Nr. 09/2020 vom 27.02.2020

Brothers in arms

Stefan Gärtner über unrasierte Geschäftsmänner und die Schweiz

Von Stefan Gärtner

Kinder, wie die Zeit vergeht; aber manchmal vergeht sie gar nicht, denn mein Archiv informiert mich, es sei erst fünf Monate her, dass ich von meinem Schweizer Plakat berichtet habe, das mich seit fünfzehn Jahren, vier Wohnorten und fünf Wohnungen begleitet: «Gute Idee: SBB». Ich kenne dieses Plakat länger als meine Frau; doch erst neulich stehe ich davor, und mir fällt auf, dass dem aktenlesenden Anzugträger im Zugabteil eine Rasur guttäte. Das Plakat ist riesig, und also sieht mans deutlich: die Stoppeln am Kinn, auf der Wange, eben da, wo Männern Bart wächst.

Ich war baff. Nicht allein, weil mir das all die Jahre nicht aufgefallen war, sondern vor allem, weil das Plakat aus Zeiten stammt, als unrasiert noch nicht für männlich galt, sondern für unrasiert und alles am SBB-Anzugträger auf die Gewissenhaftigkeit mittleren Schweizer Managements weist, das seriös und diskret seinen Geschäften nachgeht, entsprechend seriös und diskret auftritt und in jedem Fall sauber rasiert. Es sei denn, man hätte einen langen Arbeitstag bereits hinter sich und einen Bartwuchs wie mein Grossvater selig, der nachmittags zum Elektrorasierer greifen musste. Wenn mein Opa das konnte, konnten das helvetische Geschäftsreisende in den sechziger Jahren allerdings auch, und also ist beim Werbefototermin schlicht geschlampt worden; falls es nicht Absicht war. Weil die Schweiz nämlich gar nicht so ist, wie man immer denkt!

So immerwährend und wunderbar neutral z. B., und wer meine Kolumnen für ihre immerwährend wunderbaren Einstiege und Überleitungen schätzt, darf sich freuen. Denn so seriös ist die saubere Schweiz wirklich nicht, wenn sie eine Firma beherbergt, die von CIA und BND heimlich übernommen worden war, damit die von der Firma in alle Welt exportierten Chiffriermaschinen nach Wunsch Klartext reden. Dieser (rein technisch betrachtet: tolle) Trick soll etwa den Falklandkrieg mitentschieden haben, weil die argentinische Junta ihre Chiffriergeräte in Zug bei der Firma Crypto AG erworben hatte. In der neutralen Schweiz; deren Geheimdienste, lesen wir, vermutlich im Bilde waren.

Nun ist die Bestürzung gross und eine Untersuchung anhängig, und beides müsste vielleicht nicht sein, wenn man sich von dem Märchen der «Neutralität» einmal verabschiedete. Die «neutrale» Schweiz gehört ja so selbstverständlich zum imperialistischen Weltsystem, wie das neutrale Schweden im Zweiten Weltkrieg Eisenerz ans Deutsche Reich lieferte, und «neutral» heisst hier nur, dass es keine offiziellen Präferenzen und Allianzen gibt, sondern bloss natürliche. Ein Kapitalist, heisst es zwar bei Marx, schlage viele tot, aber wenn es irgendwo Nichtkapitalistisches oder sonst wie Störendes zu beseitigen gilt, hat das natürlich Vorrang. Der faschistische Putsch wider den linken chilenischen Präsidenten Allende soll gleichfalls von den Zuger Spezialmaschinen profitiert haben, und dass die kapitalistische Schweiz von einem kapitalistischen Chile mehr hat als von einem der Gleichen und Freien, ist ja keine Überraschung. Der Skandal wäre hier allenfalls, dass der Schweizer Nachrichtendienst keine Einwände hat, wenn ausländische Mächte mittels Schweizer Firmen Weltpolitik machen. Aber da Schweizer Firmen ihrerseits im Ausland Weltpolitik machen, ob als Rüstungs- oder Rohstoffmultis, soll man auch nicht heucheln und sich blind machen für simple Tatsachen wie die, dass Geheimdienstarbeit keine moralische ist. Ihr ist der Zweck heilig, und der Geheimdienst einer imperialistischen Macht wird sich imperialistisch verhalten, was die (doch, doch!) imperialistische Schweiz eben nicht gewundert hat, ihr sogar gefallen konnte, wenn andere sich die Finger schmutzig machten und die heilige Schweizer Neutralität das bleiben konnte, was sie nun einmal ist: eine gute Idee. Aus der Werbung.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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