Nr. 34/2019 vom 22.08.2019

Keine Zigaretten

Michelle Steinbeck liest in einem schottischen Hochsicherheitsgefängnis

Von Michelle Steinbeck

Vor ein paar Wochen bekam ich eine Einladung, die ich mit Ausrufezeichen annahm. Der Book Club eines schottischen Gefängnisses lese gerade meinen Roman; ob ich nicht auf einen Talk vorbeikommen würde.

So fahren vier Frauen frühmorgens aus Edinburgh heraus – meine Übersetzerin Jen, die Initiatorin des Book Clubs, Kirstin, die Koordinatorin des Buchfestivals, Jess, und ich. Erst auf der Autobahn erfahren wir, dass wir auf dem Weg in ein Hochsicherheitsgefängnis für «life sentencers» sind. Und dass Schottland in ganz Europa prozentual am meisten solche lebenslänglich Verurteilte hat. Wir würden heute vier von ihnen treffen: den harten Kern des Book Clubs, Kirstin nennt sie «the men». Mit ihnen arbeite sie seit Jahren – «ich kenne ihre Mütter». Lebenslänglich bedeutet in Schottland im Schnitt etwa 25 Jahre. In der Schweiz wird man in der Regel nach 15 Jahren entlassen – und das Urteil wird seltener ausgesprochen.

Falls es uns nichts ausmache, wäre es schön, wenn wir ihre Hände schütteln, meint Kirstin, «sie wie Menschen behandeln». «Wir lesen eigentlich keine Krimis», erzählt sie weiter, «das interessiert die Männer gar nicht.» Als sie sich zum Besprechen von «The Handmaid’s Tale» getroffen hätten, habe einer der Männer das Buch auf den Tisch gehauen mit den Worten: «Man. Women have it hard!» – «Da wusste ich, ich habe meine Pflicht erfüllt.» Wir fahren auf dem Parkplatz ein.

Als wir in der Bibliothek des Gefängnisses stehen, haben wir – flankiert von Guards – Bodyscanner und diverse Schleusen passiert. Auf uns warten drei strahlende junge Männer: Craig, Stuart und Dean; Andy wird später dazukommen, er hat gerade Besuch. An den Wänden hängen Malereien, Craig zeigt auf ein Porträt und sagt: «Das hat Dean gemacht. Amazing, isn’t it?» Dean winkt ab und fragt, ob er unser Gespräch aufzeichnen könne, für das Gefängnismagazin. Er arbeitet auch in der Bibliothek und schreibt, wie Kirstin sagt, hervorragende Anti-Gefängnis-Artikel.

«Ich habe das Buch noch nicht fertig gelesen», beginnt Stuart, was bei den anderen beiden grosse Erheiterung auslöst, worauf Kirstin ihm aufmunternd auf den Rücken klopft und ruft: «Come on, guys!» Ich lese ein wenig aus dem ersten Kapitel, dann legen sie los: «Mad.» Das sei das Erste, was ihnen eingefallen sei. Sie lesen Passagen vor, die sie besprechen wollen, zitieren frei aus dem Kopf, was ihnen gefallen hat, analysieren und hinterfragen schärfer als jede Literaturkritikerin. Und übers Rauchen wollen sie reden, es werde viel geraucht im Buch. Früher durften sie noch in den Zellen rauchen, seit einem Jahr ist es im ganzen Gefängnis verboten. «Total daneben», meint Dean, «uns von einem Tag auf den anderen kaltzustellen – ganz ohne Unterstützung. So viele Männer hier drin rauchen seit Jahrzehnten, für manche war es die einzige Freiheit, die sie noch hatten.» Dann wollen sie lieber wieder über Literatur reden: Craig schreibt Gedichte, und Stuart schreibt, «aber nicht gut», wie er meint, «eine Art Roman vielleicht», über seine Kindheit, seine Familie. Wir werden unterbrochen von zwei Guards, die eintreten: «Prisoners out.»

Im Auto reden wir nicht mehr viel. Ohne dass wir gefragt hätten, sagt Kirstin, dass sie nie nachgeschaut habe, was ihre Männer aus dem Buchklub verbrochen hätten. Ich frage, wie lange sie noch einsitzen müssten. Sicher zehn Jahre.

Michelle Steinbecks Roman heisst auf Englisch «My Father was a Man on Land and a Whale in the Water». Sie würde gern auch in der Schweiz Buchklubs in Gefängnissen besuchen.

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