Nr. 42/2019 vom 17.10.2019

Sag mir, wo die LeserInnen sind

Das wissenschaftliche Jahrbuch «Qualität der Medien» warnt: Immer mehr Menschen in der Schweiz sind mit News unterversorgt. Doch was bedeutet das für den Journalismus?

Von Kaspar Surber

Minus vierzehn Prozent bei der NZZ. Minus neun Prozent bei «Tages-Anzeiger» und «Blick». Ein Einbruch auch bei «20 Minuten», ebenso bei den Sonntagszeitungen. Die Entwicklung der LeserInnenzahlen bei den Medientiteln in der Schweiz kann man nicht anders bezeichnen als dramatisch. Das spürte offenbar auch die AG für Werbemedienforschung (Wemf), die im Auftrag der Verlage und Werbetreibenden regelmässig die Reichweiten misst. Sie verzichtete diesen Herbst auf eine Vorabmeldung ihrer Erhebung, die Zahlen fanden deshalb medial nur eine geringe Beachtung.

Ein paar wenige Tendenzen sind an der Wemf-Statistik dennoch erfreulich. Ein forcierter Rechtskurs, wie ihn die NZZ unter Chefredaktor Eric Gujer verfolgt, zahlt sich offenbar nicht aus: Sie verliert prozentual fast doppelt so viele LeserInnen wie die anderen Tageszeitungen. Das Gleiche ist bei der «Weltwoche» von SVP-Verleger Roger Köppel zu beobachten, die sich auf einem Allzeittief befindet. Dafür geht es bei der «Basler Zeitung» wieder etwas aufwärts, seit Christoph Blocher sie an Tamedia verkauft hat. Die Rechten sind wohl doch nicht so gut im Wirtschaften, wie sie es in ihren Leitartikeln gerne predigen.

Noch etwas Positives: Die grösseren Regionalzeitungen wie das «St. Galler Tagblatt», die «Aargauer Zeitung» oder «Berner Zeitung»/ «Bund» können ihre Reichweite halten. Und die WOZ wächst weiter. Ein schönes Zeichen des Vertrauens, aber längst keine Kompensation der hohen Verluste anderswo. Die grosse Frage bleibt: Wo sind die LeserInnen hin?

News sind Nebensache

Ins Internet natürlich, lautet die einfache Antwort. Doch die verbreitete Vorstellung eines fliessenden Übergangs, bei dem sich Print- sukzessive in OnlineleserInnen verwandeln, erweist sich als falsch. Was in der Mediennutzung passiert, ist kein Übergang, sondern ein Umbruch: Immer mehr Leute kommunizieren über digitale Plattformen, treffen dabei jedoch auf immer weniger journalistisch recherchierte Inhalte.

Diesen Schluss lässt das Jahrbuch «Qualität der Medien» zu, das Anfang dieser Woche veröffentlicht wurde. Der vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Fög) der Universität Zürich erarbeitete Bericht feiert in diesem Jahr seine zehnte Ausgabe. Von der Medienbranche wird er gerne belächelt, weil die AutorInnen die inhaltliche Qualität von Medien bewerten. Über die Möglichkeit und Unmöglichkeit eines solchen Rankings lässt sich streiten. Doch gerade weil das Jahrbuch die Auseinandersetzung sucht, liefert es immer wieder bemerkenswerte Einsichten für die medienpolitische Diskussion.

So lässt sich etwa bei der Mediennutzung über die letzten zehn Jahre beobachten, dass vor allem eine Gruppe stark gewachsen ist: jene von Personen, die weit unterdurchschnittlich von Nachrichten erreicht werden. Die MedienforscherInnen sprechen deshalb etwas umständlich von «News-Deprivierten» (Deprivation bedeutet Mangel). Treffender wäre vielleicht die Bezeichnung News-Deprimierte: Das gesellschaftliche Bild dieser Menschen ist geprägt von Berichten über Skandale und Krisen, Unfälle und Katastrophen.

Rückblickend ist die Gruppe in der Schweiz seit 2009 um 15 Prozent auf mittlerweile 36 Prozent der Gesamtbevölkerung angewachsen, in den letzten beiden Jahren war der Anstieg besonders markant. Die Unterversorgung mit Informationen ist für die AutorInnen gleich in mehrfacher Hinsicht problematisch: Sie gehe mit einem geringen politischen Wissen und einer tiefen Beteiligung an demokratischen Prozessen einher – und mit fehlendem Vertrauen in die Institutionen.

In der Echokammer

Dazu passen die Ergebnisse zum Nutzungsverhalten von Social-Media-Kanälen wie Facebook oder Instagram und Messengerdiensten wie Whatsapp. Mit Abstand am häufigsten werden Facebook und Instagram für den sozialen Austausch genutzt, das zweithäufigste Motiv ist Unterhaltung. Die Wahrnehmung von News spielt hingegen nur eine nachgelagerte Rolle. Lediglich Youtube-Videos werden bewusst als Informationsquelle geschaut. «Die Nutzung der sozialen Medien fördert damit die News-Deprivation», heisst es dazu im Jahrbuch des Fög.

Die ForscherInnen warnen insbesondere vor den Folgen der Messenger für die politische Diskussion. Vor allem Facebook fördert die Dienste stark, weil sie als private Kommunikationskanäle weniger reguliert werden können. So kann sich der Konzern der Kritik an Fake News, Hate Speech und seinem sorglosen Umgang mit privaten NutzerInnendaten entziehen. Wie sich etwa in Brasilien vor der Wahl des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro gezeigt hat, fördern die Messengerdienste die Privatisierung gesellschaftlicher Diskussionen und führen in Echokammern, wo sich nur noch Gleichgesinnte treffen.

Alles andere ist PR

In der Schweiz ist die Desinformation generell noch kein Problem, wie eine Umfrage unter 2000 InternetnutzerInnen durch das Fög zeigt. Nur 27 Prozent der Befragten geben an, Berichten mit absichtlich verfälschten Tatsachen begegnet zu sein, gar nur 13 Prozent frei erfundenen Berichten. Das ist deutlich weniger als in einer internationalen Vergleichsstudie. Entsprechend hoch ist in der Schweiz das Vertrauen in die klassischen Medien. Die NutzerInnen trauen ihnen weit mehr als Suchmaschinen oder den Social Media. Bemerkenswert dabei ist: Gerade die jüngsten Social-Media-KonsumentInnen stehen den Plattformen am kritischsten gegenüber.

So lässt sich der widersprüchliche Befund konstatieren, dass das Vertrauen in den Journalismus zwar immer noch sehr hoch ist, dieser aber immer weniger zu den LeserInnen findet. Und sich immer weniger finanzieren lässt. In der Schweiz geben derzeit lediglich elf Prozent der UserInnen Geld für digitale News aus, in den skandinavischen Ländern sind es deutlich mehr: in Norwegen etwa mehr als ein Drittel.

Eine stärkere staatliche Medienförderung ist deshalb nicht einfach wünschenswert: Sie ist dringend notwendig, um die elementaren Strukturen eines funktionierenden Journalismus aufrechtzuerhalten und journalistische Inhalte zu den Leuten zu bringen. Die Vorschläge des Jahrbuchs – eine Förderung des Journalismus fern seines Trägermediums sowie eine gemeinwirtschaftliche Digitalinfrastruktur – weisen denn auch in die richtige Richtung.

Gegen die staatliche Medienförderung wird gerne eingewendet, sie könnte die Inhalte der Berichterstattung beeinflussen. Doch das Gegenteil ist viel eher wahrscheinlich, wie das Jahrbuch anhand einer Auswertung der Twitter-Kommunikation in der Schweiz belegt. Stark ist dabei vor allem der Einfluss von politischer PR.

Ein Eindruck, den wohl die meisten Medienschaffenden bestätigen können: Nichts ist in der täglichen Arbeit so dominant wie das Framing von politischen Themen. Das Rahmenabkommen mit der EU ist gut? Die AHV lässt sich nicht länger finanzieren? Bundesanwalt Lauber muss wiedergewählt werden? PR-Abteilungen, meist mit ehemaligen JournalistInnen bestückt, versuchen, in Medienmitteilungen und mit Interviewangeboten die Antworten auf diese Fragen in die gewünschte Richtung zu lenken.

Auch das ist eine paradoxe Einsicht zur gegenwärtigen Mediensituation: Der Staat muss den Journalismus fördern, um die BürgerInnen vor der Politik zu schützen.

Das Jahrbuch «Qualität der Medien» ist auf www.qualitaet-der-medien.ch abrufbar, gedruckt erscheint es im Schwabe-Verlag.

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