Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Der Mensch in der Revolte

Wenn die Stimmung umschlägt: Der Schweizer Journalist Andreas Hoessli denkt in seinem so klugen wie poetischen Film «Der nackte König» über das Wesen der Revolution nach.

Von Anna Jikhareva

Aus der Distanz sieht man die Revolution oft anders: Ein Zeitzeuge in Teheran. Still: Vinca Films

Eine Gruppe junger Männer, Frauen und Kinder steht zwischen zwei rostigen Pfeilern, sie skandieren Parolen und recken die Arme kämpferisch in die Luft. Wir schreiben das Jahr 1979, im Iran gehen weite Teile der Bevölkerung – Intellektuelle und Basarhändler, Sozialistinnen und Anhänger des politischen Islam – gegen den Schah auf die Strasse. Die Kamera zoomt heraus, immer weiter, bis die ganze Szenerie sichtbar wird. Der Raum zwischen den Pfeilern entpuppt sich als mehrstöckiger Rohbau ohne Fassade, darin Hunderte Personen. Vor dem Gebäude zieht eine Demonstration zu Ehren des exilierten Ajatollah Chomeini vorbei. Die Revolution als kollektiver Rausch.

Die Revolte steht im Zentrum des filmischen Essays «Der nackte König», für den der Schweizer Regisseur Andreas Hoessli am Dokfest in München ausgezeichnet wurde. Eigentlich geht es darin um zwei Aufstände: jenen im Iran und, ein Jahr später, in Polen, wo die Gewerkschaft Solidarnosc die Mächtigen im «real existierenden Sozialismus» herausforderte.

Der allgegenwärtige Abwesende

Durch die geschickte Montage seiner persönlichen Geschichte bringt Hoessli zwei Weltereignisse zusammen, die auf den ersten Blick wenig verbindet. Hoessli, der auch schon das Leben von Wall-Street-Bankern oder Sans-Papiers in der Schweiz dokumentierte, begibt sich auf eine Reise in die eigene Vergangenheit. Als sich 1979 in Teheran die Ereignisse überschlagen, lebt der Historiker und Journalist in Polen. Wegen seiner Kontakte zur Opposition wird er vom Geheimdienst beobachtet, der ihn unter dem Namen «Hassan» führt. Und er lernt den Reporter Ryszard Kapuscinski kennen.

Kapuscinski reist in den Iran, um von der Revolution zu berichten. Seine Aufzeichnungen, die später unter dem Titel «Schah-in-Schah» erscheinen, dienen Hoesslis Film als philosophische Klammer. «Alle Kapitel über die Revolution beginnen mit der Fäulnis der Macht», zitiert ihn der Ich-Erzähler, gesprochen von Bruno Ganz. «Dabei sollten sie mit einem Kapitel zur Psychologie beginnen: wie ein furchtsamer Mensch sich von der Angst befreit.»

Kapuscinski ist allgegenwärtig als der grosse Abwesende in diesem Film. Ein Zeitzeuge etwa, den Hoessli auf seiner Spurensuche trifft, schwärmt von ihm. Zur Stelle ist er auch, wenn es darum geht, die Schnipsel und Gedankenfragmente zusammenzufügen, aus denen «Der nackte König» besteht. «Ich lese in Kapuscinskis Notizen wie in einem Buch über die Stadt der Zukunft», lässt Hoessli seinen Erzähler sagen.

Hoessli begnügt sich aber nicht damit, die Revolution nur zu beschreiben, er greift auch selbst ein. Etwa dann, wenn iranische Soldaten vor seiner Linse «Nieder mit Amerika und Israel» rufen. «Staatlich verordnete Parolen», kommentiert der Regisseur lapidar. Andernorts lässt er seine ProtagonistInnen die Ereignisse kommentieren: polnische Geheimdienstler und ihre Opfer, einen Chauffeur des Ajatollah und einen Kameramann, der den Werftarbeiterstreik in Danzig filmte.

«Revolution heisst, dass Menschen sich ihre Würde zurückgeben», sagt ein Protagonist der Solidarnosc-Bewegung. Doch aus der Distanz wirkt die Revolution oft ganz anders. «Können wir Revolutionäre bleiben und gleichzeitig kritisieren, was in jenen Zeiten geschah?», fragt deshalb die einstige Sprecherin der StudentInnengruppe, die im November 1979 die US-Botschaft in Teheran besetzte und die Angestellten als Geiseln nahm. «Es kommt der Moment, da die Stimmung umschlägt und alles zu Ende geht», kommentiert Kapuscinski, der über den Iran schrieb, aber auch an Polen dachte: «Unversehens zerfällt unsere Gemeinschaft, jeder kehrt zurück zu seinem alten Ich.»

Ein Moment der Euphorie

Die Revolution als Massenereignis und individuelles Moment: das ist der eigentliche Kern von Andreas Hoesslis Erzählung. Die Revolte als Moment der Euphorie, das Gefühl, dass plötzlich alles möglich wird, man auch anders leben kann. Die Hoffnung auf eine bessere Welt, sie zeigt sich in den Archivszenen der Massenproteste, den ernsten Gesichtern der polnischen Revolutionäre. Im Gegensatz dazu stehen die stillen, melancholisch-entschleunigten Winterbilder aus Warschau und Teheran: Menschen, die irgendwo in den Bus steigen; Strassen, auf denen der nächtliche Verkehr fliesst. Die Anonymität der Grossstadt, die sich in den Gebetsszenen ebenso manifestiert wie in den beleuchteten Fenstern, hinter denen das Leben verborgen bleibt.

Die poetischen Bilder regen zum Nachdenken an: über die Revolution, ihre Macht und ihr Scheitern. Und über die Frage, welche Rolle der einzelne Mensch darin spielt. Was passiert, wenn er in der Revolte in den Hintergrund tritt, wenn der kollektive Rausch keinen Platz fürs Individuum lässt, zeigt eine Szene besonders eindrücklich: Ein Mann steht auf dem Platz der Freiheit in Teheran, wo gerade der Jahrestag der Revolution gefeiert wird: allein in der Menge, in sich versunken. Die Kamera zoomt auf sein Gesicht. «Was denkt der Mann? Hört er die Ansprache des Präsidenten? Warum bleibe ich so lange vor diesem Mann stehen? Und warum wendet er sich nicht ab?», fragt der Erzähler aus dem Off. Das Erlebnis der Revolution, es kann auch verdammt einsam sein.

Im Kino.

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