Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

«Noch nie habe ich so viele unterernährte Kinder gesehen»

Der schlimmste je dokumentierte Choleraausbruch, erschwerte medizinische Hilfe, blockierte Hilfsgüter, kein sauberes Trinkwasser: Sanj Srikanthan, Europachef der Hilfsorganisation Rescue Committee, fordert mehr Unterstützung für den Jemen.

Interview: Meret Michel

WOZ: Sanj Srikanthan, Sie waren im Juli im Jemen. Wie haben Sie die Situation erlebt?
Sanj Srikanthan: Was mich am meisten schockiert hat, waren die vollen Märkte, die alle Arten von Früchten und Gemüse verkaufen. Aber die Leute können sich die Produkte nicht leisten. Die Wirtschaftslage ist desaströs, oft werden den Staatsangestellten ihre Löhne nicht bezahlt.

Laut der Uno herrscht im Jemen die weltweit schlimmste humanitäre Krise. Sie haben auch in anderen Konfliktregionen gearbeitet, auf Haiti, in Nordsyrien, im Südsudan. Was ist im Jemen anders?
Nirgends sonst habe ich so viele unterernährte Kinder gesehen wie im Jemen. Das wird durch Zahlen der Uno bestätigt. Wir erfahren das auch bei unserer täglichen Arbeit: Die Kinder kommen unterernährt zu uns, wir behandeln sie, die Familien gehen wieder nach Hause – doch nach einiger Zeit kommen dieselben Familien wieder zu uns, weil sie sich das Essen für ihre Kinder nicht leisten können.

Die Stockholmer Friedensverhandlungen im Dezember 2018 wurden als Durchbruch gefeiert. Unter anderem wurde eine Waffen- ruhe für die Stadt Hodeidah vereinbart, was wegen des Hafens für die Einfuhr von kommerziellen Waren und Hilfsgütern essenziell ist. Wie war die Situation, als Sie dort waren?
Nach den Verhandlungen waren wir zunächst zuversichtlich, dass der Friedensprozess vorankommt und beide Kriegsparteien die Einfuhr von Hilfsgütern über Hodeidah erleichtern. Doch in der Realität passiert das nicht. Ich würde sogar schätzen, dass die administrativen Hürden ebenso viele Leute das Leben kosten wie die Bombenangriffe.

Wie sehen diese Hürden genau aus?
Es dauert sehr lange, um die Hilfeleistungen aus dem Hafen zu bringen, besonders in Hodeidah. Die Hilfe kommt erst mit grosser Verspätung bei den Leuten an. Auch potenzielle Kämpfe sind ein Hindernis für den Transport. Vor allem bei medizinischen Gütern ist es essenziell, dass es keine Unterbrechung in der Verfügbarkeit gibt. Dabei wäre es nicht schwierig, das zu ändern. Es braucht einfach bessere bürokratische Prozesse, zum Beispiel den uneingeschränkten Zugang zum Hafen in Hodeidah, was heute nicht der Fall ist. Natürlich fordern wir auch ein Ende der Kämpfe – aber auch mit solchen kleinen Verbesserungen könnte man Leben retten.

Sie arbeiten im Jemen unter anderem mit mobilen Gesundheitsteams. Wie muss man sich deren Arbeit vorstellen?
Unsere Teams in den mobilen Krankenstationen arbeiten unter schwierigen Bedingungen: fünf Tage die Woche, jeden Tag an einem anderen Ort. Einige Standorte sind von Trümmern übersät. Einer befindet sich neben einem inoffiziellen Flüchtlingslager. Dort arbeiten unsere Mitarbeiter unter den Bäumen: Unter einem ist die Station für unterernährte Kinder, unter einem anderen eine Erste-Hilfe-Station und unter einem dritten eine Station für Familien. So behandeln sie dort jeden Tag etwa 150 Patienten. Das ist mehr, als unsere Richtlinien eigentlich empfehlen.

Wie wirken sich die Verzögerungen beim Transport der Hilfsgüter auf die Arbeit der Kliniken aus?
Ein Arzt sagte mir, die Antibiotika, die ihm zur Verfügung stünden, seien nicht stark genug, um einen Harninfekt – eine häufige Krankheit von Kindern auf der Flucht – zu behandeln. Aber er hat nichts anderes – wegen der bürokratischen Hürden und Verspätungen. Zudem kommt es immer wieder vor, dass Patienten nach einer gewissen Zeit woandershin fliehen oder in ihre Dörfer zurückgehen, wenn die Kämpfe aufgehört haben. Das macht es für uns schwierig, ihre Fälle weiterzuverfolgen. Deswegen haben wir angefangen, mit mobilen Kliniken zu arbeiten. Früher waren wir noch stationär in einem Gebäude untergebracht.

Im Jemen herrscht derzeit der schlimmste Choleraausbruch, der je dokumentiert wurde. Wie kann die Epidemie bekämpft werden?
Das grösste Problem bei Cholera ist, dass es sehr lange dauert, sie ganz auszurotten, wenn sie einmal da ist. Wir haben eine konstante Zunahme von Cholerafällen im Jemen. Ich habe auf meiner Reise zwar keine Cholerafälle gesehen, aber viele Patienten mit Durchfall, bei denen das Risiko eines Choleraausbruchs besteht.

Die einzige Möglichkeit, die Krankheit einzudämmen, ist, sauberes Trinkwasser zu gewährleisten. Aber dazu müssten die Bombenangriffe aufhören. Denn diese beschädigen häufig die Trinkwasserversorgung, sodass die Menschen grosse Risiken auf sich nehmen, um überhaupt an Wasser zu kommen. Es ist ein Phänomen, das wir aus anderen Kriegen kennen: Die meisten Menschen sterben nicht direkt durch Kampfhandlungen, sondern an Krankheiten und indirekten Folgen des Krieges.

Was müsste generell getan werden, um das Leid der Bevölkerung zu lindern?
Wir brauchen mehr Hilfe im Kampf gegen die Unterernährung, um alle betroffenen Kinder erreichen zu können. Und wir müssen an der Bereitstellung von sauberem Trinkwasser arbeiten. Wir haben ein Projekt in einem Dorf, wo wir einen Ziehbrunnen mit Solarzellen aufgerüstet haben, wodurch das Wasser automatisch an die Oberfläche gepumpt werden kann, statt dass man es mit Kesseln hochziehen muss. Die langfristige Lösung wäre aber natürlich, dass der Staat in der Lage ist, sauberes Trinkwasser bereitzustellen. In vielen Dörfern ausserhalb der Stadt Aden im Süden ist die Versorgung mit sauberem Trinkwasser derart schlecht, dass die Leute das Wasser von Privatfirmen kaufen müssen. Viele können sich das nicht leisten.

Was die Armut angeht: Wir glauben, dass monetäre Unterstützung sehr effektiv ist. Ich weiss: Viele Leute sind skeptisch bei der Idee, den Leuten einfach Geld in die Hand zu drücken. Aber wenn Sie einer Familie Geld geben, deren Kinder Hunger leiden, werden sie es entweder dafür brauchen, Nahrungsmittel zu kaufen – oder sie machen selber ein Geschäft daraus, indem sie Güter kaufen und weiterverkaufen, um mit dem Gewinn ihre Familie zu ernähren.

In den letzten Wochen haben sich die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) offiziell aus dem Jemen zurückgezogen; im Süden des Landes sind derweil Kämpfe zwischen den Separatisten und der Regierung ausgebrochen, die von Saudi-Arabien unterstützt wird. Wie könnte sich das auf die humanitäre Lage auswirken?
Immer wenn Kämpfe ausbrechen, erschwert dies die Arbeit von Hilfsorganisationen. Wir sind immer noch in der Lage, unserem Programm zu folgen. Aber Hilfsgüter ins Land zu bringen, könnte schwieriger werden, weil die Einfuhr über den Hafen von Aden verzögert werden könnte. Gleichzeitig könnte der Rückzug der VAE die Kriegsparteien der Erkenntnis einen Schritt näher bringen, dass es keine militärische, sondern nur eine politische Lösung des Konflikts geben kann. Aber das dauert lange – und gleichzeitig sterben täglich Menschen an den Folgen des Krieges.

Mitte September wurden zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien von Drohnen angegriffen. Die Huthi haben sich dazu bekannt, die USA und Saudi-Arabien sehen den Iran hinter der Attacke. Welche Folgen könnte das für die Situation im Jemen haben?
Die Jemeniten sind gefangen in einem Krieg, der durch regionale und geopolitische Rivalitäten weiter vorangetrieben wird. Wir sollten nicht vergessen, wie sehr die Attacken auf die Ölfelder die humanitäre Katastrophe gar noch verschlimmern könnten. Unabhängig davon, wer für den Angriff verantwortlich ist, sollte ein baldiges Ende des Krieges für alle Involvierten Priorität haben.

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