Nr. 35/2013 vom 29.08.2013

Im Reich der Narcos

Culiacán ist die Wiege des Drogenhandels in Lateinamerika. Seit über hundert Jahren lebt die Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaats Sinaloa von Opium, Marihuana und Kokain. Das prägt auch die Kultur der Region: die Mode, die Architektur, das Schönheitsideal, selbst den Glauben.

Von Toni Keppeler, Culiacán

Jesús Malverde wird von der römisch-katholischen Kirche als Heiliger nicht anerkannt, und sollte es ihn je gegeben haben, dann wäre ihm das völlig schnurz gewesen. Er wird von all jenen verehrt, die so sind, wie er gewesen sein soll: von den Ganoven, den Gesetzlosen, denen aus der Unterwelt.

Jesús Malverde, so erzählt die Legende, sei am Heiligen Abend des Jahres 1870 als Sohn armer Leute geboren worden, auf dem Gehöft Mocorito in der Nähe von Culiacán, der Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaats Sinaloa. Früh schon sei er Waise geworden und habe sich mit Sklavenarbeit auf einem Landgut durchschlagen müssen. Aber er habe aufbegehrt gegen den Patrón, sei in den Wald gegangen mit einer Pistole, habe reichen Leuten aufgelauert, sie überfallen und die Beute dann an die Armen verteilt. Er sei immer dreister geworden, habe die Häuser der Grossgrundbesitzer in Culiacán ausgeraubt. Im Palast des Gouverneurs General Francisco Cañedo habe er den Waffentresor aufgebrochen und das Schwert entwendet. Der General schickte seine Häscher nach ihm, und die stellten ihn, am 3. Mai 1909, im Wald auf dem Weg nach Navolato. Sie erhängten ihn daselbst.

Heute ist Jesús Malverde der Schutzheilige der Drogenhändler, und von denen gibt es sehr viele in Culiacán. Sie kommen in seine Kapelle und beten ihn an, Dutzende an jedem Tag. Der Wallfahrtsort ist eher unscheinbar und liegt an der vierspurigen, viel befahrenen Avenida Insurgentes, der Strasse der Aufständischen. Von aussen sieht der Schrein ein bisschen aus wie ein Blumengeschäft. Grün gestrichene Betonbänke stehen auf dem Bürgersteig; das Vordach wirft einen breiten Schatten, der bei vierzig Grad Hitze willkommen ist. Auf Tischen sind Devotionalien ausgelegt: Schlüsselanhänger in Form eines Kreuzes mit dem Porträt von Malverde in der Mitte, eine Broschüre mit der Heiligenlegende, Volksmusikplatten mit Corridos auf den Helden, die Umschläge zeigen sein Porträt vor einem grossen Marihuanablatt, auch Schnittblumen und Kerzen, viele Kerzen.

Der Händler in Badeschlappen

Der Eingang in das verwinkelte Reich aus einem halben Dutzend Sälen führt durch eine schmiedeeiserne grüne Tür, auch die Fenster sind grün vergittert. Ein Saal gleicht dem anderen: ein grosses Podest, überladen mit den immer selben Büsten des Vergötterten. Weisses Hemd, schwarzes Halstuch, die schwarzen Haare nach hinten gekämmt. Stechend blaue Augen und ein schmaler schwarzer Schnauz. Die Figur ist ein Fantasieprodukt im Disneyrealismus: ein bisschen Pocahontas, ein bisschen Lucky Luke. Dazwischen brennende Kerzen und weisse Lilien, Zigarren und Rum als Gaben. Die Wände sind mit Dankesplaketten gepflastert. Standardformulierungen, wie man sie von Wallfahrtsorten kennt. «Dank an Gott und Malverde für die Wunder, die wir erfahren durften», schreiben Omar Burgos und Verónica Salas aus Guadalajara/Jalisco. Die Toiletten sind links.

Still steht ein grosser, kräftiger Mann vor den Büsten, das Gesicht von der Sonne verbrannt und verknittert. Er ist, wie man so sagt, im besten Alter. Schlohweisses volles Haar, ein kräftiger Schnauzbart. Das Hemd rot kariert, der Gürtel der Jeans wird von einem breiten silbernen Koppelschloss gehalten. Cowboystiefel. Den cremefarbenen breitkrempigen Hut setzt er erst draussen wieder auf.

Zwei junge Männer, kaum über zwanzig, mit kurzen Haaren und Sonnenbrillen, kommen plaudernd und lachend dahergeschlendert. Sie tragen lässige Rappermode aus teuren Boutiquen. Im Schlepptau haben sie eine etwas überschminkte junge Frau in körperbetontem Outfit. Lange schwarze Haare, runde Brüste und ein runder Hintern auf schlanken, gefährlich hohen Absätzen. An einem der Tische suchen sie drei Kerzen aus, bezahlen und gehen andächtig in die Kapelle.

Ein wuchtiger weisser Hummer-Geländewagen mit abgedunkelten Scheiben rollt langsam auf der Strasse heran. Das Auto hält an, exakt so, dass man von der Rückbank aus direkt durch die Tür des Kirchleins auf den Hauptaltar blicken kann. Niemand steigt aus. Es mögen drei oder vier Minuten sein, die der Wagen dort steht, und es ist, als hielten die Devotionalienhändler so lange den Atem an. Dann rollt der Hummer sachte wieder weg. Einer der Händler, in Badeschlappen, Jeans und einem T-Shirt mit dem Porträt Malverdes, geht ein paar Schritte abseits und flüstert wichtigtuerisch in sein Mobiltelefon. Das macht er alle paar Minuten. Seine Grösse passt zu der von Joaquín «El Chapo» Guzmán, und auch die Gesichtszüge erinnern an die wenigen Fotos, die von dem reichsten, mächtigsten und meistgesuchten Drogenboss der Welt bekannt sind (vgl. «Ein Drogenboss alter Schule», Seite 17). Das wäre doch was: El Chapo verkauft Devotionalien vor der Kapelle von Jesús Malverde. Die perfekte Tarnung!

Am Anfang war das Opium

Wer als Fremder länger bei Malverde verweilt, als es für einen touristischen Kurzbesuch angemessen wäre, wird misstrauisch beäugt und angeschwiegen. Aber man muss dort gewesen sein, sagt Élmer Mendoza. Hier könne man wie unter einem Brennglas erleben, was man in Mexiko «narco cultura» nennt: die Kultur der Drogenmafias. Alte Männer mit Würde und junge, die ein bisschen zu grossspurig sind, Frauen, die schön sind auf eine trashige Art, gepanzerte Limousinen und mexikanische Volksmusik, die Gewalt verherrlicht, und Kitsch, sehr viel Kitsch. All das seien Ingredienzien einer Alltagskultur, die im Drogenmilieu entstanden sei, sich aber weit darüber hinaus verbreitet habe.

Mendoza muss es wissen. Er ist Schriftsteller, der erste von heute vielen Vertretern der sogenannten «narco literatura». Seine Romane spielen im Milieu der Kartelle, und er beschreibt es so kenntnisreich und genau, dass man ihm nachsagt, er pflege sehr enge Kontakte.

Vielleicht ist Mendoza aber auch nur ein hellwacher Mensch, der in Culiacán geboren wurde, dort aufgewachsen ist und heute, mit über sechzig, noch immer dort lebt. Man müsse einfach nur beobachten, sagt er. Denn in Culiacán, dieser Stadt mit 600 000 EinwohnerInnen, in der schmalen pazifischen Küstenebene am Fuss der Sierra Madre gelegen und ohne jede Attraktion, ist schon seit über einem Jahrhundert der Handel mit illegalen Drogen die weitaus wichtigste wirtschaftliche Aktivität, zusammen mit dem Waschen des damit verdienten Geldes. Culiacán und der Bundesstaat Sinaloa sind der Ort, wo alles begann.

Am Anfang war das Opium. Die Chroniken berichten 1886 zum ersten Mal von Schlafmohnfeldern in Sinaloa. Damals baute die mexikanische Regierung eine Eisenbahnlinie von der pazifischen Hafenstadt Mazatlán nach Culiacán und dann weiter hinauf in den Norden. Als Bauarbeiter wurden – wie damals üblich – billige Chinesen angeheuert. Die brachten den Samen der blutroten Blume mit und stellten schnell fest: Das karge Land in der Sierra Madre ist ein optimaler Boden für diese Pflanze. Und weil nicht nur sie, sondern auch ihre Landsleute in New York sich nach harter Arbeit mit einem Pfeifchen entspannten, entstanden schnell erste Linien des Drogenschmuggels.

Die Chinesen waren in diesem Geschäft lange unter sich. Grosse mexikanische Schmugglerringe traten erst in den zwanziger Jahren auf, mit der Alkoholprohibition in den USA. Ihr Zentrum war Ciudad Juárez, die in der Wüste von Chihuahua gelegene Stadt direkt am Grenzfluss Río Grande. Als die Prohibition 1933 aufgehoben wurde und der Alkoholschmuggel austrocknete, suchten sie ein neues Produkt und fanden es in Culiacán. Gemeinsam mit dem dortigen Gouverneur – schon damals ein Mann der Partei der institutionalisierten Revolution (PRI) – verdrängten die alten Alkoholmafias die Chinesen aus dem Opiumgeschäft, mit politisch organisierten wüsten rassistischen Ausschreitungen.

Schweigsame Männer, flinke Knabenhände

Die Mexikaner kamen gerade rechtzeitig zum ersten grossen Drogenboom. Während des Zweiten Weltkriegs nahm die Nachfrage in den Vereinigten Staaten sprunghaft zu. Inzwischen veröffentlichte Geheimpapiere der US-Armee legen nahe, dass mit dem in Mexiko eingekauften Opium und Heroin die schmerzgeplagten Kriegsverletzten der US-Armee versorgt wurden. Offiziell wird dies noch immer abgestritten.

In den sechziger Jahren kam dann die damalige Modedroge Marihuana mit ins Angebot. Auch für diese Pflanze ist der Boden in der Sierra Madre ausgezeichnet geeignet. Nur für Kokasträucher ist es hier zu trocken. Doch die kolumbianischen Kokainkartelle, die den Markt der Trenddroge der achtziger Jahre dominierten, wurden Geschäftspartner und nutzten gerne die in Jahrzehnten ausgebauten Schmuggelrouten von Mexiko in die Vereinigten Staaten. Seit die Grosskartelle von Medellín und Cali in den neunziger Jahren mit tatkräftiger Hilfe aus den USA zerschlagen wurden, beherrschen die Mexikaner auch diesen Markt.

Schlafmohn und Marihuana werden auch heute in den entlegenen Dörfern der Sierra Madre angebaut, von schweigsamen gross gewachsenen Männern, die ihre Söhne schon im Alter von sechs oder sieben Jahren mit hinaus aufs Feld nehmen. Die zarten und flinken Hände von Knaben gelten als ideal für das Anritzen der Schlafmohnkapseln. Die wenigsten dieser Bauern werden reich. Nur die Gerissensten unter ihnen gehen hinunter in die Stadt und ackern nicht mehr selbst, sondern handeln nur noch mit der Ernte von anderen. Fast alle grossen mexikanischen Drogenbosse der letzten fünfzig Jahre kommen aus dem Hinterland von Culiacán.

Und fast alle liegen sie heute auf dem Friedhof Humaya, einem privat betriebenen sündhaft teuren Totenacker in der trockenen Ebene im Südwesten der Stadt. Auf dem Weg dorthin, vorbei an den Niederlassungen von Autohändlern mit ausschliesslich hochpreisigem Angebot, erzählt Margarito von den «Freunden». Er ist vielleicht fünfzig, rund und hat das dünne Haar mit viel Pomade an den Kopf geklebt. In Culiacán geboren, war er nie in einer anderen Stadt und fährt seit dreissig Jahren Taxi. Das Wort «Drogenhändler» oder – wie man anderswo in Mexiko kurz sagt – «narco» nimmt er nie in den Mund. Er redet von «amigos», und er meint das ernst. «Wer bezahlt hier die Schulen, die Sportplätze, die Kirchen?», fragt er. «Die Politiker sind doch alle korrupt.» Er erinnere sich an keinen Gouverneur, der nicht mit ein paar neuen Firmen und Landgütern aus dem Amt gegangen sei. Gebaut aber habe keiner was. Das tun die «Freunde».

Auch die Polizei und das Militär sind nicht gut angesehen. Nicht erst jetzt, da im Drogenkrieg die Regierung weisse Pick-ups der Bundespolizei durch die Stadt patrouillieren lässt, mit Schiessständen auf der Ladefläche und Männern und Frauen, ganz schwarz gekleidet, mit schusssicherer Weste, Gesichtsmaske, Sonnenbrille und Stahlhelm, kein Quadratzentimeter Haut ist zu sehen, das Sturmgewehr immer im Anschlag, gerichtet auf die PassantInnen auf den Bürgersteigen. Nein, die Ablehnung der öffentlichen Sicherheitskräfte geht zurück auf das Jahr 1977, auf die Operation Condor, die erste ihrer Art. 2200 Soldaten und Polizisten sollten damals in den Bundesstaaten Sinaloa, Chihuahua und Durango Drogenhändler festnehmen und Schlafmohn- und Marihuanapflanzungen vernichten. Seither erzählen die Alten in Culiacán von verschwundenen Söhnen, Brüdern, Frauen, Ehegatten und Freunden, von Leichen, die man mit Folterspuren fand. Seither ist klar, auf welcher Seite man steht.

Für Margarito sind sie die «Freunde», für andere gar «los valientes», die Tapferen. Von Narcos spricht niemand hier in Culiacán.

Hunderte von ihnen liegen auf dem Friedhof Humaya und zeigen dort zum letzten Mal ihren Wohlstand. «Fahr nicht am Sonntag hinaus», hatte Mendoza gewarnt. «Sonntags feiern sie dort ihre Feste, und sie werden dabei nicht gerne von Fremden beobachtet.»

Schönheitsköniginnen als Trophäen

Die MexikanerInnen haben einen fröhlichen Totenkult, und tatsächlich kann man auf diesem Friedhof Feste feiern. Die Mausoleen haben zum Teil die Grösse einer veritablen Dorfkirche, besonders beliebt sind Kuppeldächer, Imitationen des vatikanischen Petersdoms. Und weil es so viele sind und sie so eng aufeinander stehen, macht die Frontansicht des Narco-Gevierts fast einen russisch-orthodoxen Eindruck.

Erst wenn man näher kommt, erkennt man die architektonische Mischung. Da gibt es nicht nur Neobarock, sondern auch modernistische Tempel aus abgedunkeltem Glas, glänzendem Stahl und Sichtbeton, drei oder vier Stockwerke hoch, mit Tanzsalons, Rampe und Aufzug für RollstuhlfahrerInnen und Klimaanlage wegen der Hitze. Manche dieser Mausoleen sind ein wildes Gemisch aus Barock, Bauhaus und ein bisschen Tadsch Mahal. Hier dürfen sich Architekten noch austoben, egal ob sie Geschmack haben oder nicht.

Es ist schwer, hier das Grabmal eines Mannes zu finden, der älter wurde als 45 Jahre. Frauen stellen keine fünf Prozent der Toten und starben meist sehr, sehr jung. Auf den von ihnen ausgestellten Fotos treten sie als Schönheitsköniginnen auf, und viele waren das auch. Denn Schönheitsköniginnen «sind die begehrtesten Trophäen der Narcos», weiss der Soziologe Arturo Santamaría, der ein Buch über Frauen im Drogenhandel herausgegeben hat. El Chapo Guzmán hat fünfzigjährig im Jahr 2007 während eines dreitägigen rauschenden Fests in dem Städtchen Canelas die achtzehnjährige Emma Coronel geheiratet, Schönheitskönigin der dortigen Messe für Kaffee und Guayabafrüchte. María Susana Flores, 22, Susy genannt und Freundin eines der effektivsten Killer von El Chapo, war «Señorita Sinaloa» im Jahr 2012 und sollte Mexiko bei einem Schönheitswettbewerb in Thailand vertreten. Sie starb vor dem grossen Auftritt im November vergangenen Jahres. Bei einer wilden Verfolgungsjagd der Armee auf sie und ihre Freunde wurde ihr Wagen gestoppt. Susana Flores stieg aus. Die Soldaten eröffneten das Feuer. Angeblich hielt sie eine Kalaschnikow AK-47 in Händen, die Lieblingswaffe der Narcos. Wegen seines gebogenen Magazins wird das Sturmgewehr im Volksmund «cuerno de chivo», Ziegenhorn, genannt.

Pompös veranstaltete Schönheitswettbewerbe dienen den Drogenbossen zur Geldwäsche, weiss der Soziologe Santamaría. Und natürlich der Sichtung möglicher Trophäen. «Nichts unterstreicht die Virilität eines Drogenhändlers so sehr wie eine von allen begehrte Frau», sagt er. Das Schönheitsideal hat sich dabei im letzten Jahrzehnt verändert, hat der scharf beobachtende Literat Mendoza festgestellt. Traditionell seien die Frauen in Sinaloa eher flachbrüstig und hätten stämmige Hüften. Lange habe das den Männern auch gefallen. Nun aber, so weiss er von Schönheitschirurgen in Culiacán, «sind schwere Brüste und hervorspringende Hintern gefragt, und zwar nicht nur im Umfeld der Drogenhändler». Mendoza glaubt, dass dies von einschlägigen filmischen Vorbildern beeinflusst sein könnte: Narcos gelten als Grosskonsumenten von Pornografie.

Auch die Männermode hat sich verändert. Die Drogenhändler früherer Generationen waren einfache Leute vom Land mit weniger als karger Schulbildung. Um zu zeigen, dass sie es zu etwas gebracht hatten, trugen sie den ländlichen Sonntagsstaat: keine allzu derben Jeans mit dicker Gürtelschnalle, karierte Hemden und frisch gewienerte Stiefel. «Stiefel», sagt Mendoza, «konnten sich nur die reichen Bauern leisten, und auch die gingen im Alltag in Sandalen aufs Feld.»

«Narcos sind nachtaktive Wesen»

Ihre Söhne schicken die reich gewordenen Händler auf teure Privatschulen und auf die Universität. Ein Sohn von El Chapo hat gar einen Doktortitel. Man sagt, er sei heute Logistikchef des Sinaloa-Kartells. Diese jungen Leute kombinieren die Tracht ihrer Alten mit Garderobe aus teuren Boutiquen. Statt Baumwollhemden trägt man Seide und schon auch einmal ein Anzugteil von Armani. «Es ist ein ganz neuer Stil entstanden», sagt Mendoza. «Eine Mischung aus globaler Businessmode und ländlich-bäuerlicher Tradition.»

In Culiacán wohnen diese jungen Reichen im Stadtviertel San Miguel auf einem Hügel im Süden des Zentrums. Von hier aus kann man die gesamte Stadt überblicken, ganz oben wacht eine riesige Christusfigur. «Geh früh am Morgen hin», hat Mendoza empfohlen. «Narcos sind nachtaktive Wesen und stehen erst um die Mittagszeit auf.» Und noch was: «Bleib niemals stehen, und lass um Gottes willen die Kamera in der Tasche. Man könnte dich für einen Agenten der DEA halten», einen Mann von der US-amerikanischen Drogenbehörde.

Es ist still am Morgen in San Miguel. Unten, am Fuss des Hügels, passiert man Gated Communities, die Wohnanlagen der normalen Reichen. Mauern verdecken die Sicht, wer hineinwill, muss sich beim Pförtner melden, den Pass vorlegen und sagen, wen man zu besuchen wünscht. Der Pförtner ruft dann dort an.

Diejenigen, die ganz schnell ganz reich geworden sind, wohnen weiter oben, jeder für sich auf seinem Anwesen. Von den hohen Mauern lugen Videokameras neugierig auf die Strasse, die Garagentore lassen sich per Fernbedienung öffnen. Auf den Dächern Parabolantennen, dazu der eine oder andere Funkmast. Man ist verbunden mit der Aussenwelt.

Die Grösse der Anwesen lässt erahnen, dass sie alle über eine Wohnfläche im vierstelligen Quadratmeterbereich verfügen dürften. Hin und wieder erkennt man eine Kuppel mit Kreuz, was auf eine Hauskapelle hindeutet. In diesen Kreisen empfängt man die Eucharistie natürlich nur unter seinesgleichen. Architektonisch sind die Gebäude weltweiten Einflüssen ausgesetzt: ein bisschen englische Ritterburg an einer Ecke, an der anderen nüchtern elegantes Bauhaus, an der dritten wiederum orientalisch anmutende hohe und schmale Spitzbögen. Verbunden wird alles durch den der spanischen Kolonialarchitektur nachempfundenen kalifornischen Landhausstil. Die Fenster in den über die Umfriedungsmauern hinausschauenden Stockwerken erinnern oft an Schiessscharten. Mexikanische Baumeister nennen diesen Stilsynkretismus «narco arquitectura».

Verraten hätte ihn niemand

Die Strassen sind breit und menschenleer. Nur hier und da wartet ein grosser Geländewagen am Strassenrand. Die Sonne steht noch tief, ihr Licht fällt fast waagrecht auf den Hügel von San Miguel. So kann man trotz der abgedunkelten Scheiben schemenhaft erkennen, dass in jedem dieser Autos zwei Männer sitzen. Ob auf ihren Knien ein «cuerno de chivo» liegt, das sieht man nicht, aber man denkt es sich.

Es ist verhältnismässig ruhig in Culiacán. Das blutigste Jahr der Stadt liegt weit zurück: 1976 gab es 543 Drogenmorde. Die Stadt hatte damals nur 250 000 EinwohnerInnen. Das sind 217 Morde pro 100 000 EinwohnerInnen im Jahr – so viel gab es nicht einmal in Ciudad Juárez zu den schlimmsten Zeiten des Drogenkriegs. Damals kämpften viele kleine Kartelle um den Markt. Heute haben El Chapo Guzmán und sein Sinaloa-Kartell die Stadt fest im Griff. Sicher, als Präsident Felipe Calderón von der konservativen Nationalen Aktionspartei (PAN) Ende 2006 Polizei und Armee auf die Drogenhändler hetzte, gab es auch in Culiacán wöchentlich eine Schiesserei. Doch Calderóns Amtszeit ging im Dezember 2012 zu Ende. Seit Enrique Peña Nieto von der PRI regiert, ist es stiller geworden. Und egal wen man nach den Gründen fragt, den Literaten Mendoza, den Taxifahrer Margarito, das Zimmermädchen, den Kellner, alle antworten dasselbe: «Die PRI weiss, wie man verhandelt.»

Das Regierungsgebäude von Mario López Valdez, dem Gouverneur von Sinaloa, liegt kaum 200 Meter vom Schrein des Jesús Malverde entfernt. Die schmucklose Betonburg wurde in den achtziger Jahren dort errichtet, wo das kleine Heiligtum des Schutzpatrons aller Drogenhändler ursprünglich stand. Es war der letzte grosse freie Platz in Culiacán. Der damalige Gouverneur, auch er – wie Mario López Valdez – ein Mann von der PRI, respektierte die religiösen Gefühle, spendierte die neue Kapelle und liess das, was man für die Gebeine Malverdes hält, in einer feierlichen Zeremonie umbetten. Er wusste: Mit Gewalt sind dieser tief in der Volkskultur verwurzelte Glaube und der Handel in Culiacán nicht zu bezwingen.

Es ist mehr als nur unwahrscheinlich, dass der Devotionalienhändler vor dem Malverde-Schrein tatsächlich der getarnte El Chapo war, auch wenn er dem Drogenboss noch so ähnlich sieht. Die einheimischen BesucherInnen hätten ihn erkannt. Sie hätten ihn anfassen wollen, ihn um einen Gefallen gebeten. Verraten, da ist sich Mendoza sicher, verraten hätte ihn niemand. Vielleicht sass er ja in dem Hummer, der da kurz zur Andacht hielt.

Joaquín «El Chapo» Guzmán

Ein Drogenboss alter Schule

Wer Joaquín Guzmán ergreift, tot oder lebendig, hat keine Geldsorgen mehr. Fünf Millionen Dollar hat die US-Regierung auf seinen Kopf ausgesetzt, die mexikanische Regierung legt noch einmal dreissig Millionen Pesos drauf, ungefähr 2,3 Millionen Dollar. Guzmán, Chef des Sinaloa-Kartells, ist der weltweit meistgesuchte Drogenboss. Man nennt ihn El Chapo, den Kurzen, weil er 1,68 Meter gross ist – deutlich unter dem Durchschnitt
der hochgewachsenen Männer der Sierra Madre. Dort, in dem Weiler La Tuna im mexikanischen Bundesstaat Sinaloa, wurde Guzmán am 4. April 1957 als Sohn einer bitterarmen Familie geboren. Keine drei Jahre ging er zur Schule, dann musste er mit dem Vater aufs Schlafmohnfeld. Weil der den Erlös der Ernte mit Schnaps und Prostituierten durchbrachte, legte El Chapo schon als Jugendlicher seine eigene Pflanzung an.

Polizeibekannt wurde Joaquín Guzmán in den achtziger Jahren als Fahrer des Chefs des damaligen Kartells von Guadalajara, das später im Sinaloa-Kartell aufging. Guzmán galt als grossspurig, aufbrausend, gewalttätig. Trotzdem stieg er auf zum Chef der Plaza von Guadalajara – so etwas wie ein Abteilungsleiter im Drogenkonzern. 1993, nach einer Schiesserei auf dem Flughafen von Guadalajara, bei der der örtliche Erzbischof starb, wurde er quer durch Mexiko gejagt und in Guatemala gefasst.

Im Gefängnis hat er sich verändert. Dort erstellte psychologische Gutachten beschreiben ihn als hochintelligenten Mann, zurückhaltend, stets freundlich und immer berechnend. 2001 gelang ihm die Flucht. Es heisst, er habe dafür sogar den damaligen Präsidenten Vicente Fox (vom Partido Acción Nacional) mit mehreren Millionen Dollar bestochen.

Wieder in Freiheit, übernahm er zusammen mit Ismael «El Mayo» Zambada die Leitung des Sinaloa-Kartells, das heute den gesamten Westen Mexikos beherrscht. Schnell überflügelte er seinen Partner, weil er als Erster in das Geschäft mit synthetischen Drogen einstieg und dies für sich allein reklamierte. El Chapo gilt als Pate alter Schule: Er will Ruhe in seinem Revier und erkauft sich dazu Loyalitäten. Nur wenn es nicht klappt mit der Korruption, lässt er morden.

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