Nr. 40/2019 vom 03.10.2019

Zimmermann vor Gericht

Von Susan Boos

Reform 91 versteht sich als Selbsthilfeorganisation von Strafgefangenen und hat sich immer wieder für die Rechte von Häftlingen eingesetzt. Im Frühling vor einem Jahr lancierte der Verein zum Beispiel eine Petition gegen Isolationshaft. Prägende Figur von Reform 91 ist seit Jahren Peter Zimmermann, der selber dreissig Jahre – vor allem wegen sexueller Handlungen mit Minderjährigen – in verschiedenen Strafanstalten verbracht hatte.

Seit mehreren Monaten hat man nun aber nichts mehr von Reform 91 und Zimmermann gehört. Auf Nachfrage teilte seine Lebenspartnerin mit, er leide unter Herzproblemen und habe sich den Oberschenkel gebrochen. Das mag stimmen. Der Hauptgrund war jedoch, dass Zimmermann seit Ende 2018 in Haft sitzt. Ein heute 18-jähriger Mann beschuldigte Zimmermann, er habe ihm vor drei Jahren Alkohol verabreicht und ihn sexuell missbraucht. Nun hat vergangene Woche in Frauenfeld der Prozess stattgefunden. Laut der Nachrichtenagentur Keystone-SDA berichtete der junge Mann, wenn er Streit mit den Eltern gehabt habe, sei er zu Zimmermann gegangen. Es habe zwei Treffen gegeben, nachdem er jeweils zuvor aus dem Internat abgehauen sei. Sie hätten jeweils geredet, und dann habe Zimmermann ihn gefragt, ob er ihn massieren könne. Er sei von Zimmermann gedrängt worden, habe Angst gehabt und nicht gewusst, wie er mit der Situation umgehen solle. Gewalt sei aber keine im Spiel gewesen.

Der heute 79-jährige Zimmermann bestritt vor Gericht die Anschuldigungen. Das Gericht glaubte aber dem jungen Mann und verurteilte Zimmermann zu dreissig Monaten Haft und einer ambulanten Therapie. Weiter verhängte es ein zehnjähriges Verbot für Tätigkeiten, bei denen er regelmässig mit Minderjährigen Kontakt hat. Das Gericht folgte damit in fast allen Punkten den Anträgen der Staatsanwaltschaft.

Die Frage ist, wie es nun mit dem Verein Reform 91 weitergeht. Der Berner Jurist Walo C. Ilg, der mit Zimmermann im Vorstand des Vereins sitzt, sagte gegenüber der WOZ, es sei eine schwierige Situation. «Wir werden den Verein konzeptionell und personell neu aufstellen müssen.»

Nachtrag zu den Artikeln «‹Ich werde keine Ruhe geben›» in WOZ Nr. 17/2018 und «Als man noch darüber nachdachte, warum Strafen nichts bringen» in WOZ Nr. 35/2018.

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