Nr. 37/2019 vom 12.09.2019

Gute Idee

Warum Stefan Gärtner fürs Erste in der Schweiz bleibt

Von Stefan Gärtner

Immer weniger Deutsche mögen sich in der Schweiz niederlassen, sagt die Statistik. Der Tamedia haben zwei Landsleute, die seit Jahren mit Familie in der Schweiz leben, über ihre Gründe für den Rückzug nach Deutschland berichtet: das rigide Schulsystem, die Lebenshaltungskosten, der Perfektionsdruck. «Eine Stunde nach der Street Parade ist alles aufgeräumt. Ich konnte auch beobachten, wie sonntags um 18 Uhr die Ampeln mit dem Wasserdampfstrahler gereinigt wurden. Da reibt man sich die Augen. Pointiert gesagt: Die Schweiz ist nicht realistisch.»

Ich möchte nicht in der Schweiz leben, und das hat überhaupt nichts damit zu tun, dass ich die Schweiz nicht leiden könnte. Ich kann sie sogar sehr gut leiden, und das will ich mir auf gar keinen Fall beschädigen lassen dadurch, dass ich mich ihr dauerhaft aussetze. Der Schweiz kann es egal sein, und es mag sie trösten, dass da, wo ich wohne, Wasserdampfstrahler ganz unbekannt sind und Hundehaufen auf dem Trottoir dem zersetzenden Einfluss der Witterung überlassen werden, was sich zwar wohltuend von helvetischer Perfektion abhebt, mir aber die Vorstellung aufzwingt, wie ich Herrchen und Frauchen mit der Nase in die Scheisse ihrer Köter drücke.

Dass die Schweiz «nicht realistisch» sei, ist ein fabelhafter und rundum zutreffender Satz, denn deshalb mag ich sie so: Sie ist ganz offen viel zu hübsch, um wahr zu sein, und darum ist sies halt auch nicht, und zumal das deutsche Auge sieht, nicht ohne Irritation, wie ein unzerstörtes Land ausschaut, in dem die Leute (eine Art) Deutsch sprechen und das seit spätestens 1847 Kriege nicht nur nicht angezettelt, sondern sich nicht mal an ihnen beteiligt hat, allenfalls per Waffenlieferung und Söldnerexport. Die Schweiz ist ja so eine Art Modelleisenbahndeutschland, und wie ichs hinschreibe, fällt mir auf, dass in meinem Flur dieses grosse, fantastisch gut gestaltete Schweizer Reklameplakat hängt, auf dem ein Anzugträger im Zugabteil Akten liest, und im Hintergrund wischt ein original Schweizerhaus vorbei, und drüber steht (in Helvetica natürlich): «Gute Idee: SBB».

Ich bin mit diesem Poster schon viermal umgezogen, und immer noch fasziniert es mich zutiefst, weil es – ein Reklameterrorwort, doch hier muss es hin – perfekt und in dieser Perfektion sowohl illusorisch als auch wahr ist: allertiefste, dabei moderne Bürgerlichkeit, das Glück, unterwegs zu sein, an die gewissenhafte Arbeit verschwendet, die Idylle im Hintergrund, die aber nur eine fürs Zugfenster ist und darauf weist, dass man, die Schweiz ist klein, ganz bald wieder aussteigen muss – eine «gute Idee», zweifellos, denn unser Leben währet siebzig Jahre, und wenns hoch kommt, so sinds achtzig Jahre, und wenns köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen, denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon in einem Zug der SBB. Und die Suggestion ist, als handwerklich (da haben wir es wieder) tadellose und nämlich bis zum Anschlag diskrete, so überwältigend, dass ich sofort Anzug tragen und SBB fahren will. Sogar eine randlose Brille hab ich noch irgendwo, und weil sie alt ist, könnte ich Akten nicht einmal dann lesen, wenn ich welche hätte.

Was der Mann arbeitet? Unterm Aktendeckel liegt der Wirtschaftsteil, und also geht es um Geld, und geht es um Geld, ist das Wort «tadellos» sofort gelogen. «Dass die Schweiz ihren Reichtum von den Krisen der Welt abschöpft und sich sonst fein raushält – die Kombination von Kälte und Luxus –, finde ich schwierig», beschwert sich der eine unserer beiden Rückwanderer, und mit diesem sagenhaft deutschen, nämmli eins a pseudomoralischen Gedanken gehört der Herr tatsächlich heim ins Reich, wo ich schon sitze und meiner redlichen, pünktlichen, überragend gestalteten Schweiz, wie sie von fern meine bürgerlichsten Defekte kitzelt, die Treue halte.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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