Nr. 41/2019 vom 10.10.2019

Rote Gräfin, reiche Kommunistin

Hermynia Zur Mühlen und Mentona Moser verrieten beide ihre Herkunft und widmeten ihr Leben dem Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit. Zwei vergessene Aktivistinnen – neu entdeckt.

Von Eva Pfister

Im Ehrenhain der SozialistInnen auf dem Friedhof Friedrichsfelde in Ostberlin findet sich das Grab einer Schweizerin: Mentona Moser (1874–1971). Noch zu DDR-Zeiten machte die Schriftstellerin Irmtraud Morgner ihre Schweizer Kollegin Eveline Hasler auf die Kommunistin aufmerksam und regte sie dazu an, sich mit dieser Frau zu beschäftigen. Seit diesem Frühling liegt das Ergebnis vor, der «Roman eines Lebens» mit dem Titel: «Tochter des Geldes. Mentona Moser – die reichste Revolutionärin Europas».

Ihr Vater, der Uhrenfabrikant Heinrich Moser, der durch die Gründung der Schaffhauser Wasserwerke A.G. die Industrialisierung in der Ostschweiz vorantrieb, starb im Oktober 1874, vier Tage nach Mentonas Geburt. Sie wuchs mit ihrer Mutter, der älteren Schwester Fanny und vielen Dienstboten auf der Halbinsel Au am Zürichsee auf. Trotz des legendären Reichtums war die Mutter von einer Art Armutsparanoia befallen; sie betrog die Kinder aus Heinrich Mosers erster Ehe um ihr Erbe und knauserte beim Personal.

Auf sich allein gestellt

Mentona Moser ging unbeeindruckt ihren eigenen Weg, der sie erst nach England zur sozialen Arbeit führte. Als Sozialistin, später als Mitglied der Kommunistischen Partei, setzte sie dieses Engagement in Zürich fort: 1908 gab sie die ersten «Kurse zur Einführung in weibliche Hilfstätigkeit für soziale Aufgaben». Sie gründete einen Blindenverein sowie eine Fürsorgestelle für Tuberkulosekranke. Als ihre Ehe mit dem Juristen Hermann Balsiger während des Ersten Weltkriegs in die Brüche ging, lebte sie mit ihrer Tochter und dem kranken Sohn von der Hand in den Mund. Von ihrer Mutter erhielt sie keine Unterstützung, ebenso wenig von ihrem geschiedenen Ehemann.

Zur gleichen Zeit erlebte auch Hermynia Zur Mühlen, wie es ist, auf sich allein gestellt zu sein: 1883 in Wien als Tochter eines Grafen Folliot de Crenneville geboren, dessen Familie 1789 vor der Revolution aus Frankreich nach Österreich geflohen war, hatte auch Hermynia eine lieblose Mutter, die sie gern zu Verwandten abschob. Viel Zeit verbrachte das Kind bei ihrer aus England stammenden Grossmutter, die liberale Ansichten vertrat und ihr den Sinn für Gerechtigkeit einimpfte. Ausserdem liebte Hermynia ihren Onkel, der wie ihr Vater im diplomatischen Dienst tätig war, aber ein ironisches Verhältnis zum eigenen Stand pflegte. Sie erinnerte sich: «Er, der im Ministerium des Äusseren der ‹rote Graf› hiess und dem seine liberale Gesinnung viel geschadet hat, rief mich, wenn Gäste da waren, mit besonderem Vergnügen in den Salon und fragte: ‹Wohin gehören die Aristokraten?›, worauf ich mit unerschütterlicher Überzeugung zu antworten hatte: ‹An die Laterne!›»

Kaum volljährig, heiratete Zur Mühlen gegen den Willen ihrer Eltern einen baltischen Grossgrundbesitzer, den sie in Meran beim Tanz kennengelernt hatte. Von der Realität im damals russischen Estland war sie allerdings geschockt. Die deutsch-baltischen Gutsherren beuteten ihre ArbeiterInnen hemmungslos aus, unterstützt von den Gesetzen des Zarenreichs. Vergeblich versuchte Zur Mühlen, einige soziale Standards durchzusetzen, etwa eine Schule für die Landarbeiterkinder zu gründen. Der dumpfe Landadel lächelte nur über die seltsame österreichische Gräfin.

1913 kam sie wegen ihrer Tuberkuloseerkrankung – von der sie nie genesen sollte – nach Davos, wo sie ihren Lebenspartner Stefan Klein, einen ungarischen Publizisten, kennenlernte. 1917 feierten die beiden die russische Revolution, danach blieben die Zahlungen des Ehemanns aus. Hermynia Zur Mühlen begann, als Übersetzerin zu arbeiten, schrieb dann Buchkritiken und schliesslich Kurzgeschichten und Romane.

Mit Worten und Taten

Ihren Ruhm als «rote Gräfin» verdankte die Autorin ihren proletarischen Märchen. Gleich der erste Band, «Was Peterchens Freunde erzählen», 1920 im Berliner Malik-Verlag mit Illustrationen von George Grosz erschienen, wurde ein grosser Erfolg und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Alle Märchen enthalten eine revolutionäre Botschaft, im Fall der originellen Titelgeschichte wird sie von den Gegenständen in Peterchens Zimmer überbracht. Dem kranken Kind erzählen die Kohlen vom Leid der Bergleute, die Wasserflasche von der harten Arbeit der Glasbläser und die bunte Bettdecke vom Elend in der Färberei.

Über das Leben von Hermynia Zur Mühlen ist viel aus ihren autobiografischen Romanen bekannt, die jetzt in einer vierbändigen Werkausgabe vorliegen. Neben Romanen, Erzählungen und journalistischen Texten beeindrucken darin die ausführlichen Kommentare des Herausgebers Ulrich Weinzierl über Vita und Wirkung der «roten Gräfin», die nach ihrem Tod 1951 fast vergessen wurde. Eine ähnlich vorbildliche Darstellung der Biografie von Mentona Moser fehlt bisher. Die Schweizerin verfasste zwar eine Lebensgeschichte, doch die ist vergriffen. Eveline Hasler entnahm diesen Memoiren die anschaulichen Details für ihren Roman; sie interessiert sich aber weniger für die politische Arbeit ihrer Protagonistin als für deren Privatleben und zeichnet so das Bild einer eher naiven, emotional gesteuerten Frau, die sich voll Mitleid und Tatkraft den Armen widmet.

Was Mentona Moser aber dazu gebracht hat, schon 1919 mit den SozialdemokratInnen zu brechen und Kommunistin zu werden, bleibt unklar. Immerhin gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Kommunistischen Partei der Schweiz und übernahm nach dem Tod von Rosa Bloch die Leitung der Frauenabteilung. Neben ihrer sozialen Arbeit bei Pro Juventute arbeitete sie in der Redaktion von «Die arbeitende Frau», kämpfte für das Wahlrecht der Frauen und für die Legalisierung der Abtreibung.

Rote Hilfe, Antifaschismus

Die spannendste Zeit in Mentona Mosers Leben begann 1925, als sie endlich über ihr Erbe verfügen konnte und grosszügig Projekte der Internationalen Roten Hilfe unterstützte. Sie reiste nach Russland, wo sie gemeinsam mit dem Schweizer Kommunisten Fritz Platten ein internationales Kinderheim auf die Beine stellte. Ihren Lebensmittelpunkt verlegte sie 1929 nach Berlin, wo sie Schallplatten mit Arbeiterliedern produzierte und eine Bibliothek für politische Gefangene betreute. Nach der Machtergreifung der NationalsozialistInnen kehrte sie in die Schweiz zurück. Von hier aus war sie – äusserlich eine elegante Dame – im antifaschistischen Widerstand tätig, unternahm Kurierfahrten in Europa und arbeitete illegal für die ab 1940 in der Schweiz verbotene Kommunistische Partei.

Die informativste Publikation über Mentona Moser, ihre Lebensgeschichte «Unter den Dächern von Morcote», herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Ilse Schiel, erschien in der DDR. Das ist kein Zufall: 1950 wurde die verarmte Kommunistin von ihrem einstigen Mitkämpfer in der «Roten Hilfe», dem Staatspräsidenten Wilhelm Pieck, eingeladen, in der DDR zu leben. Als angesehene Bürgerin der DDR verbrachte sie in Ostberlin ihren Lebensabend. Sie wurde fast 97 Jahre alt – und war in der Schweiz so vergessen wie Hermynia Zur Mühlen in Österreich.

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