Nr. 35/2019 vom 29.08.2019

Wie der Kapitalismus die Armut besiegte

Rückkehr der Pappkameraden: Der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe will den modernen Kapitalismus als Erfolgsgeschichte erzählen – und verstrickt sich dabei heillos.

Von Michael R. Krätke

Seit der grossen Finanzkrise sind Zweifel am Kapitalismus wieder weit verbreitet. Man kann sich heute wieder postkapitalistische Zustände ausmalen, ohne als SpinnerIn abgetan zu werden. Auch die Geschichte des Kapitalismus ist wieder ein Thema – nur leider nicht bei den KritikerInnen des Kapitalismus, sondern eher bei denen, die ihm noch immer einiges abgewinnen können oder wollen.

So versucht nun der deutsche Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe in seinem 800-Seiten-Buch «Das kalte Herz», die alte wie die neue Kapitalismuskritik zu widerlegen. Die KritikerInnen, so Plumpe, hätten den Kapitalismus nicht verstanden. Der sei nämlich immer schon viel besser als sein Ruf gewesen, und etwas Besseres würden wir auch nicht finden. Plumpes überraschender Schluss: Der Kapitalismus sei eigentlich ein Segen für die Armen, und zwar von Anfang bis heute. Allerdings verstrickt er sich dabei heillos in der linken, marxistischen Kapitalismuskritik, die ihn von Anfang bis Ende seines Buchs nicht loslässt. Das mag damit zusammenhängen, dass er bis 1989 treuer Anhänger der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) war. Heute fragt er sich, wie ein von allen KritikerInnen in Grund und Boden verdammtes Wirtschaftssystem sich derart erfolgreich ausbreiten und behaupten konnte.

Keine Geschichte des Kapitalismus kommt ohne einen Begriff des Kapitalismus aus. Plumpe besteht darauf, dass der Kapitalismus kein System sei, sondern nur ein Bündel von Praktiken, das einer «andauernden Revolution» unterliege. Also könne die hochkomplexe Geschichte des Kapitalismus nur erzählt werden – man brauche historische Erklärungen, keine allgemeinen Theorien.

Krisen gibts nur am Rand

Plumpes Erfolgsgeschichte setzt bei der ersten industriellen Revolution an – die Vorgeschichte, das viele Jahrhunderte währende Zeitalter des Handels- und Finanzkapitals, handelt er in aller Kürze ab. Im Zentrum stehen die knapp 200 Jahre seit dem Durchbruch der industriellen Massenproduktion in der englischen Textilindustrie. Weltkriege und die bislang grösste Krise des Kapitalismus, die Weltwirtschaftskrise der 1920er und 1930er Jahre, werden in einem kurzen Kapital dargestellt. Dafür bekommen der Aufstieg des industriellen Kapitalismus im 19. Jahrhundert und sein Wiederaufstieg ab 1945 breitesten Raum. So wie auch die jüngste Periode der Globalisierung und des endgültigen Siegeszugs des Kapitalismus.

Was ist das Erfolgsrezept des Kapitalismus? Es ist die neuartige Verbindung von kapitalintensiver Massenproduktion mit Massenkonsum. Kapitalistische Produktionsmethoden werden dominant, wenn private UnternehmerInnen nicht nur für den Staat oder für eine betuchte Oberklasse produzieren, sondern die Alltagsbedürfnisse der breiten Massen einschliesslich der Armen bedienen. Um das plausibel zu machen, bedient sich Plumpe immer wieder globaler Daten, etwa der Schätzungen des Ökonomen Angus Maddison. Das Pro-Kopf-Einkommen und das Bruttoinlandsprodukt mögen dann in den meisten europäischen Industrieländern im langen 19. Jahrhundert gestiegen sein, Vergleiche von Daten zur Lohn- und Einkommensentwicklung in verschiedenen Erwerbszweigen und Regionen in den letzten 150 Jahren sprechen eine ganz andere Sprache. Es gibt inzwischen reichlich Daten dazu, aber Plumpe macht kaum Gebrauch davon. Seine Erzählung geht eigentlich erst für die Nachkriegszeit halbwegs auf.

Die marxistische Kapitalismuskritik reduziert Plumpe auf Pappkameraden, der DKP-Marxismus lässt grüssen. Nur wenige SektiererInnen reden heute noch von Verelendung und Massenarmut, noch weniger glauben an einen unvermeidlichen Zusammenbruch des Kapitalismus. Ein wenig subtiler ist die Kapitalismuskritik schon. Die marxistische Ökonomie kennt der Kritiker aller Kapitalismuskritik jedenfalls schlecht. Selbst da, wo er Marx eine zutreffende Erklärung der ökonomischen Krisen im Kapitalismus zugesteht, widersprechen ihm die meisten aufgeklärten ÖkonomInnen.

Vor allem entgeht Plumpe bei seinem Feldzug gegen den Antikapitalismus der dummen Kerls so einiges. Für ihn ist die Dynamik der kapitalistischen Produktion ausschlaggebend. Er hält sogar, zu Recht und in eigenartiger Anlehnung an den von ihm bei jeder Gelegenheit abgekanzelten Marxismus, die Revolutionen im Kapitalismus für die treibenden Momente seiner Geschichte: Finanz-, Handels-, Agrarrevolutionen, industrielle Revolutionen, die Revolutionen der Kommunikation und die Revolution des Massenkonsums, auf die Plumpe so grossen Wert legt. Die gälte es zu erklären, was er aber nicht tut. Denn das ginge nur im Zusammenhang mit der eigentümlichen Dynamik von Krisen und Konjunkturen, die Ökonomen vor und noch lange nach Marx als das entscheidend Neue der kapitalistischen Produktionsweise gesehen haben.

Alles schön herunterspielen

Aber die Krisen und Zyklen spielen in dieser Kapitalismusgeschichte nur eine Nebenrolle. Kurios, denn Plumpe hat schon eine kleine Geschichte der Wirtschaftskrisen wie auch eine Studie über die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1939 geschrieben. Diese aber, die bislang grösste Krise in der Geschichte des Kapitalismus, habe mit dem Kapitalismus gar nichts zu tun gehabt, sondern mit einer Reihe von kontingenten Zeitumständen und schlichten Fehlern, so beeilt er sich zu versichern. Das dogmatische Herunterspielen der grossen und kleinen Krisen in der Geschichte des Kapitalismus ist misslich für jeden, der an seiner Dynamik interessiert ist. Bisher folgte noch auf jede grosse Krise eine deutliche Transformation.

Trotz seiner Abneigung gegen allgemeine Begriffe streut Plumpe immer wieder treffende Charakterisierungen des modernen Kapitalismus ein: Dieser hat kein Zentrum, er wird nicht nach einem Masterplan konstruiert oder entwickelt, er ist mit allen möglichen politischen Regimes vereinbar. Kein aufgeklärter Marxist würde da widersprechen, im Gegenteil. Erst am Schluss präsentiert uns Plumpe das, was er wohl für den unerlässlichen Kern einer Kapitalismustheorie hält: Der Kapitalismus folgt einer Evolutionslogik. Diese hängt erstens am freien Privateigentum, zweitens am Markterfolg, drittens daran, dass die Politik Bedingungen schafft, die beides erlauben. Staat und Politik sind also nur dazu da, die Autonomie der Privateigentümer und die Funktionsfähigkeit des Marktes zu garantieren – für einen Champion der Komplexität des kapitalistischen Geschehens ein bemerkenswert unterkomplexes Konstrukt. Plumpe hält an der uralten, falschen Dichotomie von Markt und Staat fest. Dabei sind diese keineswegs unabhängig voneinander zu sehen; Märkte wie Staaten wie Unternehmen wie PrivateigentümerInnen gibt es historisch nur in der Vielzahl.

Es gibt gute Gründe, die oft moralisierende, oft naive linke Kapitalismuskritik zu kritisieren. Aber man darf dabei nicht die Einsichten vergessen, auf denen diese Kritik basiert. Eine Einsicht, die sich schon bei Marx und Engels findet, fehlt bei Plumpe ganz: Der moderne Kapitalismus führt zu erheblicher Umweltzerstörung. Und deren verheerende Folgen treffen zuerst und in erster Linie die Armen, für die sich nach Plumpes Lesart der ganze Kapitalismus dreht.

Michael R. Krätke ist Professor für Politische Ökonomie an der Lancaster University in England.

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