Nr. 27/2022 vom 07.07.2022

Hurra, die Dystopie ist da

Michelle Steinbeck über die Entmachtung der Frauen

Von Michelle Steinbeck

«Welcome to The Handmaid’s Tale», schrieb kürzlich Stephen King. Fassungslos schauen wir zu: Im heissen Sommer 2022, mitten im Krieg gegen die Ukraine, in der Klimakatastrophe und der x-ten Coronawelle, wird in den USA das Recht auf Abtreibung entzogen – und diese in mehreren Staaten sofort verboten. Ungewollt Schwangere werden aus Wartezimmern in Kliniken weggeschickt. Es kursieren Aufrufe, aus Überwachungsgründen keine Zyklusapps mehr zu benutzen. Menschen, die schwanger werden können, sind plötzlich potenziell kriminell. Wie konnte das passieren?

Der Vergleich mit Gilead, dem fundamentalistischen Faschostaat, zu dem die USA in Margaret Atwoods Dystopie «The Handmaid’s Tale» geworden sind, kommt nicht von ungefähr. Fruchtbare Frauen sind dort Reproduktionsmaschinen, denen per Gesetz jegliche Selbstbestimmung über den eigenen Körper verwehrt werden soll. Das Bestechende und oft Beklemmende an guter Science-Fiction ist ja, dass sie nicht einfach aus der Luft gegriffen ist, sondern spürbar in der Gegenwart wurzelt und gegenwärtige Tendenzen weiterspinnt.

Das Grusligste an der auf dem Buch basierenden Serie sind denn auch die Rückblicke ins «Davor». Dieses liegt nur wenige Jahre zurück und sieht aus wie die Welt, die wir kennen. US-amerikanische Städte mit belebten Strassen; die Leute bewegen sich frei. Zwei Frauen beenden ihre Joggingroute in einem Café, wo sich der Barista weigert, sie zu bedienen, und sie stattdessen als Schlampen beschimpft – sie tun ihn als übergeschnappten, aber alltäglichen Frauenhasser ab. (Die paar Stunden züchtiger Gilead-Ästhetik in den vorangegangenen Folgen haben übrigens gereicht, dass die «leichte Bekleidung» der Läuferinnen erschreckend auffallend wirkt.)

In anderen Darstellungen von Erinnerungen an die Davor-Welt werden lohnarbeitende Mütter geshamet. Einer lesbischen Professorin werden die Vorlesungen gestrichen – sie solle sich auf ihre Forschung konzentrieren, bis sich die Dinge «beruhigt» hätten. Bald werden alle Frauen fristlos entlassen, sie dürfen nicht mehr arbeiten, ihre Konten werden gesperrt. Die Proteste, die sich dagegen erheben, werden mit scharfer Munition zerschlagen. Es ist zu spät, weiss die Zuschauerin, während der verschämte Ehemann seiner Frau noch ein Formular aushändigt, damit ihr Vermögen an ihn überschrieben wird. Da kommt schon der Szenenwechsel: die Handmaid im Zimmerchen in ihrem Gefängnis des Herrenhauses.

Die Rückblenden zeigen: Die völlige Entrechtung von Frauen, Queers und Andersdenkenden in Gilead geschah nicht von einem Tag auf den anderen. In den heutigen USA ist ein grosser Schritt in diese Richtung jedoch bereits getan. Und weitere werden geplant: Als Nächstes sollen Verhütung und gleichgeschlechtliche Ehen attackiert werden. Auch in der Schweiz ist der weltweite Backlash spürbar: Derzeit sind mehrere Initiativen zur Erschwerung von Abtreibungen hängig. Im Gegenzug wurde in den letzten Tagen eine Unterschriftensammlung gestartet, die die Fristenregelung vom Strafrecht ins Gesundheitsrecht verschieben will.

Parallelen zur Schweiz gibts übrigens auch in «The Handmaid’s Tale»: Während die meisten Staaten das Regime von Gilead offiziell verurteilen, wird in einer Szene mit ausländischen Diplomaten klar, dass sie das – natürlich! – nicht davon abhält, mit ihm in Handelsbeziehungen zu stehen.

Michelle Steinbeck ist Autorin. Zur Recherche für ein Science-Fiction-Stück begann sie kürzlich, besagte Serie zu schauen, deren Aktualität immer bedrohlicher wird.

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