Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Verzeichnis einiger Verluste

Von Florian Keller

Hilfe, was führt denn diese Frau im Schilde? Nackt, wie kein Gott sie geschaffen hat, thront sie auf einem Pflock, ein Schwert über ihrem Kopf in den Himmel gestreckt. Wie eine biblische Judith, bloss dass der Holofernes, dem sie den Kopf abschlagen könnte, nirgends zu sehen ist.

Amanda Palmer geht frontal aufs Ganze auf dem Cover ihres dritten Soloalbums, «There Will Be No Intermission», aber in dem Titel steckt auch bereits eine ironische Brechung. Dieses Opus ist ja voll mit Pausenmusik, jedem der zehn Songs geht ein kurzes Zwischenspiel voraus. Verwunschene orchestrale Miniaturen sind das, instrumentale Atempausen zwischen den Dramen, die Palmer in ihren Liedern episch ausbreitet – zwei davon über zehn Minuten lang, keines kürzer als fünf.

In den Songs gehts oft rückhaltlos ans Lebendige: Abtreibungen, eine Fehlgeburt, der beste Freund, der an Krebs stirbt, der Freitod eines Exfreunds. «It’s just a ride», singt Amanda Palmer zum Auftakt, und es klingt schwer nach Autosuggestion – das Leben eine Reihe schmerzlicher Verluste, mit denen man irgendwie klarkommen muss. In «Voicemail for Jill» singt sie einer Freundin ihr Beileid auf die Combox, weil es sonst niemand tut. Denn Geburten werden gefeiert, Todesfälle werden gemeinsam betrauert, aber eine Frau, die abgetrieben hat, bleibt oft allein mit sich und ihrer Trauer: «It’s a strange grief, but it’s grief».

Eine zarte Klavierballade ist das, ohne die theatralische Schminke, mit der Amanda Palmer einst auf die Popbühne knallte, als die eine Hälfte der Dresden Dolls. Damals, als sie die alte Männerfantasie vom gefügigen Liebesautomaten im Handstreich feministisch umdrehte, mit ihrem «Coin-Operated Boy». Den energetischen Cabaret-Punk von einst hat die 43-Jährige nun zum ausgreifenden Kunstpop verfeinert. Immer noch getragen vom Klavier, manchmal nur von einer Ukulele; stiller und intimer vielleicht, immer noch von unbedingter Wucht – das Leben kennt keine Pausen.

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