Nr. 40/2018 vom 04.10.2018

Schluss mit dem Gedächtnistheater

Der furiose Essay «Desintegriert euch!» des deutschjüdischen Lyrikers Max Czollek ist eine Abrechnung mit falsch verstandener Integrationspolitik. Der Berliner plädiert stattdessen für eine «Gesellschaft der radikalen Vielfalt».

Von Anna Jikhareva

Max Czollek ist kompromisslos im Umgang mit all jenen, die zu viel Verständnis für die Wütenden aufbringen. Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Einmal mehr war der Sommer im nördlichen Nachbarland geprägt von endlosen Diskussionen: über eine angeblich existierende Leitkultur oder über «gute» und «schlechte» MigrantInnen, von der Mehrheit der Gesellschaft für immer getrennt durch unüberwindbare Hürden, sosehr sie sich auch um deren Überwindung bemühen – während Rassismusbetroffene gegen diese Mehrheit antwitterten, die von Diskriminierung nichts wissen will.

Und auch sonst passierte einiges: Um dem Nationalismus einen institutionellen Anstrich zu verpassen, entstand in Berlin ein Heimatministerium. Im Osten des Landes marschierten unterdessen Neonazis; sie inszenierten den Umsturz, derweil sich im Parlament eine rechte Partei breitmachte und die MeinungsmacherInnen in den Feuilletons darüber debattierten, ob man den vermeintlichen Sorgen der Leute genug Gehör schenke. Deutschland im Jahr 2018: so weit, so dunkel.

200 Seiten voller Wut

Mitten in diese komplexe Gemengelage platzt nun das Buch eines jungen Lyrikers, der den Zeitgeist nicht besser hätte treffen können, der zur richtigen Zeit die richtigen Worte findet. «Desintegriert euch!», schleudert er der polarisierten Gesellschaft in seinem gleichnamigen Essay entgegen, der soeben erschienen ist.

Max Czollek ist 31, hat Politikwissenschaften studiert und am Berliner Zentrum für Antisemitismusforschung promoviert. Er ist Mitglied eines Lyrikkollektivs, als Kurator mit dem Maxim-Gorki-Theater assoziiert und Mitherausgeber einer Zeitschrift zur «jüdischen Gegenwart». Sein Buch ist laut eigener Beschreibung eines «von einem, der auszog, kein Jude zu werden. Sondern ein Politikwissenschaftler, ein Schriftsteller und Intellektueller. Und von einem, der schliesslich auch Jude wurde.» Er wolle «das deutsche Bild von den Juden analysieren», schreibt Czollek in der Einleitung nüchtern. Was folgt, sind 200 Seiten in eloquente Worte gepackte unversöhnliche Wut.

Als Ausgangspunkt dienen Czollek zwei Begriffe: das Integrations- und das Gedächtnistheater. Mit dem ersten ist der deutsche Integrationsdiskurs gemeint, der hierzulande ganz ähnlich verläuft: eine Denkart, in der Minderheiten zum ewigen Statistendasein verdammt sind. «Das deutsche Selbstbild erzeugt sich traditionell über kulturelle Abgrenzung», schreibt Czollek.

Das zweite Konzept ist eine Schöpfung des Soziologen Michal Bodemann, der in den neunziger Jahren die Interaktion zwischen deutscher Mehrheitsgesellschaft und jüdischer Minderheit beschrieb: Die Funktion der Jüdinnen und Juden bestehe vor allem darin, «die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen». Czollek eignet sich diese Analyse an und macht sie zum zentralen Strang seiner These: Die Jüdinnen und Juden fungieren demnach als lebender Beweis, «dass die deutsche Gesellschaft ihre mörderische Vergangenheit erfolgreich verarbeitet hat», als «reine und gute Opfer» dienen sie den Deutschen zur eigenen Läuterung.

Definitionsmacht zurückgewinnen

Czollek rechnet furios mit beiden Arten des Schauspiels ab, demjenigen um die Erinnerung und demjenigen um die Integration. Was ihm stattdessen vorschwebt, ist eine «Gesellschaft als Ort der radikalen Vielfalt». Ein Ort, an dem Minderheiten aus der Rolle ausbrechen können, die ihnen die Mehrheit aufzwingt. Er imaginiert einen Ort ohne Zentrum, wo die Zugehörigkeit zu einer Gruppe schliesslich obsolet wird.

Der Ruf nach Desintegration folgt diversen minoritären Stimmen, die sich im deutschen Mehrheitsdiskurs längst selbstbewusst behauptet haben. Anfang der neunziger Jahre war das etwa die Band Advanced Chemistry, die gegen den Rassismus anrappte und ihren Widerstand in Texte packte. Kurz vor der Jahrtausendwende dann das Kollektiv Kanak Attak, das mit Videos und Performances intervenierte und Begriffe neu erfand, indem es diejenigen der Dominanzkultur überschrieb und so die Definitionsmacht über die eigene Position zurückgewann. Sich zu desintegrieren, versteht Czollek auch als «jüdischen Beitrag zum postmigrantischen Projekt».

Zwar sind viele Thesen von Czolleks Streitschrift nicht neu, fassen eher bereits existierende Diskurse zusammen. Doch gerade dort, wo der Autor die Parallelen zu muslimischen Realitäten in Deutschland umreisst, ist das Buch brandaktuell. Davon abgesehen: In Zeiten, in denen auch in vermeintlich aufgeklärten Milieus grosse Verwirrung über den Umgang mit dem grassierenden Rechtspopulismus zu herrschen scheint, ist allein schon eine klare Zusammenfassung der Argumente essenziell. Ebenso eine Kompromisslosigkeit im Umgang mit all jenen, die zu viel Verständnis für die Wütenden aufbringen. Für Czollek klammern diese nämlich einen zentralen Aspekt rechter Politik aus: ihre Gewaltförmigkeit. Er hingegen mache sich keine Illusionen: «Beim nächsten Mal brennen vielleicht zuerst die Moscheen. Aber dann brennen auch wieder die Synagogen.»

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