Nr. 32/2019 vom 08.08.2019

Kalkül mit Schwanz

Von Bettina Dyttrich

Die Irritation begann schon 2017. Damals wurde der Schweizer Sänger Faber in Deutschland sehr schnell sehr bekannt. Unter anderem mit dem Titelstück seines Albums, «Sei ein Faber im Wind», in dem er sang: «Warum, du Nutte, träumst du nicht von mir?»

«Du Nutte» ist und bleibt eine der grössten Beleidigungen, die ein Mann einer Frau gegenüber aussprechen kann – und das hat nichts damit zu tun, was sie oder er von Sexarbeit hält. «Du Nutte» ist der Moment, in dem sich das patriarchale Zerrbild von der reinen, schönen, treuen Angebeteten nicht mehr aufrechterhalten lässt und in totale Abwertung kippt. Erstaunlich war, wie viele Leute diese Liedzeile verteidigten. Das Lied – oder gleich die ganze Figur Faber – sei doch eine Parodie.

Sein neuer Song ist jedenfalls keine – oder höchstens eine unfreiwillige. Im Refrain von «Das Boot ist voll» hiess es bis vor kurzem: «Besorgter Bürger, ja, ich besorgs dir auch gleich / Geh auf die Knie, wenn ich dir meinen Schwanz zeig / Nimm ihn in den Volksmund, blond, blöd, blau und rein.» Antifaschismus als Vergewaltigungsdrohung? Nach heftiger Kritik hat Faber den Refrain nun ausgewechselt. Das ging so schnell, dass man sich fragt, ob Kalkül dahintersteckt: Zuerst mit dem Wort «Schwanz» in die Medien, und dann reuig tun? Ihm sei mit dem Text von Anfang an unwohl gewesen, behauptet Faber – allerdings singt er das Lied seit Monaten.

Im Video zu «Das Boot ist voll» sonnen sich die sprichwörtlichen hässlichen Deutschen am Strand und werden von einem schwarzen Kellner bedient, bis vier vermummte apokalyptische Reiter heransprengen, das blöde Pack vertreiben und dabei, so wird es zumindest angedeutet, einen Touristenbuben aufspiessen. Das ist selbstgefällig bis zur Schmerzgrenze. Keine Zwischentöne, keine Idee davon, dass die eigenen Privilegien und der eigene Baumwollanzug, in dem Faber da am Flügel sitzt, vielleicht auch mit Gewaltstrukturen zu tun haben könnten. Aber was solls: Wer Faber nicht hört, hat auch musikalisch nichts verpasst.

«Wenn Derbes passt, dann verwende ich es auch in Zukunft», sagte Faber zu «20 Minuten».

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