Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Hallo, Landi, gehts noch?

Ruth Wysseier über einen Grosskonzern auf Abwegen

Von Ruth Wysseier

Wir schwenken sanft das Glas, tauchen die Nase rein – eher dumpfe Noten, oxidativ, feuchter Karton. Der Wein rieche müde, sagt ein Kollege. Im Gaumen Restsüsse, wenig Körper, etwas Schmelz. Er macht keine Freude, dieser «Hauswein» aus der Landi. Erstaunlich ist das nicht, wenn der Liter 3.50 Franken kostet. Erstaunlich ist dafür seine Herkunft: Südafrika.

Die Landi, muss man vielleicht dem städtischen Publikum erklären, war einmal einfach der Laden, wo wir Rebscheren, Traubenkisten, Pfähle und Dünger kauften, eine Genossenschaft zur Beschaffung von Produktionsmitteln. Heute verkaufen die Landis auch Plastiktauchmasken aus China für 15.95 Franken und sind Teil des Grosskonzerns Fenaco. Dieser machte letztes Jahr mit 10 000 Mitarbeitenden und den Caves Garnier, den Volg-Weinkellereien und -Läden, mit Agrola-Tankstellen und der Solarfirma Solvatec einen Umsatz von 6,8 Milliarden Franken.

Unsere Landi postet ihren Hauswein also in Südafrika. Warum? Das Resultat einer Entwicklungszusammenarbeit kann es nicht sein, eher schon Diebstahl, bei dem absurd niedrigen Preis. Oder ein Schnäppchen, ein Restposten, der verramscht wird. Die Reise ist gar nicht teuer, wenn Wein in Tanks transportiert wird. Hapag-Lloyd verschifft jährlich fast 300 Millionen Liter Wein, etwa zehn Rappen pro Liter kostet das. Nur das letzte Stück reist der Wein per Lkw zur Abfüllerei und in die Filialen.

In Südafrika gibt es hochwertige Flaschenweine, die in gekühlten Containern exportiert werden und dreissig bis fünfzig Franken kosten – und es gibt Massenweine. Für diese werden die Trauben von Lese-Equipen im Akkord und mit Stempelkarte geerntet. Ein Kontrolleur prüft, ob nicht Blätter oder Steine in den Kisten landen. Wenn der Wein in unserem Laden steht, wurden mit den 3.50 Franken die Ernteleute und die Kellerei in Südafrika bezahlt, Hapag-Lloyd, die Lastwagentransporte, die Abfüllfirma, die Flasche, der Verschluss, die Etikette, die Löhne des Landi-Verkaufspersonals, die Ladenmiete und die Fenaco-Overheadkosten.

Dass die Geschäftsleitung auf dem Gruppenfoto wie eine Versammlung von Bauern ausschaut, täuscht. Fenaco ist topmodern, im Managementslang preist das Firmenleitbild die Nachhaltigkeit: Engagement gegen Foodwaste, für alternativen Pflanzenschutz und die Erhöhung des Frauenanteils im Kader. Die Umsätze steigen konstant, neu ist geplant, die Bauernhöfe zu digitalisieren – um an die Daten der Betriebsabläufe zu kommen.

Einen Lichtblick gibt es vielleicht doch noch: Seit diesem Mai propagiert Di Vino, die vormalige Volg-Kellerei, eine neue Linie namens Varietas, mit der sie die Regionalität und das traditionelle Handwerk von Ostschweizer Winzerbetrieben vermarktet. Und prahlt, dass sie «eine langfristige Zusammenarbeit von mindestens sechs Jahren» garantiert. Langfristig? Nachhaltig? Aber hallo, Fenaco, die Lebensdauer eines Rebstocks beträgt durchschnittlich 25 Jahre.

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee und kauft ihren Wein sonst nicht in der Landi.

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