Nr. 36/2019 vom 05.09.2019

Wo das Geld begraben liegt

Von Barbara Schweizerhof

In anderen Zeiten wäre dieser Anfang eher ein Ende gewesen. Ein gehetzter Dieb verbuddelt seine Beute und tarnt die Stelle als Grab eines Unbekannten, kurz darauf wird er festgenommen. Als er Jahre später aus dem Gefängnis kommt und an sein Geld will, findet er an der Stelle des vorgeblichen Grabs ein Mausoleum, einem «unbekannten Heiligen» gewidmet. Mehr noch, die Stätte ist zum Pilgerort geworden: Leidende aller Art suchen hier Linderung, es gibt einen Stand mit Devotionalien, und am Fuss des Hügels, der vormals einsam in der Gegend stand, ist ein kleines Dorf gewachsen.

Wie gesagt, früher hätte auf diese Weise vielleicht ein blutrünstiger Italowestern sein versöhnliches Ende gefunden, oder auch ein französischer Noir, der noch der Moral gehorchen musste, dass Verbrechen sich nicht lohnen darf. Der dreissigjährige marokkanische Regisseur Alaa Eddine Aljem nimmt es dagegen als Prämisse für eine Glaubens- und Sozialsatire, die desto weitere Kreise zieht, je mehr sie vermeintlich auf der Stelle tritt. Da gibt es die hartnäckigen Versuche des Diebes, doch noch an seine Beute zu kommen, die Mal um Mal vereitelt werden: sei es durch einen anderen Dieb, der es auf die Goldtafel des Mausoleums abgesehen hat, oder durch eine tagelange Prozession von Gläubigen – oder auch dadurch, dass der Dieb selbst wider besseres Wissen plötzlich vor «Grabräuberei» zurückschreckt.

Nebenbei verdichtet sich «Le Miracle du Saint Inconnu» zum hintersinnigen Porträt einer Gesellschaft im Umbruch. Der frisch ins Dorf gekommene Doktor muss die Frustration überwinden, dass man ihn zur Unterhaltung und nicht zur Heilung aufsucht – für Letztere geht man zum Unbekannten Heiligen. Dem Wächter des Mausoleums bereiten die nächtlichen Raubversuche Schwierigkeiten, ein alter Vater quält seinen Sohn mit dem starrsinnigen Glauben, Regen herbeibeten zu können. Wunderbar zeitlos inszeniert Aljem das alles, mit sparsamen Dialogen, reichlich Bildwitz und einer subtilen Kombination aus keatoneskem Deadpan-Humor und einem Hauch von Jacques Tati.  

Jetzt im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch