Nr. 47/2019 vom 21.11.2019

Türkische TV-Offensive

Erdogans Propaganda zielt immer wieder über die Landesgrenze hinaus. Der öffentlich-rechtliche Sender TRT will bald mit einem deutschen Ableger auf Sendung gehen.

Von Cigdem AkyolMail an AutorIn

Einen ersten Vorgeschmack auf den neuen Propagandakanal der türkischen TV-Anstalt TRT gibt es bereits: «Stell dir vor, dein Land ist seit dreissig Jahren mit terroristischen Angriffen konfrontiert», sagt eine Frauenstimme. Im Hintergrund ist eine Karte zu sehen, darauf eingezeichnet sind unter anderem die Türkei, Syrien und der Irak – und das Emblem der PKK, der kurdischen Arbeiterpartei. Zwar würden auch die westlichen Verbündeten die PKK als Terrororganisation verurteilen, «doch plötzlich taucht eine neue, grössere und viel weitreichendere Bedrohung auf, die dich und deine starken Verbündeten angreift» – gemeint sind die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG, die momentan von Ankara in Nordsyrien bekämpft werden. Diese sei eine grössere Bedrohung als Daesh, der sogenannte Islamische Staat, heisst es im Video. «Unsere deutschsprachige Nachrichtenplattform TRT Deutsch wird bald für Sie da sein. Ich wünsche dem neusten Mitglied unserer TRT-Familie viel Erfolg!», twitterte Ibrahim Eren, Direktor von TRT, der den Teaser gepostet hatte.

«Der Ausmerzer»

Der öffentliche-rechtliche Sender TRT ist fest in Regierungshand und sendet ausschliesslich Wohlwollendes über den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und seine Partei, die AKP. Damit auch deutschsprachige Menschen die türkische Sicht der Dinge verstehen, startet der Sender demnächst einen deutschen Ableger. Auf der Website www.trtdeutsch.com sind Stellen ausgeschrieben, als ReporterIn solle man die Recherchen selbst durchführen, lautet es in einer Ausschreibung. Von einer politischen Richtung ist nichts zu lesen, wie das Programm ausschauen und in welchem Umfang berichtet werden soll, ist noch nicht bekannt. Der Programmdirektor der internationalen Sparte, Serdar Karagöz, twitterte aber vorab: «TRT Deutsch wird bald die sozialen Probleme und Missstände in Deutschland und Europa unter die Lupe nehmen.» Dazu postete er einen ersten Beitrag von TRT Deutsch, der sich mit Armut in Deutschland befasst.

TRT hat bereits einen arabischen und einen englischsprachigen Ableger und ist vergleichbar mit Russia Today, dem Sender, der die Sicht des russischen Präsidenten Wladimir Putin in die Welt trägt. Wer für TRT arbeitet und sich an die Linie des Senders hält, muss keine Angst haben, mit Ankara in Konflikt zu geraten.

Seit Beginn der türkischen Militäroffensive im Nordosten Syriens hat sich die Situation für KritikerInnen zusätzlich verschärft. Alle, die den Einmarsch als «Krieg» bezeichnen und damit von der offiziellen Regierungslinie abweichen, die von einem «bewaffneten Konflikt» spricht, müssen mit Strafverfolgung rechnen – auch im Ausland.

So wurde Ende Oktober bekannt, dass Erdogans Anwälte wegen «Beleidigung des Staatsoberhaupts» Anzeige gegen das französische Wochenmagazin «Le Point» eingereicht haben. Laut der türkischen Nachrichtenagentur Anadolu richtet sich die Anzeige gegen den Auslandsressortleiter Romain Gubert und den Chefredaktor Étienne Gernelle.

Auf dem Cover der Ausgabe vom 24. Oktober war ein Bild des türkischen Präsidenten mit dem Titel «Der Ausmerzer» und der Unterzeile «Ethnische Säuberung: die Methode Erdogan» zu sehen. In seiner Titelgeschichte schrieb das Magazin über das Vorgehen Ankaras in Nordsyrien und fragte: «Werden wir ihm erlauben, die Kurden zu massakrieren – und Europa zu bedrohen?»

Peinliche Inszenierung

In der Türkei selbst ist die Begeisterung für den Krieg gross. Nahezu alle Medien sind auf Regierungskurs und machen Stimmung für die Intervention. Die Nachrichten gleichen teils einem Kriegsfilm voller Verschwörungstheorien. Diese Art der «Berichterstattung» gipfelte kürzlich in einer peinlichen Inszenierung: Ein Journalist des TV-Senders A Haber berichtete kniend mit Helm und schusssicherer Weste in einem dramatischen Ton, dass er an der syrischen Grenze sei und über ihn hinweggeschossen werde. Auf einem anderen Bild war allerdings ein stehender TRT-Reporter zu sehen, der in aller Ruhe über den Konflikt berichtete – der A-Haber-Kollege hockte hinter ihm. Das Bild sorgte auf Social Media für viel Spott. Journalistische Konsequenzen sind jedoch keine bekannt.

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