Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Der Schreck von IT-Riesen und AfD

Eine Begegnung mit der Bürgerrechtlerin und Autorin Katharina Nocun, die für Datenschutz kämpft – und seit Jahren von Rechtsextremen bedroht wird.

Von Daniel Hackbarth, Frankfurt am Main

Katharina Nocun: «Wer kann garantieren, dass die Leute, die bei Face­book in der Chefetage sitzen, nicht abstruse Vorstellungen entwickeln und ihre Algorithmen danach ausrichten?» Foto: Gordon Welters

Datenschutz? Ganz wichtiges Thema! Aber irgendwie auch so prickelnd wie die Aussicht auf ein Wochenende, an dem es den Internetrouter daheim neu zu verkabeln gilt, weil der mal wieder streikt. Ein Glück, dass es Leute wie Katharina Nocun gibt: Nerds mit politischem Bewusstsein, die die digitalen Entwicklungen genau verfolgen und Alarm schlagen, wenn sich irgendwo Bedrohliches abzeichnet. Was ja ständig der Fall zu sein scheint.

Dem Stereotyp vom scheuen Technikfreak entspricht Katharina Nocun nicht. Im Gegenteil: Die 32-jährige Berlinerin tritt selbstbewusst auf und argumentiert eloquent. Als sie vor ein paar Wochen in einer Runde im Frankfurter Museum für Kommunikation sass, in der es um datengeile Digitalunternehmen ging, stellte sie sich mit den Worten vor: «Hallo, mein Name ist Katharina Nocun, ich habe das merkwürdige Hobby, Konzerne mit Anfragen zu nerven, und eine Brieffreundschaft mit Amazon aufgebaut.» So klingt Datenschutz eigentlich ganz kurzweilig.

Verräterische Coupons

Mit ihrer Präsentation spielte Katharina Nocun auf ein Experiment an, das sie für ihr Buch «Die Daten, die ich rief» unternommen hat. Was genau wissen eigentlich Amazon, Google und Co. über uns? Und inwiefern ist dieses Wissen problematisch? Nocun machte sich auf, die Datenspur unter die Lupe zu nehmen, die sie im Internet mehr oder weniger bewusst hinterlässt.

Zum eher Amüsanteren, auf das sie dabei gestossen ist, zählt eine Anekdote, die zeigt, was für intime Rückschlüsse das Datensammeln schon Konzernen ermöglichte, die noch analog Geschäfte machten. Anfang der neunziger Jahre stellte ein Mann den Manager eines US-Supermarkts empört zur Rede, ob dieser denn seine Tochter zu einer Schwangerschaft animieren wolle – die Schülerin hatte Rabattcoupons für Umstandskleidung zugeschickt bekommen. Der Manager entschuldigte sich peinlich berührt und rief einige Tage später erneut den Mann an, um ein zweites Mal Abbitte zu leisten. Da erfuhr er, dass die Tochter tatsächlich ein Kind erwartete: Das anhand der Einkäufe des Teenagers automatisch erstellte Kundenprofil hatte das rascher ermittelt als ihre Eltern. Das Mädchen nutzte nämlich eifrig eine Bonuskarte beim Shoppen.

Der Fall liegt schon ein Vierteljahrhundert zurück, das Geschäftsgebaren der digitalen Riesen heute ist allerdings noch gruseliger – worüber kaum jemand plastischer zu berichten weiss als Katharina Nocun. Zum Interview in einem Café am Frankfurter Mainufer kommt sie ein paar Minuten zu spät und schnorrt sich erst mal am Nachbartisch eine Zigarette; sie wirkt ein bisschen abgeschlagen, sie ist gerade viel unterwegs, um ihr Buch zu präsentieren oder an Podien teilzunehmen. Dann beginnt sie aber zu erzählen: von den vielen Facetten des digitalen Kapitalismus, in dem «kein Bereich unseres Lebens mehr heilig ist vor der ökonomischen Verwertungslogik», wie es in ihrem Buch heisst.

Da wäre etwa das Beispiel Netflix. Ihre Frage nach Datenauskunft bei dem Streamingdienst sei erst nach Abschluss des Manuskripts beantwortet worden, erzählt Nocun – was ein bisschen schade ist, da der Datensatz eine ziemliche Überraschung war. «Netflix speichert nicht nur, welche Filme ich angeschaut habe, sondern auch, an welchen Stellen ich vor- und zurückgespult habe», sagt sie. «Es wird also auch genau protokolliert, wenn ich mir Sex- oder Gewaltszenen mehrmals anschaue.»

Für ihr Buch hatte sie schon den Datensatz angefordert, den der US-Händler Amazon über ihre Person erstellt hat; eine solche Auskunft steht jedeR BürgerIn gesetzlich zu. In der Praxis ist der Weg dorthin aber mühsam: Es brauchte mehrere Anfragen, ehe Nocun endlich ihren vollständig Datensatz auf einer CD zugeschickt bekam. Auch deren Inhalt hatte es in sich.

So speichert Amazon nicht nur Bestellungen, sondern auch, wann und wo diese abgeschickt wurden. Damit lässt sich erschliessen, wie jemand seine Ferien verbringt oder ob es sich um eine Pendlerin handelt. Aber nicht nur das: Der Konzern verzeichnet buchstäblich jeden einzelnen Klick, den die Kundin tätigt. Nocuns Amazon-Akte bestand aus einer Tabelle mit 50 Spalten und unglaublichen 15 000 Zeilen.

Immer wieder betont Katharina Nocun, dass sie nicht technikfeindlich sei – sie ist mit Computern aufgewachsen, ihre Eltern sind beide ProgrammiererInnen. Und natürlich biete Datenanalyse auch Vorteile. Diese sei aber auch in aggregierter Form möglich: «Wenn man etwa merkt, dass bei einer Serie drei Millionen Menschen in Folge vier aussteigen, lässt sich daraus ersehen, wo genau das Drehbuch nicht funktioniert hat.» Individuelle Profile braucht es dafür nicht.

Neue Manipulationsmöglichkeiten

In Sachen Personalisierung hat vor allem Facebook für Aufsehen gesorgt. Anfang 2018 wurde öffentlich, dass die Firma Cambridge Analytica versucht hatte, mittels der Datensätze von NutzerInnen des sozialen Netzwerks Einfluss auf den Präsidentschaftswahlkampf in den USA zu nehmen. Nicht wenige sahen angesichts dieser neuen Manipulationsmöglichkeiten die Demokratie bereits am Abgrund.

Katharina Nocuns Einschätzung ist nüchterner. Sie glaube nicht, dass Annoncen auf Facebook das derzeit grösste Problem seien. «Aber wenn man sich die Studien anschaut, die zeigen, wie viel effektiver Werbung durch Personalisierung wird, beginnt man schon zu hinterfragen, ob man selbst dagegen wirklich so immun ist, wie man vielleicht glaubt», sagt die Datenrechtlerin. Sie schlägt ein generelles Verbot personalisierter Anzeigen vor: Es gebe «keinen rationalen Grund», warum gespeichert werden sollte, wer etwa nach Krankheiten bei Google suche, nur damit später entsprechende Produkte beworben werden könnten.

Darüber hinaus müssten die Algorithmen der Plattformen offengelegt und von einer unabhängigen Instanz überprüft werden: «Wer kann denn garantieren, dass die Leute, die bei Facebook oder Google in der Chefetage sitzen, nicht eines Tages abstruse politische Vorstellungen entwickeln und ihre Algorithmen danach ausrichten?» Auch über die ökonomische Regulierung digitaler Märkte müsse viel mehr geredet werden: IT-Riesen wie Amazon hätten inzwischen eine extreme Marktmacht.

Es ist aber nicht nur der digitale Kapitalismus, der Nocun umtreibt, sondern auch das immer autoritärere politische Klima. Ihre Eltern stammen aus Polen, sie kamen noch vor der Wende nach Deutschland; in ihrer Familie sei das Bewusstsein dafür, was es heisse, unter repressiven Verhältnissen zu leben, sehr ausgeprägt, erzählt sie.

Potpourri an Wahnideen

Bereits vor gut zehn Jahren, als sie sich als Studentin gegen die Einführung der Vorratsdatenspeicherung in Deutschland engagierte, war für Katharina Nocun ein zentrales Argument, es könnte von liberal-demokratischen Parteien ein «schlüsselfertiger Überwachungsstaat» geschaffen werden, der dann irgendwann von Kräften rechts aussen in Empfang genommen werden könnte. Das war auch einer der Gründe, warum sie später der Piratenpartei beitrat, deren politische Geschäftsführerin sie 2013 eine Zeit lang war.

Während die Piraten in der Versenkung verschwunden sind, ist aber mit der AfD tatsächlich eine autoritäre Partei in die Parlamente eingezogen. Als «Mensch mit Migrationshintergrund» verfolge sie diese Entwicklung mit Beklemmung, erzählt Katharina Nocun. «Und als Nerd hat man ja immer, wenn einen eine Sache beschäftigt, den Impuls, zu sagen: Schau ich mir doch mal den Quellcode an!» Also studierte sie eines Abends im Januar 2016 das Programm der AfD Baden-Württemberg.

Über das Potpourri an Wahnideen, das sie da las – von der Leugnung des Klimawandels bis hin zu antifeministischen Tiraden –, schrieb Nocun einen Beitrag für ihren Blog, dann ging sie schlafen. Am nächsten Morgen stellte sie fest, dass ihr Text tausendfach geteilt worden war. Sie habe aufklären und aufrütteln wollen, erzählt sie. Das ist ihr gelungen.

Bis heute erhält sie wegen dieser Geschichte Mord- und Vergewaltigungsdrohungen. Katharina Nocun zückt ihr Smartphone und liest ein Mail vor, in dem sie als «Polackenfotze» beschimpft wird. «Auch die AfD hat bereits einen Text veröffentlicht, in dem meine polnische Herkunft diskutiert wird – als könnte man damit meine Argumente diskreditieren», sagt sie.

In ihrem Buch heisst es: «Dass die Digitalisierung die Macht der Vielen stärkt, ist nur die halbe Wahrheit. Durch die Digitalisierung sind auch die Kosten für die Repression drastisch gesunken.» Daraus lässt sich schliessen, dass in Zeiten des Rechtsrucks die Gefahren der Digitalisierung noch genauer ins Visier zu nehmen sind. Katharina Nocun hat diesen Schluss für sich gezogen, Datenschutz und Bürgerrechte gehörten für sie zusammen, sagt sie. Es ist aber kein leichter Kampf, Freiheitsrechte sind an vielen Fronten bedroht. «Man muss klar festhalten, dass wir vor allem Rückzugsgefechte führen», sagt sie. Was aber diese Anliegen nur noch dringlicher mache.

Es ist tatsächlich ein Glück, dass es Nerds wie Katharina Nocun gibt. Und wahrscheinlich könnte die Welt noch ein paar mehr ihres Schlags vertragen.

Katharina Nocun: «Die Daten, die ich rief. Wie wir unsere Freiheit an Grosskonzerne verkaufen». Bastei Lübbe. Köln 2018.

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