das Gesetz Nummer 70 hat ein paar entscheidende Lücken.

So sind Ländereien in Privatbesitz von der Zuteilung kollektiver Besitztitel genauso ausgenommen wie die Bodenschätze unter der Erde. In vielen Gemeinden im Prozess der Anerkennung findet deshalb ein regelrechter Wettlauf um Land statt. Im Hinterland der karibischen Küste ist es vor allem die Agroindustrie, die sich den Boden für Palmölplantagen sichern will. An der Pazifikküste sind Bergbaukonzerne scharf auf das viele Gold, das dort im Boden liegt. Die neoliberale rechte Regierung unter Präsident Iván Duque steht in aller Regel auf der Seite der Konzerne. Bekommen diese Land oder eine Schürflizenz, gehen die AfrokolumbianerInnen leer aus. Selbst wenn Gemeinden und ihr gemeinsam bewirtschaftetes Land schon anerkannt sind, geben die Konzerne noch lange nicht auf. Oft arbeiten sie mit rechten paramilitärischen Gruppen zusammen, die mordend durch die Dörfer ziehen, bis deren Widerstand gebrochen ist.


Auch in Puerto Merizalde haben Paramilitärs gewütet. Im schlimmsten Jahr – es war 2001 – wurden 150 EinwohnerInnen ermordet. Die ultrarechten Truppen fielen mit Listen ins Dorf ein, suchten die dort verzeichneten Männer und Frauen, die ihnen als SpionInnen der Guerilla galten, versammelten sie auf einem Platz und zerhackten sie dann vor den Augen der anderen mit Macheten. Seither muss sich Ulises Zamora übergeben, wenn er dieses Geräusch hört, das entsteht, wenn eine scharfe Klinge mit voller Wucht auf einen Knochen trifft.

Zuletzt kamen die Paramilitärs vor ein paar Monaten, um einen jungen Mann mitzunehmen. Da versammelte sich das ganze Dorf und machte den Bewaffneten klar: Wenn sie einen mitnehmen, kommen alle mit. Wenn sie einen töten wollen, müssen sie alle töten. Über die vielen Jahre der Auseinandersetzungen sind die Menschen in Puerto Merizalde selbstbewusster geworden und haben gelernt: Wenn sie sich einig sind, dann sind sie stark. Die Paramilitärs zogen ab und liessen den jungen Mann im Dorf.

Auch die Bergbaukonzerne lassen nicht locker. Erst im Februar kam ein grosses Baggerschiff den Río Naya herauf, um weiter oben am Fluss eine Goldmine zu öffnen. «Wir waren vorgewarnt», sagt Aida Luz Gamboa, eine grosse, stämmige Frau, die beim Reden beide Hände in die Hüften stemmt. «Freunde weiter unten am Fluss hatten uns Textnachrichten aufs Mobiltelefon geschickt.»

Die Nachricht ging wie ein Lauffeuer durchs Dorf, die Menschen versammelten sich unten am Fluss. «Wir haben uns nur mit Prügeln bewaffnet, nicht mit Macheten und nicht mit Gewehren. Wir sind mit unseren Booten und Einbäumen hinausgefahren und haben das Baggerschiff abgefangen. Es war voll mit Arbeitern aus Brasilien.» Vorher war abgemacht worden, dass nur einer mit der Schiffsbesatzung verhandeln werde, und dieser machte dem Kapitän klar, dass hier die Fahrt zu Ende sei. Das Schiff drehte ab. «Wir haben es mit unseren Booten begleitet, den ganzen Weg bis hinunter zur Mündung. Wir haben geschrien und mit unseren Prügeln gefuchtelt», erzählt Gamboa. «Erst als das Schiff aufs Meer hinausfuhr, haben wir uns verabschiedet.» Es ist seither nicht mehr wiedergekommen.


Rund 800 000 Schwarze wurden während der spanischen Kolonialzeit nach Kolumbien verschleppt. Sie bauten nicht nur die Festungsanlagen von Cartagena de Indias und arbeiteten auf Zuckerrohrplantagen der dortigen Edelmänner. Man brauchte sie vor allem auch für die Minen. «Der Reichtum von Las Indias besteht aus Gold und Silber, Perlen und Smaragden», schrieb Pedro Zapata, der Gouverneur von Cartagena, am 23. Februar 1648 an den spanischen König Philipp IV. «Es kostet viel Arbeit, diese Produkte aus der Erde zu holen, und es wäre unmöglich, sie zu besitzen, wenn nicht die göttliche Voraussicht die Neger geschaffen hätte. Alle anderen sterben bei dieser Arbeit.»

«Wir haben dieses Land aufgebaut», sagt Felipe Granja im PCN-Büro in Bogotá. «Wir haben für die Spanier das Gold aus dem Boden geholt, wir haben die Zuckerindustrie geschaffen. Wir haben Städte gebaut, Strassen und Brücken; wir stellten die Hälfte der Unabhängigkeitsarmee.» Als dann 1851 – 41 Jahre nach der Unabhängigkeit von Spanien – die Republik Kolumbien die Sklaverei abschaffte, wurden die SklavenhalterInnen grosszügig entschädigt. Die SklavInnen aber bekamen nichts. Diese historische Schuld müsse beglichen werden.

«Wir haben ein Forschungsprojekt am Laufen, in dem untersucht wird, wie gross die Schuld gegenüber den Schwarzen ist», erzählt Granja. Denn eines sei klar: «Es muss Reparationszahlungen geben, die uns kollektiv zugutekommen.» Und wer soll bezahlen? «Zum einen die grossen Oligarchenfamilien, deren heutiger Reichtum auf unserer Zwangsarbeit aufgebaut ist. Aber auch reiche Familien, die aus der Kolonie zurück nach Spanien gegangen sind; wir kennen ihre Namen. Und schliesslich die Nachkommen derer, die mit dem Sklavenhandel reich wurden.» Granja weiss: «Ohne internationale Unterstützung wird es das nicht geben.» Und es wird ein langer Weg sein. Die erste Aufgabe seiner Organisation sei es dabei, sich um das soziale und kulturelle Leben in den Afrogemeinden zu kümmern. Nur so werde das nötige Selbstbewusstsein entstehen, mit dem dann Druck aufgebaut werden könne.

Langsam entsteht in Puerto Merizalde dieses Selbstbewusstsein, und das, obwohl die schlimmen Tage kaum ein paar Jahre her sind. Damals, als noch der Krieg zwischen der linken Guerilla der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (Farc), den rechten Paramilitärs und der Armee wütete, konnte es vorkommen, dass am Morgen eine Einheit der Farc ins Dorf kam und am Nachmittag eine Truppe der Paramilitärs. Und beide nahmen junge Männer mit. Die Farc ist seit ihrem Friedensvertrag mit der Regierung Ende 2016 aus der Gegend verschwunden. Die Paramilitärs haben sich nicht mehr gezeigt, seit sich ihnen die gesamte Bevölkerung entgegengestellt hat. Auch die Gefahr durch Bergbaukonzerne wurde zumindest vorerst gebannt. Ein Anfang ist gemacht. Aber eben nur ein Anfang.


Immer sonntags wird auf dem breiten Kiesstrand am Fluss ein kleiner Markt veranstaltet. Die BäuerInnen aus den Weilern der Umgebung bringen ihre Ernte ins Dorf. An den improvisierten Ständen gibt es Mais und Bohnen, tropische Früchte und Gemüse, Klamotten und Geschirr. Und es wird sündhaft teurer Whisky edler internationaler Marken angeboten, die Flasche zu umgerechnet weit über hundert Franken. Auch ein paar Weisse sind in Schnellbooten mit dicken Aussenbordmotoren gekommen; Männer mit offenen, karierten Hemden und schweren Goldketten auf der Brust, in Jeans mit breiten Gürteln und in Stiefeln. Sie haben Waffen umgehängt. Keine Flinten für die Jagd, sondern handliche Uzi-Maschinenpistolen. Sie sind die Kunden, die sich für den Whisky interessieren. Sie tragen die Flaschen in die schicken Bungalows auf die andere Seite des Flusses. Die anderen gehen ihnen aus dem Weg, sprechen nur hinter vorgehaltener Hand über sie. Niemand will mit seinem Namen zu dem stehen, was gesagt wird. Wegen dieser weissen Männer ist das Fotografieren an diesem Tag auch auf dieser Flussseite verboten.

Seit die Gewalt rund um Puerto Merizalde abgenommen hat, sind die Kokapflanzungen im Dschungel gewachsen. Auch die Labors liegen mitten im Wald. Für Drogenbanden ist das Dorf ein idealer Umschlagplatz: Über den Río Naya gelangt die Ware schnell aufs Meer und von dort über den Pazifik in den Norden, nach Zentralamerika, Mexiko oder gleich in die USA. Das Risiko ist gering, die Polizei hat man hier schon lange nicht mehr gesehen. Auch die Armee kommt nur hin und wieder vorbei.

Zuletzt kam sie Ende Februar, in der Nacht, über den Fluss. Ein langes Boot voller Soldaten lief gegenüber dem Dorf aufs Ufer, die Männer stürmten hinauf zu den Bungalows. In der später herausgegebenen Pressemitteilung der Armee heisst es, man habe nach monatelangen verdeckten Ermittlungen herausgefunden, dass diese Häuser ein Umschlagplatz für Drogen seien – was die Menschen in Puerto Merizalde schon lange wussten.

Drei Männer wurden verhaftet. In vier der Bungalows wurden 51 Kilogramm Kokain und 813 Kilogramm Marihuana gefunden, dazu Chemikalien für Drogenlabore, vier Gewehre, drei Pistolen, ein Revolver und jede Menge Munition. Das hört sich nach viel an. Aber was sind in dieser Gegend schon 51 Kilogramm Kokain und drei Mitglieder einer Drogenbande?

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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