Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Aus Sternenstaub

Das Kollektiv Blue Jackal bündelt mit Onlinecomics den künstlerischen Widerstand gegen politische Missstände in Indien.

Von Luisa Tschannen

Auf wackeligen Beinen steht er da, ein Schlagstock ragt als hölzerner Penis aus der Öffnung seines Hosenschlitzes: Die Zeichnung karikiert das Mitglied einer hindunationalistischen Kuhschützertruppe. Solche patrouillieren nachts auf den Strassen Nordindiens, um ViehwirtInnen beim Transport aufzuhalten, zu verprügeln oder zu töten. Das ist nur ein Beispiel für die aktivistischen Comics, wie man sie auf der Website von Blue Jackal findet. Das indische Kollektiv bietet Workshops für IllustratorInnen an und hat bereits zwei Comicbücher veröffentlicht, auf seiner Website gibt es auch Essays und Interviews, etwa mit einem indischen Comicarchivar.

Gegründet 2015 von Lokesh Khodke, Shivangi Singh, Shefalee Jain und Vasvi Oza, ruft Blue Jackal seither immer wieder dazu auf, mit Comics auf Missstände in der indischen Gesellschaft zu reagieren. So auch nach dem politisch motivierten Selbstmord des Studenten Rohith Vemula im Januar 2016 in Hyderabad. Vemula, der im Studierendenrat aktiv war, zählte zu den Dalits, der Kaste der Unberührbaren; er nahm sich das Leben, nachdem er von der Universität suspendiert worden war. In seiner Abschiedsnotiz klagte er die Missstände an den Universitäten an. Die hindunationalistische Regierung versucht systematisch, Minderheiten aus den Hochschulen auszugrenzen und Bildungsinstitutionen zu kontrollieren. Dalits und Angehörige religiöser Minderheiten werden gemobbt und so am Studieren gehindert. Das Blue-Jackal-Kollektiv initiierte damals einen offenen Aufruf an Kunstschaffende, sich zu Vemulas Abschiedsnotiz zeichnerisch zu äussern. Die eingesandten Comics erinnern auch an den Widerstand der Studierenden, der sich nach Vemulas Selbstmord formierte.

Falsche Normalität

Ein politisches Ereignis als Ausgangspunkt für Einsendungen: Bei Blue Jackal nennen sie das «Situation Comic». Am Anfang von «Situation Comics 3» stand etwa eine Filmszene, die ein modifiziertes Kinderspiel zeigt: ein Versteckspiel, bei dem sich ein Spieler nicht wirklich versteckt, sondern in der sichtbaren Welt stehen bleibt und gerade deshalb nicht beachtet wird – wer sich anpasst, wird nicht bemerkt, als wäre das Gewöhnliche eine Tarnfarbe.

Hingegen müssen sich religiöse Minderheiten oder Angehörige niederer Kasten in Indien versteckt halten, um nicht Diskriminierung, Misshandlung oder sogar den Tod zu erfahren. Oppositionelle, die für die Rechte der Marginalisierten einstehen, werden unter dem Vorwand inhaftiert, sie würden die nationale Sicherheit bedrohen. Diese «Normalität» hat auch Rohith Vemula in seiner Abschiedsnotiz kritisiert: «Der Wert eines Menschen wird auf seine unmittelbare Identität, seinen Nutzen reduziert. Er wird zu einer Nummer. Zu einer Ware. Nie wird er als ein Wesen mit Bewusstsein behandelt, als etwas Wunderbares aus Sternenstaub. Und dies in allen Bereichen: im Studium, auf der Strasse, in der Politik, im Sterben und im Leben.»

Wie auf LSD

Diese Empfindung, ein Wesen zwischen Ware und Sternstaub zu sein, spiegelt sich in vielen Blue-Jackal-Comics wider. Einige sind abstrakt, erinnern an etwas, das auf einem LSD-Trip gemalt wurde, andere sind krakelig und zeigen etwa ein deformiertes Baby, das aus einem schwebenden Schrank kriecht. Es sind Vorstellungswelten, die von dunklen Träumen und alltäglicher Entfremdung in einem Land berichten, wo sich die politischen Spannungen laufend verschärfen – durch Wasserknappheit, Hitze bis zu über fünfzig Grad Celsius oder auch durch ein neues Gesetz, das unter dem Vorwand der «nationalen Entwicklung» die Übernahme von Wald- und Ackerland durch private Industrien ermöglicht.

Die Verzweiflung über solche Missstände, die in der Zivilgesellschaft kein Gehör findet, fliesst in die Comics von Blue Jackal mit ein. Die One-Page-Comics bilden aber auch ein Sammelsurium von Geschichten, die spielerisch den Alltag in Indien kritisieren – zwischen Lernzielen, Sardellen in der Dose und Gaffern in einer heissen, überfüllten Metro. Eine Utopie nackter SpaziergängerInnen oder eine Parade von Fantasiewesen, die eine Arche Noah im Weltall betreten: Das zeugt von den lebendigen Wünschen der Zeichnenden. Träume, die zumindest auf dem Papier zum Leben erweckt werden.

www.bluejackal.net

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