Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Unter den Armen Wojtylas

Von den Feministinnen auf der Strasse bis zum Klerus auf dem Berg: Im schlesischen Czestochowa werden all die Konflikte sichtbar, die Polen zurzeit umtreiben.

Von Natalia Widla (Text) und Dawid Zielinski (Fotos), Czestochowa

Können Bilder bluten? Und spielt das überhaupt eine Rolle, wenn das Bild ein Marienbildnis ist und auf dem vermeintlichen Blut dieser Maria eine ganze Stadt begründet wurde?

Das Marienbildnis im Kloster Jasna Gora im schlesischen Czestochowa lockt jährlich Millionen PilgerInnen in die Stadt, im ganzen Land nennen die Menschen Maria «die Königin Polens». Von allen Legenden, die sich um sie ranken, ist jene am bekanntesten, nach der bei einem Überfall der Hussiten auf das Kloster im Jahr 1430 einer das Bild auf einen Pferdewagen habe verladen wollen, wobei das Gemälde so schwer geworden sei, dass die Pferde es nicht hätten ziehen können. Da habe der Hussit getobt und mit seinem Säbel zweimal in das Gesicht der Muttergottes geschnitten, woraufhin Blut, echtes Blut, aus den Schnittstellen getreten sei. In manchen Überlieferungen wurde der Soldat dann auch noch von einem Blitz getroffen. Das «Marienwunder» hat Czestochowa als Pilgerort einen internationalen Rang geschenkt. Seit sechs Jahrhunderten befindet sich das Bildnis in diesem bedeutenden Kloster auf dem kleinen Hügel über dieser eher unbedeutenden Stadt.

Fährt man mit dem Zug von Warschau Richtung Czestochowa, ist der Weg gesäumt von Birken. Wie die Eiche zu Deutschland, so gehört die Birke zu Polen. Der Zug bummelt ohne Eile durch die Landschaft. Knapp drei Stunden dauert die Fahrt, und mit jedem Kilometer Entfernung von der Hauptstadt scheint Polen polnischer zu werden. Die meisten Auslandsreisenden, die sich nach Südostpolen verirren, fliegen nach Krakau, manche reisen nach Katowice. Wer nach Czestochowa will, kommt meist mit dem Reisecar – quer durch die 230 000-EinwohnerInnen-Stadt direkt zur Jasna Gora, dem «Hellen Berg».

Das Zentrum nördlich des Bahnhofs wird dominiert vom Boulevard Maria Muttergottes. Er reicht vom Bahnhof bis zur Jasna Gora, als wäre er die Champs-Élysées – und das Kloster der Triumphbogen. Das Pflaster ist neu, der Verkehr beruhigt. Wäre Sommer, würden hier Springbrunnen sprudeln. Und wäre nicht Pandemie, würden hier Menschen flanieren. Und einkaufen: Bücher, Souvenirs, Spezialitäten, vieles mit religiösem Touch. Sie würden die Museen besuchen und den Rathausplatz bewundern. Aber es ist November, und Polen steckt in einem faktischen Lockdown.

Abseits des Boulevards sind die Strassen schlaglöchrig, die meisten Geschäfte geschlossen. Hie und da steht jemand in einem Lokal und starrt, nach Take-away-Kundschaft Ausschau haltend, mit leerem Blick auf die gleichsam leeren Strassen. Spricht man PassantInnen auf die Stadt an, reagieren die meisten irritiert. Warum sollte sich jemand für diesen Ort interessieren? Hier, wo ja nie wirklich etwas los sei – und schon gar nicht, wenn nicht gerade Pilgerfahrten stattfänden?

Gar nicht so christlich

An diesem Abend stehen auf dem Platz vor dem Rathaus Mannschaftswagen der Polizei. Seit dem Beschluss des Verfassungsgerichts vom 22. Oktober, den Schwangerschaftsabbruch auch bei schwerwiegender Behinderung des Kindes zu verbieten, finden sich hier jeden zweiten Abend Protestierende ein, heute sind es rund 200.

Das Gericht sei illegitim, der Entscheid Makulatur, sagt Ola Borowa (35): «Es ist höchstens die Parodie eines Gerichts.» Wie Maria Dluma (38) neben ihr hält auch sie eine grosse Frauenstreikfahne hoch, die Masken der beiden zieren rote Blitze, das Symbol des polnischen Frauenstreiks. Seit Beginn der Proteste hätten sie an fast jedem Spaziergang teilgenommen, erzählt Borowa, Mutter dreier Kinder, die von ihrer Kollegin, die in der IT-Branche arbeitet, als «Businessfrau» bezeichnet wird. «Hajnba!», ruft es von der Bühne, «Schande!» Organisiert werden die Spaziergänge von der LGBT-Organisation Tencza Czestochowa. Zwei Gay Prides haben in den letzten Jahren stattgefunden. «Sonst machen die nicht so viel hier», sagt Dluma, «leider.» Dominik Puchala, der die Pride mitorganisiert und aufgrund der Pandemie auf ein persönliches Treffen verzichtet, sieht das anders: Dass in Czestochowa wenig für LGBT-Personen gemacht werde, sei hauptsächlich das Verschulden der Stadtregierung – dass die Parade 2019 von Hooligans und Neonazis gestürmt wurde, hingegen ein gesamtpolnisches Problem.

Ja, es passiere hier generell nicht so viel, sagt Borowa. Es sei ruhig, fast ein wenig langweilig. Immerhin, seit kurzem kämen die TouristInnen vom Kloster auch in die Stadt hinunter, das sei super, «sie bereichern die Stadt, bringen verschiedene Kulturen rein und konsumieren». Puchala dagegen findet, die Pilgerreisen würden das normale Treiben in der Stadt zum Erliegen bringen und nur wenig zum Tourismus beitragen. Jasna Gora sei ohnehin eine Stadt in der Stadt, und was dort geschehe, habe wenig Einfluss auf das Leben der BewohnerInnen. Und überhaupt: Indem die Lokalpolitik sich immer wieder auf das Kloster als Kern der Stadtidentität berufe, gebe sie dem Klerus eine Wichtigkeit, die es 2020 doch eigentlich zu vermeiden gelte.

Die Beziehung zwischen Klerus und progressiver, laizistischer Politik sei angespannt, bestätigt Borowa. «Die da oben äussern sich nicht zu den Protesten. Sie sagen aber, dass das Antiabtreibungsgesetz wichtig sei und Maria Muttergottes alle Polinnen, besonders uns in dieser Stadt, beschützen würde.» Borowa verdreht die Augen. «Maria hatte wenigstens eine Wahl, der Engel soll sie ja gefragt haben, ob sie das Kind Gottes austragen möchte.» Die Themen Politik und Glauben zögen sich durch alle Generationen und Familien, sagt Dluma: «Wir reden an Weihnachten nicht über Politik. Da beisst du auf Beton.»

Ob Czestochowa eine besonders christliche Stadt sei im religiösen Polen? «Nein», entgegnen beide Frauen. «Was sie über uns sagen, stimmt nicht. Wissen Sie, am dunkelsten ist es immer unter der Laterne», zitiert Maria Dluma ein polnisches Sprichwort: Wo es am christlichsten scheint, ist es am wenigsten christlich. Die Menschen hier seien durchschnittlich – obwohl die Stadt etwas linker als der polnische Schnitt sei. Beim zweiten Wahlgang ums Staatspräsidium in Czestochowa haben fast 56 Prozent den liberalen Rafal Tzaskowski gewählt. Für den PIS-Kandidaten Andrzej Duda sprachen sich nur 44 Prozent aus. Auch Stadtpräsident Krzysztof Adam Matyjaszczyk ist kein Freund der Regierungspartei. Er gehört dem Bund der demokratischen Linken an, einer kleinen Kraft, die bei den Parlamentswahlen auf nationaler Ebene kaum 2,2 Prozent erreichte.

LGBT-Aktivist Dominik Puchala sieht darin aber keinen Vorteil. Gerade für den Schutz von Minderheiten mache die Regierung nur wenig und sei auch sonst nicht progressiver als in anderen Städten. So leide etwa der kommunale Wohnungsbau; besonders Familien und Wenigverdienende würden zunehmend in die Aussenbezirke getrieben.

Kurz vor 21 Uhr löst sich die Demonstration auf, nach wenigen Minuten sind die Strassen wieder leer. Bars und Restaurants bleiben wegen der Pandemie geschlossen. Neben dem Klosterberg, vor einem überaus gepflegten Park mit hohem Zaun und vielen alten Eichen, patrouillieren berittene Polizisten. An diesem Abend fallen hier auch eine Frau und drei Männer auf, die vom Klosterberg herunterkommen. Sie tragen weiss-rote Armbinden – patriotische Zeichen, wie man sie neben klerikalen Symbolen bei vielen rechtskonservativen Gruppen sieht, die sich seit Ausbruch der Pandemie in ganz Polen gebildet haben und sich zum Ziel setzen, Kirchen und Klöster vor den FeministInnen «zu schützen».

«Ein Ort, an dem wir alle frei sind»

Am nächsten Morgen liegt dicker Nebel über der Stadt, das Kloster ist nicht mehr zu sehen. Von Nahem gleicht Jasna Gora einer Festung. Das Kloster und die benachbarten Kapellen, Basiliken und Säle sind von einer Mauer umgeben. Vatikan im Miniaturformat, aber auch ein bisschen Hogwarts – mit Burggräben voller Blätter, mit Türmchen, Kammern und Gängen. Fünf Kanonen stehen da, Rauch steigt aus einem Kamin. Vom anderen Ende der Festung winkt als Statue Papst Johannes Paul II., der 2005 verstorbene Pole Karol Jozef Wojtyla. Gleich nach dem Eingangstor kündet eine Leuchttafel die Gottesdienste an: 16 Uhr Beten für die Einheit der Nation, 17 Uhr Beichte, 20 Uhr Gebet auf Latein.

In der Basilika der Muttergottes herrscht andächtige Stille. Ein paar ältere Menschen beten, einige Frauen knien auf dem Steinboden. Über dem Altar das berühmte Marienbildnis: kleiner, als man denkt, ein bisschen Mona-Lisa-Effekt, ein bisschen Enttäuschung. Aber Marias Gesichtsausdruck ist von reinster Güte. Am prunkvollen Gitter, das den Altar vom Kirchenschiff abtrennt, kniet eine junge Frau mit rot-weisser Armbinde. Im Vorraum der Kirche wirft ein junges Paar Beichtzettel in eine Urne. Nebenan ist die Kapelle der Muttergottes, daran angeschlossen eine weitere prachtvolle Kirche.

Der Klosterberg hat sein Hausmedium: Radio Jasna Gora, eines der vielen christlichen Radios in Polen. Anders als das bekanntere Radio Maria sendet es mehr Gottesdienste und weniger rechte Propaganda und Hass über den Äther. Zu einem Gespräch sind die Mitarbeitenden nicht bereit, stattdessen verweisen sie auf Michael Legan (40), den Pressesprecher des Klosters. In einer kleinen Kammer neben dem Rittersaal bittet er zum Gespräch, ein gross gewachsener Mann mit dunklem Bart, Halbglatze – und ohne Maske, dafür im Messegewand. «Wäre nicht das Kloster, wäre ich nicht hier», sagt er. «Ich liebe diesen Ort seit Kindertagen. Es war meine Bestimmung, hierherzukommen.» Über Politik möchte er nicht reden. Nur: «Die Stadt verändert sich. Und der Boulevard, der zum Kloster führt, wurde ausgebaut. Das ist positiv.»

Und was ist negativ? Legan schweigt. Er sei selten in der Stadt unten. Dann aber möchte er doch über den Frauenstreik vom Vorabend sprechen. «Es tut uns leid, dass diese Auseinandersetzung so einen schmerzhaften Charakter hat, das offenbart eine grosse Wut.» Aber die Demonstrierenden seien eine Minderheit. Ob die Proteste im Kloster ein Thema seien? Ja, man veranstalte seit kurzem Gebete für den Zusammenhalt des Landes und für die Liebe.

Legans Smartphone klingelt: kurzes Kirchenglockengebimmel. Am Telefon geht es um Geld, und als er wieder aufhängt, hat Legan ein Lächeln im Gesicht. Hier lerne er, wenn nicht gerade Pandemie sei, Menschen aus ganz Polen und der ganzen Welt kennen. Einige kämen, um zu pilgern, andere als TouristInnen – und gingen als Gläubige. «Jan Pawel II. sagte, dies sei der Ort, an dem wir alle frei sind.» Ob er sich denn auch frei fühle? «Natürlich. Es geht um die innere Freiheit.» Und ob es Orte gebe, wo er sich nicht frei fühle? Legan überlegt lange, um schliesslich zu antworten: «Jahrelang war das Christentum das Rückgrat dieser Nation, ihre grundlegendste Kraft. Aber seit Jahren steht es unter Beschuss. Dieses Jahr sieht man das sehr deutlich.» Wer denn das Christentum unter Druck setze? «Menschen, die eine andere Vorstellung von der Welt und der Gesellschaft haben.» Auf die Frage, ob Einheit möglich sei, erwidert er: «Ja. Wenn die Menschen Fehler eingestehen und miteinander reden. Die Kirche wäre zum Dialog bereit – als einzige Partei!»

Auf dem Bahnhofsplatz und entlang des Boulevards befinden sich an ein paar Wänden propere Auftragsgraffiti. Im Stadtteil hinter dem Bahnhof dominieren dagegen Graffiti und Schmierereien verfeindeter Fussballklubs. «Rakow» steht da geschrieben, das o als Keltenkreuz. An einer Mauer inmitten einer Blocksiedlung am Stadtrand ist das o rot durchgestrichen. Das gleichschenklige Keltenkreuz ist in Polen ein von der rechtsextremen Partei Nationale Wiedergeburt Polens registriertes Symbol und steht für White Power. Man sieht es immer mal wieder.

Je weiter man sich vom Stadtzentrum entfernt, desto grauer werden die Gebäude, desto verfallener die Strassen. In einem kleinen Laden mit «deutschen Produkten» telefoniert die Verkäuferin, zwischen Fischkonserven und Überraschungseiern umherspazierend, laut über ein Headset. Der Hering ist polnisch, aber nach deutscher Art – und wie alle deutschen Produkte hier teurer als jene lokaler Marken. «Die Menschen mögen die deutsche Qualität. Viele Deutsche gibt es hier aber nicht», sagt die Angestellte. Von der deutschen Diaspora, die in Czestochowa ab der Landnahme deutscher Bauern im 19. Jahrhundert existierte, ist heute kaum mehr etwas spürbar. Einige Strassen weiter: noch ein Laden mit «Niemieckimi Produktami», im Schaufenster drapiert je ein Karton Persil und Ariel.

In der Altstadt, gleich hinter dem Bahnhof, wirken die Fassaden entlang der Hauptstrasse auf eine modische Art alt, dahinter aber wird es schnell wieder grau. Der Bahnhof ist von dieser Seite her eine Baustelle. Und wieder ist da dieser seltsame Geruch polnischer Städte im Winter, geheizt wird mit Braunkohle. Zwischen verfallenen Gebäuden: eine Neubausiedlung mit rund gestutzten Büschen und dahinter die Galeria Jurajska, das grösste Shoppingcenter der Region. Davor Gruppen von Jugendlichen, die E-Zigaretten dampfen. Überall im Land gilt Maskenpflicht. Was bleibt, sind E-Zigaretten und Take-away bei McDonald’s. Beim Dampfen und Essen dürfen die Masken am Kinn hängen.

Katarzyna Siewierska (42) war früher eine dieser Jugendlichen. Sie ist hier aufgewachsen und lebt heute in einem Aussenquartier. Das kleine Hotel Sekwana, wo sie am Empfang arbeitet, liegt etwas abseits des Klosterbergs. Sekwana ist der polnische Name der Seine. Auf dem Logo des Hotels prangt der Eiffelturm, und im Menü des hoteleigenen Restaurants gibt es eine ganze Seite mit «französischen Speisen», alle mit Schnecken. Wie schon in den deutschen Lebensmittelläden wird auch hier eine seltsame Westsehnsucht spürbar, ein Relikt aus vergangenen Zeiten.

PilgerInnen kämen erst an dritter Stelle der Gäste, erklärt Siewierska, die meisten seien wegen der Arbeit hier. An zweiter Stelle kämen Menschen auf der Durchreise. Jetzt bleibt die Kundschaft aus. «Und wir haben doch eine der schönsten Weihnachtsbeleuchtungen in Europa, die wurde auch schon ausgezeichnet!» Siewierska redet schnell. Sie erzählt von ihrer Tochter, der sie immer bei den Deutschaufgaben hilft, schliesslich sei sie selber als Jugendliche ein halbes Jahr im Sprachaustausch in Berlin gewesen und wollte Germanistik studieren, blieb dann aber doch bei der polnischen Sprache. Im Berlin der neunziger Jahre habe sie ihren ersten Döner Kebab gegessen und zum ersten Mal eine Rolltreppe gesehen. Die Arbeit im Hotel schätze sie sehr. Hier begegne man allen möglichen Menschen, immer mal wieder verirrten sich auch internationale TouristInnen hierher. «Religiös sind wir hier aber nicht. Und wissen Sie: Unter der Laterne ist es meist am dunkelsten. Wir rennen nicht jeden Tag den Berg hoch, um zu beten.»

Sicher, es sei schon etwas wenig los hier, gerade für die Jugend. Sonst habe sie aber nicht viel Schlechtes über die Stadt zu sagen, die Menschen seien eher offen und sehr freundlich, und der Stadtpräsident kümmere sich gut um die Stadt. Nur etwas besorge sie: «Die Arbeitslosigkeit. Die hat sich eigentlich nicht verändert, seit ich jung war.» Zwar liegt sie offiziell bei vier Prozent, was unter dem polnischen Durchschnitt ist – doch Siewierska misstraut der Statistik: «Menschen schliessen das Gymnasium ab und finden keinen Job. Du siehst Studierte an der Supermarktkasse.» Sonst aber sei sie zufrieden hier. Sie selber habe früher in Krakau gewohnt, doch jedes Mal, wenn sie weggehe, vermisse sie diesen Ort, «jede Strasse, jede Ecke». Dann schwärmt sie vom Juragebirge, das die Stadt umgibt, von den Schulen und Hochschulen – und zitiert Papst Pawel II., den «Heiligen Vater», der gesagt habe: «Czestochowa ist eine gute Stadt.»

Der Petersdom im Kleinstformat

In einem «Miniatursakralpark» etwas ausserhalb der Stadt steht die höchste Papststatue der Welt. Auf Wikipedia gilt sie neben dem Kloster als Hauptattraktion der Gegend. «Das muss man gesehen haben», steht auf Tripadvisor. Momentan gibt es in Polen rund dreissig solche Miniatursakralparks. «Wie Pilze nach dem Regen» schiessen sie aus dem Boden, heisst es auf noizz.pl. Man macht sich schon etwas lustig darüber in der jüngeren Generation.

Der Miniaturpark bei Czestochowa wirkt verlassen, alles ist verwachsen, der Zaun teilweise eingerissen. Am Schalter steht eine Nummer, die man anrufen sollte, um eingelassen zu werden. Erst beim zweiten Anruf, gut eine Stunde nach dem ersten Versuch, antwortet eine Frau, sie wohne gleich nebenan und würde für zehn Zloty pro Person Eintritt gewähren. Wer die Frau ist und warum sie hier Eintritt verlangt, erfahren wir nicht. Nur so viel: Wir sollten unsere Masken ausziehen, das sei schlecht für die Lunge.

Der Park gehört eigentlich einer privaten Stiftung und steht seit Jahren zum Verkauf. Ein Schild verrät, dass die EU-Kulturkommission einmal Geld in das 2011 eröffnete Gelände gesteckt hat. Der Park ist völlig absurd: der Petersdom im Miniformat, daneben eine lebensgrosse Jesusstatue, betende Kinderfiguren, ein Engel, eine Miniatur der Katakomben des Vatikans und weitere Sakralbauten aus aller Welt im Kleinstformat. Auf einer Parkbank sitzt Johannes Paul II., wobei er gleichzeitig als 14-Meter-Monument über allem wacht. Die BetreiberInnen wollten 2013 damit ins Guinness-Buch, hatten jedoch aus Mangel an Interesse keinen Erfolg. Nun ragt Wojtyla mit ausgestreckten Armen über die Baumkronen und diesen gottverlassenen Park mit seinen geschlossenen Restaurants und Souvenirläden, verwitterten Miniaturen, ausgebleichten Infotafeln und abgesperrten Klettergerüsten.

Neben dem Park befand sich früher ein Feriendorf. Rund fünfzehn Häuschen, zweistöckig und spitzgiebelig im Stil einer Waldhütte, stehen hier zwischen meterhohem Gras und leeren Wodkaflaschen. Obdachlose haben hier wohl eine Zeit lang gewohnt, Jugendliche Partys gefeiert. Wann hier genau der Anfang vom Ende begann, ist schwer auszumachen.

Später, weit oben auf den berühmten jurassischen Kreidefelsen, sieht man von weitem, wie der Papst Richtung Jasna Gora blickt und die Stadt zu segnen scheint.

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