Nr. 45/2019 vom 07.11.2019

Der Traum als Schlafkissen

Gefangen in der Raubtiergrube, und dann nehmen die Löwen Witterung auf: Was will uns ein solcher Traum sagen? Sechs DeuterInnen und eine Künstlerin gehen auf Traumstation.

Von Olaf Knellessen, Husam Suliman und Fabian Ludwig

Was bedeutet der Traum von der Löwengrube? Eine zeichnerische Deutung von Karoline Schreiber.

Auf einmal ergab alles einen Sinn: «Niemand hat eine Ahnung davon», schrieb Sigmund Freud 1897 an seinen Freund Wilhelm Fliess, «dass der Traum kein Unsinn ist, sondern eine Wunscherfüllung.» Mit dem Erscheinen der «Traumdeutung» sollte zwei Jahre später auch die Öffentlichkeit den geheimen Sinn der Träume erfahren. Der Traum, so Freud, sei der «Hüter des Schlafes»: Wünsche, die sich in der Nacht regen und uns wecken könnten, werden im Traum als bereits erfüllt dargestellt, sodass wir in aller Ruhe weiterschlafen können.

Weil sich unter diesen Wünschen aber auch solche befinden, von denen wir nichts wissen wollen und die wir im Wachzustand weit von uns weisen würden, sind dazu Entstellungen notwendig. Diese Entstellungen werden von der «Traumarbeit» geleistet, die die latenten Wünsche in vielgestaltiger Weise zum manifesten Traum umarbeitet: Mehrdeutigkeiten und «Tagesreste» werden genutzt, um verschiedene Gedanken zu einem Traumbild zusammenzuziehen, Wünsche und Gefühle werden verschoben und in ihr Gegenteil verkehrt, aus Lust wird Angst, aus Innen wird Aussen, Nebensächliches wird wichtig und umgekehrt. Entlang von solchen Metamorphosen werden verdrängte Wünsche im Traum immer wieder neu als erfüllt dargestellt und zugleich verhüllt.

Von seiner Funktion als «Hüter des Schlafes» her gedacht, wäre der ideale Traum folglich der, aus dem wir nicht erwachten, den wir am nächsten Morgen nicht einmal mehr erinnern könnten. Zu unserem Glück gehen viele Träume schief, sodass sie unser Leben irritieren und begleiten in ihrer Fremdartigkeit, die doch aus uns selber hervorgeht. Dass dies nicht alleine für die Psychoanalyse gilt, sondern für unser Leben und Schaffen überhaupt, ist dem Vernehmen nach sogar schon amtlich beglaubigt worden: Dem Regisseur Helmut Dietl soll es gelungen sein, sein Bett als Arbeitsinstrument von den Steuern abzuziehen – er lieferte dem Finanzamt den Nachweis, dass die Idee für eine Filmszene seiner «Münchner Geschichten» aus einem Traum stammte.

Ein solcher Traum nun, der nicht nur irritiert hat, sondern auch weitererzählt worden ist, ist der Traum von der Löwengrube, der uns im Hinblick auf das Traumfestival im Theater Neumarkt erreicht hat. Der Traum hätte uns aber auch im Rahmen einer psychoanalytischen Behandlung oder anderswo erreichen können. Er wurde AnalytikerInnen sowie einer Künstlerin vorgelegt. Ein jeder und eine jede von ihnen hat den Traum gedeutet, allein aufgrund der Traumerzählung. In diesen Deutungen gibt es Ähnlichkeiten und Unterschiede, und keine der Deutungen ist «die richtige». Dies nicht bloss, weil den DeuterInnen die Umstände und Assoziationen zum Traum gefehlt haben, und auch nicht nur wegen individueller Präferenzen, sondern schlicht, weil sich ein Traum nicht erschöpfend deuten lässt und an unterschiedlichen Orten andere Formen annehmen wird.

Freud schrieb in der «Traumdeutung»: «Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichtum an unbewussten, nach Ausdruck ringenden Gedankengängen in unserem Denken eine Vorstellung zu machen und an die Geschicklichkeit der Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige Ausdrucksweise jedesmal gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der Schneidergeselle im Märchen.» So wird auch die Deutung eines Traumes wohl kaum zu einer Eindeutigkeit führen können, nach der «nichts mehr passieren kann» – zum Glück.

Traum von der Löwengrube

Ich befinde mich in einer tiefen Grube mit erdigen Wänden. Plötzlich entpuppt sich die Grube als Raubtiergehege, wie es sie in den Zoos gibt, mit Felsen, da und dort Pflanzen und Bäumen. Im selben Moment entdecke ich auch einen Löwen, der in etwa acht Meter Entfernung auf dem Boden liegt und den Kopf hebt. Er beginnt, Witterung aufzunehmen.

Ich erschrecke zutiefst und weiss nicht, ob ich stehen bleiben soll oder versuchen wegzurennen, aus der Mulde zu kommen, was nicht zu schaffen wäre. Eine zweite Raubkatze wird sichtbar. Ich bekomme noch mehr Angst, und sogleich erscheint hinter einem Baum eine dritte. Ich kann mich nicht bewegen vor Angst, es geht auch alles sehr schnell. Die dritte Raubkatze kommt auf mich zu, und wie sie näher kommt, entpuppt sie sich als Frau, die ein Löwenkostüm trägt, eines, wie man es an der Fasnacht sehen kann. Die Hände sind kaschiert als Löwenpfoten, und auf dem Kopf trägt sie eine Art Löwenkopfmütze, daran hängt ein Umhang aus Löwenfell. Sie kommt rasch zu mir und stellt sich mit ausgebreitetem Umhang schützend vor mich hin, sodass mich die Löwen, die in der Zwischenzeit immer näher gekommen sind, nicht mehr sehen und nicht mehr riechen können.

Im Schutz des Umhangs der Frau gelingt es mir, aus der Grube zu klettern, und dabei habe ich das Gefühl, dass mir mit ihr nichts mehr passieren kann. Dann erwache ich.

Auf den Kopf gestellt

Furchtbar! Furchtbar, dieser Schluss: dieses Gefühl, dass ihr – der träumenden Person – nichts mehr passieren kann. Kein Wunder, wacht sie genau aus Angst davor auf. Man wacht auf, wenn die Angst im Traum zu gross wird, dann nämlich kann der Traum seine Funktion als Hüter des Schlafs nicht mehr erfüllen. Das furchtbare Ende des Traums wäre dann Zeichen einer Umkehrung: dass unbedingt etwas passieren soll, dass man gefressen werden will, dass man es riechen und schmecken will, es schleicht sich ja schon an, die Witterung ist schon aufgenommen, es liegt schon in der Luft, dass es nicht nur einmal, sondern mindestens dreimal passieren soll und mit der 8 sogar noch viel, viel öfter, die muss man ja nur hinlegen, dann wird sie zur Chiffre der Unendlichkeit. Und wenn die dritte Raubkatze «auf mich zukommt», dann ist das ein Auftakt zum Tanz, ist Lust und Sinnlichkeit, mit erdigen Wänden, mit wuchernden Pflanzen und Bäumen, das ist Fasnacht, Verkleidungen, Metamorphosen der Lust, Verhüllungen, die Enthüllungen und wieder Verhüllungen sind, weil sich die Dinge immer wieder umkehren können. Natürlich auch die von Mann und Frau. Ist der Löwe eine Raubkatze, die Raubkatze ein männliches Tier?

Als Kehrseite würde die Umkehrung dann auch das Innen des Umhangs zum Aussen, das Aussen zum Innen machen, sodass die Frau nicht nur im Löwenanzug ist, sondern die Raubkatze selbst. Die äussere Bedrohung der Löwengrube würde dann zum Wunsch und vor allem zur Lust, die lauert, die sich versteckt und darauf wartet, loszuspringen, sich nicht nur auf die träumende Person, sondern auch aus ihr herauszustürzen. Und das Ende ist dann nicht einfach ein Ende, sondern der Anfang dessen, dass es nicht einfach drinnen bleibt beim Traum, dass er vielmehr aus sich herausgeht und drängt. So wird das Furchtbare wieder zur Anziehung, zur Lust.

Zu einer Lust, für die man ja auch schon gebüsst hat – immerhin ist man schweissgebadet aufgewacht –, der man sich umso mehr hingeben kann. Angst und Lust subtrahieren sich dann nicht, sie verstärken sich und gehen weiter. Das ist die Löwengrube – oder die Löwinnengrube?

Der Traum ist ja auch eine Serie – erst ein Löwe, dann eine Raubkatze, dann eine weitere Raubkatze –, er ist nicht abgeschlossen, geht immer weiter, dreht sich, formt sich ständig um, nimmt den Tag in die Nacht – Freud nannte dies die «Tagesreste» – und hüllt diesen wieder in den Umhang der Nacht. Träume stellen die Ordnung auf den Kopf, machen das Ende zu einem Anfang, den Tag zur Nacht und umgekehrt, sie stören uns, sie packen uns und reissen uns weg in andere Welten mit anderen Sprachen. Und das Aufwachen ist immer ein anderes.

Olaf Knellessen, Husam Suliman, Fabian Ludwig

So ein Frust, da kommt die Fasnacht

Auweia, dieser Anfang! Da denkt man gleich an das Kinderlied «Häschen in der Grube», tief unten und gar nicht gemütlich. Aber nein, der Träumerhase ist nicht krank und kann nicht mehr hüpfen, es wird doch noch ganz lebendig. Die Natur hält Einzug in der erdigen Grube, starke Felsen, Pflanzen spriessen, und Bäume ragen hoch, aber vorläufig alles noch harmlos und gut gesichert im Zoogehege. Und dann gehts los mit dem Auftritt der Löwen, acht Meter ist der erste entfernt, im Nu werdens eins, zwei, drei, die Spannung steigt, die Katzen nehmen Witterung auf. Oder hat der Träumer gar selber etwas gewittert, das ihn angstvoll erregt? Ein Schreckmoment in höchster Ambivalenz – bleiben oder flüchten? Wie vom Blitz getroffen, wird der Träumer – man kann sich fast nur einen Mann vorstellen – starr vor Angst. Sind die Raubkatzen vielleicht doch keine Büsigespielinnen, sondern gefährliche Wesen, die gleich zuschlagen werden?

Danach muss es schnell gehen, so eine Erstarrung, Erregung hält ja nicht ewig. Wie eine Kamera zoomt der Träumer die dritte Löwenkatze immer näher ran – aber nein, nix gewesen mit wildem Gerangel: So ein Frust, da kommt die Fasnacht daher. Obwohl, an der Fasnacht gehts ja manchmal auch ganz ordentlich ab und hoch zu und her, aber hier ist alles nur Maskerade. Löwenpfoten wie Fäustlinge, nicht mal echte Krallen kriegt der arme Mann hier zu spüren: eine dämliche Mütze und ein schlappes Löwenfell dran, wie manche es sich gerne vor den Kamin legen (vor dem häuslichen Lagerfeuer lässt es sich gefahrlos dahinträumen …).

Und schon ist der ganze Spuk, die Auf- und Erregung vorbei, der Vorhang fällt beziehungsweise der Umhang verhüllt, die Löwen sind im Off, sehen und riechen nix mehr, alle Sinnlichkeit dahin! Da bleibt nur noch rausklettern und sich aus dem Staub machen, und tja, passieren wird da heute Nacht wohl eher nichts mehr. Schade, aber vielleicht ist Mann auch ganz froh, dass er dem räuberischen Weib entkommen ist und sich im Schutz des Umhangs davonstehlen kann. Nein, ein Grosswildjäger ist hier nicht unterwegs, aber Träumer in der psychoanalytischen Kur sind selten Grosswildjäger (höchstens kostümiert an der Fasnacht), ganz nach Horaz: Der Berg gebar eine Maus.

Und überhaupt, wer will denn heutzutage «die Frau» als Schutzengelmaskerade – ausser natürlich im Traum!

Ingrid Feigl

Was hat er nun von seinem Glück?

Wie alle Träume erfüllt dieser Traum einen Wunsch: die Rettung vor zwei Löwen durch einen dritten, bei dem es sich um eine als Löwin verkleidete Frau handelt. Da diese Wunscherfüllung aber bereits zum manifesten Traum gehört, muss der latente Wunsch ein anderer sein. Welcher? Die zweite Frage, die sich stellt: Warum erwacht der träumende Daniel in der Löwengrube ausgerechnet im Moment seiner Rettung, wenn die Metawunscherfüllung eines jeden Traums doch ist, den Schlaf zu hüten? Wie heisst es bei Kurt Tucholsky: «Der olle Mann denkt so zurück: / Wat hat er nu von seinen Jlück? … / Und darum wird beim happy end / im Film jewöhnlich abjeblendt.» Die Film-Traum-Analogie ist ja auch schon oft genug betont worden.

Und die dritte Frage: Kann man diesen Traum überhaupt deuten? Soll man? Mit Freud oder gegen Freud?

Freuds «Traumdeutung» ist ein Beweisbuch. Man versteht diese Funktion allerdings erst vom Ende des Buches her: Weil die Psyche nichts anderes antreibt als Wünsche, sind all ihre Hervorbringungen Wunscherfüllungen. Freud will nicht zeigen, dass mindestens 68 Prozent aller Träume Wunscherfüllungen sind. Sie sind es allesamt, weil sie im Rahmen der gewählten Modellierung des «psychischen Apparats» gar nichts anderes sein können.

Das vermeintlich induktive Vorgehen, bei dem er Traum um Traum als Wunscherfüllung und die Mechanismen der Entstellung analysiert, ist faktisch ein deduktives. Zu Beginn betont Freud, dass Träume im Wesen asoziale Produkte sind, singuläre Hervorbringungen, die nicht auf Allgemeinverständlichkeit angelegt sind. Ihren Sinn kann man nur entschlüsseln, wenn man sie in ihre Einzelteile zerlegt (also: analysiert), zu denen der Träumer dann seine höchst privaten Assoziationen mitteilt, mithilfe derer die Analytikerin die Entstellungsarbeit rückgängig macht und so den traumbildenden unbewussten Wunsch (synthetisch) rekonstruiert. Bereits in der ersten Auflage von 1900 wird die Behauptung der absoluten Singularität durch die Einführung «typischer Träume» konterkariert, und ab der vierten Auflage von 1914 kommt mit einer allgemeinen Traumsymbolik das gute alte Traumlexikon wieder zum Zuge, von dem Freud sich zuvor doch gerade verabschiedet hatte.

Freuds «Traumdeutung» ist nicht nur ein Beweisbuch, sondern auch ein Lehrstück für den Konflikt von Singularität und Verallgemeinerung in der Psychoanalyse. Was wäre eigentlich, wenn sich lediglich viele Träume als Wunscherfüllung deuten liessen? Was wäre, wenn nur knapp zwei Drittel aller Träume einen verborgenen Sinn hätten? Wie ernst (und allgemein) muss man den Gedanken Freuds nehmen, dass der Traum ein asoziales, singuläres, rein privates Gebilde ist, dessen Deutung ein spezielles technisches Arrangement voraussetzt?

Ceterum censeo: In diesem Traum wird eine erotische Fantasie inszeniert, bei der eine Luzerner Guggenmusikerin die Hauptrolle spielt. Das soll aber keiner merken. Google: «Guuggemusig Leuechotzeler» und «cougar».

Peter Schneider

Nicht ins Gehege kommen

Die Bewegung im Traum: Am Anfang der Naheindruck einer erdigen Umgebung, die sich dann in einer Art herauszoomender Operation einigermassen überraschend als Teil eines zoologischen Ausstellungsarrangements erweist – was man, in der tiefen Grube sitzend, vermutlich eher nicht so sehen kann. Teilung der Perspektive, die damit auch schon einen Publikumsblick aus einiger Entfernung enthält: Man sieht sich im Zoogehege, das die gefangenen Tiere durch Einzäunungen rahmt, wobei die felsig-bepflanzte Umgebung wie eine sich landschaftlich anähnelnde Theaterkulisse funktioniert. Im Traum ist man körperlich auf die Seite des Löwen versetzt, kultureller Inbegriff etwa von ersehntem Mut und Königlichkeit (auch wenn Löwen bei Zoobesuchen meist nur herumzuliegen scheinen …). Damit imaginiert man sich ebenso auf der Seite des Ausgestellten, Vorgeführten, Exhibierten wie spannungsvoll unterworfen und in Gefahr. Zumal sich die Raubkatzen auf dieser Traumbühne geradezu multiplizieren. Deren durch die Freiheitsberaubung im Grunde heraufbeschworene Rache kündigt sich offenbar an, die Spannung steigt …

Doch allzu schnell erweist sich die bereits eingehegte «Wildheit», je näher sie kommt, teils selbst als Kostümierung; es wird eine Imitation des in der Landschaftsattrappe ausgestellten Tiers dargeboten. Das Restanimalische erweist sich als die altbekannte weibliche Maskerade, die ebenfalls auf Blicke nur gewartet zu haben scheint und einen Zuschauenden voraussetzt, den sie dann nicht mal mehr täuschen kann. Wie in der Fasnacht verkleidet in Form einer kontrollierten Überschreitung, einer gebannten Gefahr. Die wild vorgestellten Tiere halten sich fern, die spannungsvolle Verwicklung verpufft. Der Traum läuft in das kulturelle Klischee der Raubkatzenfrau ein wie in einen sicheren Hafen. Ein Klischee, das hier weniger «erotisch-elegant» denn in «Löwenmutter»-Art funktioniert. Der Umhang schirmt mehrere Sinne ab und funktioniert wie ein Theatervorhang, der fällt. «Erlösung» in eine schützende Sicherheit, in der man, wenngleich dem Anschein nach befreit, eingezäunt und nun auch noch ohne Publikum gefangen bleibt.

Diese Vorstellung ist wahrlich ein Ende, nach dem nichts mehr passiert: Ohne auch nur einen Rest an Erschütterung ist sie so unerträglich, dass der Traum den Schlaf gerade nicht mehr schützen kann: Man muss, kaum zum Klettern befähigt, aus ihm fliehen – man erwacht.

Insa Härtel

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch