Nr. 34/2016 vom 25.08.2016

«Der Zorn brodelt schon lange»

Die Dalits, NachfahrInnen der indischen UreinwohnerInnen, sind Diskriminierungen und Erniedrigungen ausgesetzt. Vor allem die Jungen verlieren nun langsam die Geduld.

Von Joseph Keve

Es geschah am helllichten Tag vor ein paar Wochen. In Una, einer Kleinstadt des Bundesstaats Gujarat, schlug am 11. Juli eine aufgebrachte Menge hochkastiger Hindus vier Dalit-Jugendliche zusammen, zog sie aus und trieb sie durch die Strassen. Sie hätten eine Kuh gehäutet, hiess es – eine Tätigkeit, die die indische Gesellschaft den unteren Kasten überlässt. Da die Polizei nicht einschritt, möglicherweise auf Anweisung von oben, kam es binnen kurzem zu gewaltsamen Auseinandersetzungen; die Proteste erfassten auch andere Bundesstaaten.

Hindus gegen Hindunationalismus

Wehren sich die 170 Millionen Dalits – die früher «Unberührbare» genannt wurden – endlich gegen Diskriminierung und Erniedrigung? Waren die Ereignisse von Una, wie das indische Onlinemagazin «Wire» mit Bezug auf die US-Bürgerrechtsbewegung schrieb, der «Rosa-Parks-Moment Indiens»? Grund hätten die Dalits, die laut nationalen Gesetzen eigentlich gefördert werden sollten, jedenfalls genug: Laut einer Studie dürfen die Dalits in Gujarat neunzig Prozent aller Tempel nicht betreten, müssen ihre Kinder in über der Hälfte der Schulen separat sitzen, zudem bekommen sie in der Landwirtschaft nur ein Drittel des Mindestlohns ausbezahlt.

«Der Zorn brodelt schon lange», sagt Seema Solanki, eine junge Dalit in Ahmedabad, «jetzt könnte er in Aktionen umschlagen, vor allem bei den Jungen.» Bisher, so fügt die Soziologin hinzu, sei das Leid durch Organisationen wie die Self Employed Women’s Association (Sewa) gemildert worden: «Sie hörten zu und suchten nach Auswegen.» Aber seit die BJP-Regierung von Gujarat der Sewa (rund eine Million Mitglieder) mit Strafen droht, sollten sich die Frauen weiterhin ihrem hindunationalistischen Kurs verweigern, sei bei den Dalits der Vorrat an Geduld aufgebraucht. Offenbar – darin ist sich Solanki mit anderen WissenschaftlerInnen einig – sehen die HindunationalistInnen in einer radikalen Dalit-Bewegung den Hauptfeind innerhalb des Kastensystems. Weil diese dessen Beseitigung fordern könnte.

In Gujarat zumindest rebellieren die Jungen. Eine Woche nach Una warfen 300 Dalits fünf Lkw-Ladungen Kuhkadaver vor das Bezirksgebäude von Surendranagar; kurz danach verkündeten 3000 Dalit-Gruppierungen in Gujarat die Gründung eines gemeinsamen Dachverbands.

Proteste gegen Straffreiheit

Auch anderswo organisieren sich die Dalits. In Hyderabad (Bundesstaat Telangana) etwa haben sich Dalit-StudentInnen zusammengeschlossen, die sich mit Unterstützung linker Studierendenverbände regelmässig Scharmützel mit fundamentalhinduistischen RSS-Studentengruppen liefern. Anlass war der Suizid eines Dalit-Studenten gewesen. Er hatte sich auf dem Campus gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen die in Indien immer noch verhängte Todesstrafe und gegen die Hinduisierung des Landes engagiert – und war wegen «subversiven Verhaltens» aus dem Wohnheim geflogen. Zudem hatte man ihm das Stipendium gestrichen.

Und als in Ernakulam (Bundesstaat Kerala) die Jusstudentin Jisha Pappu – eine Dalit – vergewaltigt und ermordet wurde, demonstrierten Frauenorganisationen so lange, bis sich die Behörden auf die Suche nach dem Täter machten und ihn schliesslich fassten. «Wir mussten über ein Dutzend Mal marschieren, erst dann haben die Polizei und die Medien den Fall aufgegriffen», sagt Omana Thanpakkan (57) von der regionalen Dalit-Frauenorganisation KPMS, die ihren Unterhalt durch den Verkauf von Bananenblättern an Hotels bestreitet. Selbst im ansonsten offenen, vielfältigen und wieder links regierten Kerala verbreite sich «das Gift» des Hindunationalismus.

Aber gelingt den – auch in ihrer politischen Orientierung – höchst unterschiedlichen Dalit-Organisationen die Verständigung auf ein gemeinsames Vorgehen? Als sich die Afroamerikanerin Rosa Parks 1955 weigerte, ihren für Weisse vorgesehenen Sitzplatz in einem Bus zu räumen, dauerte es noch eine Weile, bis die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA zu einer politischen Kraft wurde, die das Establishment nicht mehr ignorieren konnte.

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